Hirnforschung Pause macht produktiv

Müßiggang ist eine wichtige Voraussetzung für Produktivität, das wissen Psychologen und Hirnforscher. Doch: Wer sich zu sehr gehen lässt, riskiert den geistigen Verfall.

Von Cinthia Briseño

Pause während der Arbeit: Selbst beim Nichtstun ist das Hirn aktiv
Corbis

Pause während der Arbeit: Selbst beim Nichtstun ist das Hirn aktiv


42 Kilometer in vier Stunden. Ein gestecktes Ziel braucht einen Plan. Anleitungen für Läufer, die einen Marathon in Angriff nehmen wollen, finden sich in Hülle und Fülle. Eine typische Woche vor dem Marathon sieht in etwa so aus: Dienstag: 12 Kilometer Tempo-Dauerlauf, Donnerstag: 12 Kilometer langsamer Dauerlauf, Samstag: 20 Kilometer sehr langsamer Dauerlauf, Sonntag: 10 Kilometer mittlerer Dauerlauf. Montag, Mittwoch und Freitag sind als "Ruhetag" im Trainingsplan eingezeichnet.

Das Prinzip der Regeneration ist Sportlern längst bekannt. Und es funktioniert. Nur wer sich die Erholung gönnt, das erklären Physiologen unisono, wird besser; gibt dem Körper die notwendige Zeit, sich an die steigenden Anforderungen anzupassen, Energiespeicher wieder aufzufüllen und Muskelmasse aufzubauen.

Ähnlich ist es um unsere geistige Leistungsfähigkeit bestellt. Die im Kalender eingetragenen Ruhetage einer klassischen Arbeitswoche sind Samstag und Sonntag. Aber weil die Leistungsgesellschaft zusehends zu einer Hektomatik-Welt verkommt, in der die 24/7-Erreichbarkeit Normalität ist und in der die Grenzen zwischen beruflich und privat immer mehr verschwimmen, schwinden auch die kontemplativen Phasen zur geistigen Regeneration.

Doch die brauchen wir, wenn wir die schöpferische Kraft unseres Denkens vollständig ausschöpfen wollen. Kreativität lässt sich nicht herbeiführen, für Kreativität gibt es keine Zaubertricks. Der Kreativitätsforscher Ernst Pöppel, Chef des Münchner Instituts für Medizinische Psychologie (IMP), ist der Meinung, dass man lediglich die Bedingungen schaffen kann, um seine eigene Kreativität zu fördern. Pöppel glaubt, dass es in unserer Gesellschaft einen "Kreativitätsstau" gibt, der "geradezu explodieren könnte, wenn die Büros in allen Institutionen täglich eine Stunde aus dem Kommunikationszwang aussteigen würden".

Wenn sich neue Synapsen ausbilden

Ähnlich, wie sich die Physis genau während der Phasen der Ruhe umwälzt, Herz- und Kreislauf sowie der Stoffwechsel sich an die neuen Anforderungen anpassen, findet Kreativität genau in jenen Momenten der geistigen Ruhe statt. Dann, wenn man nicht im Hamsterrad der Geschäftigkeit sitzt und stur seine Arbeit verrichtet. Bekanntermaßen nutzt etwa das Gehirn den Schlaf, um das zu verarbeiten, was es tagsüber gelernt hat. Zahlreiche Studien haben längst bewiesen, dass man über Nacht für so manches Problem eine Lösung findet, auf die man tagsüber partout nicht gekommen ist. Der Schlaf diene dazu, überflüssige Nervenverknüpfungen abzubauen und neue Synapsen indirekt zu festigen sowie die frischen Informationen vom Zwischenspeicher ins Langzeitgedächtnis zu transferieren, erklären Schlafforscher.

Mindestens genauso wichtig sind die bewusst erlebten Pausen. "Die Enzyklopädie der Faulheit" des deutschen Kulturwissenschaftlers Wolfgang Schneider versammelt bedeutende Persönlichkeiten, die sich Entschleunigung, Faulheit und Müßiggang als wesentliche Voraussetzungen für ihre Kreativität und auch für ihre psychische Gesundheit zunutze machten - darunter Churchill, Brecht oder Einstein. Faulheit - sofern man sie nicht als dumpfe Untätigkeit missversteht - sei produktiv. Schon seit der Antike bedeutete das Innehalten für Dichter und Denker einen unerschöpflichen Quell der Inspiration.

Aus Sicht der Hirnforschung ist das Nichtstun mitnichten eine Phase neuronaler Inaktivität. Die Idee eines Leerlauf-Modus im Gehirn beruht auf Beobachtungen von Neurowissenschaftlern, die mit Hilfe der Magnetresonanztomografie den Sauerstoff- und Energieverbrauch im Hirn messen: Werden Probanden aufgefordert, nichts zu tun und an nichts bestimmtes zu denken, weist ein ganz bestimmtes Netzwerk von Hirnregionen eine besonders hohe Aktivität auf. Ähnlich wie beim Schlaf, so die Theorie der Hirnforscher, könnte das Gehirn im "Default Mode" - so nennen Experten den Leerlauf-Modus - aktiv sein, um sich gerade Erlerntes oder Erlebtes noch einmal "durch den Kopf" gehen zu lassen - und die Synapsen entsprechend neu zu sortieren.

Gibt es ein zu viel des Müßiggangs?

Kann Nichtstun, Faulsein und Innehalten aber auch schädlich sein? Gibt es ein zu viel des Müßiggangs? Auch das ist in der heutigen Gesellschaft ein Dauerbrenner-Thema. Denn während die Generation Work-around-the-clock zunehmend psychisch Kranke und Burn-out-Geplagte hervorbringt, die ihre geistige Leistungsfähigkeit durch zu viel Stress und zu wenig Erholung selbst zum Erliegen bringen, befürchten manche die schleichende Verdummung der Generation Rund-um-die-Uhr-Fernsehen. Menschen, die keiner Arbeit nachgehen - manchmal auch nicht nachgehen wollen - und stattdessen lieber den ganzen Tag vor der Glotze oder vor dem Computer hängen und sich auch sonst für jedwede Hobbys nicht begeistern lassen, gelten als unproduktiv und einfallslos.

Auch hier hat die Hirnforschung in den vergangenen Jahren einige Ergebnisse zutage gebracht, die derartige Thesen stützen: So hatte bereits Ende der neunziger Jahre eine Studie von Forschern des Luke's Medical Center in Chicago mit älteren Probanden gezeigt, dass das Risiko an Alzheimer zu erkranken umso geringer war, je mehr Bildungsjahre die Probanden erlebt hatten.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich in einem Hirn, das ständig gefordert wird, die Zahl der neuronalen Verknüpfungen erhöht und somit die kognitiven Reserven unseres Denkorgans länger aufrechterhalten werden können.

2003 beispielsweise untersuchte ein Forscherteam vom Rush University Medical Center in Chicago die Gehirne von insgesamt 130 katholischen Priestern und Nonnen, die diese für Forschungszwecke nach ihrem Tod gespendet hatten. Zwar fanden die Neurowissenschaftler keinerlei Zusammenhang zwischen dem Bildungsstatus der Probanden und der Bildung der gefährlichen Plaques, jenen Proteinablagerungen, die Alzheimer auslösen. Allerdings hatten die Forscher die Probanden in den Jahren zuvor begleitet und immer wieder in kognitiven Tests ihre geistige Leistungsfähigkeit gemessen.

Das Ergebnis: Je höher der Bildungsgrad, desto länger blieben die Probanden geistig fit. Der Blick in die Hirne verriet zudem: Bei denjenigen, die einen höheren Bildungsgrad hatten, brach die Alzheimer-Erkrankung erst aus, nachdem sich ungefähr die fünffache Menge an Plaques im Gehirn gebildet hatte als bei den weniger gebildeten Personen. "Geistige Aktivität hilft dem Gehirn, die pathologischen Prozesse, also die Ausbildung von Plaques, besser zu tolerieren", schlussfolgerte seinerzeit der Studienleiter Robert Wilson.

Eine britisch-finnische Studie in der Fachzeitschrift "Brain" aus diesem Jahr bestätigte diese Annahme: Carol Brayne von der Cambridge University und ihre Kollegen konnten durch die Analyse von Gehirnen 872 Verstorbener belegen, dass sich mit jedem zusätzlichen Ausbildungsjahr in Schule und Universität das Risiko, im Alter an Demenz zu erkranken, um jeweils elf Prozent verringert. Zwar habe die bessere Ausbildung keinen Einfluss auf die schädlichen Veränderungen im Hirn - dennoch könnten Menschen mit einer höheren Bildung die Effekte besser kompensieren, schreiben die Wissenschaftler.

Menschen, die dagegen ständig vor dem Fernseher abschalten statt sich körperlich und geistig zu betätigen, haben ein höheres Risiko, an Alzheimer zu erkranken - auch diesen Zusammenhang hat man inzwischen mit epidemiologischen Studien beweisen können.

Statt passiver Rezipient zu sein, der sich nur von Fernsehshows berieseln lässt, sollte man in seiner Freizeit lieber Bücher lesen, Fremdsprachen lernen, ein Instrument spielen, Sport treiben. Aber, man sollte sich - so wie es der Marathonläufer in der Trainingsvorbereitung auch tut - die Ruhetage von der Arbeit gönnen.

Nicht mehr aber auch nicht weniger ist das Fazit, das man aus den umfangreichen Forschungen der vergangenen Jahre ziehen kann. Allein, es in die Tat umzusetzen, fällt nicht immer leicht.

Forum - Müssen Arbeitnehmer im Urlaub per Handy erreichbar sein?
insgesamt 239 Beiträge
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Seite 1
chirin 17.07.2010
1. Müssen Arbeitnehmr im Urlaub per Handy erreichbar sein?
Zitat von sysopKommunikation ist alles, sie beherrscht unseren Alltag wie zu keiner Zeit zuvor. Digitale Medien machen Kontakte an jedem Ort zu jeder Zeit möglich. Sollten wir Grenzen ziehen? Müssen Arbeitnehmer zum Beispiel auch im Urlaub per Handy erreichbar sein?
Aber das müssen bestimmte Berufe schon seit dem es dasTelefon gibt! Denken sie an Rechtsanwälte - auch angestellte RA - der / die RA´tin weiß doch über einen Fall am besten Bescheid. Auch in unserer Dienststelle mußten alle Mitarbeiter mit bestimmten Aufgabengebieten jederzeit erreichbar sein, auch im Urlaub - und das ist doch nicht schlimm und trifft nur auf "Notfälle" zu. Mich hat es 44 Jahre nicht gestört! Unsere Tochter fühlt sich nicht gestört , also was soll das?
MadMad 17.07.2010
2. ...
Zitat von sysopKommunikation ist alles, sie beherrscht unseren Alltag wie zu keiner Zeit zuvor. Digitale Medien machen Kontakte an jedem Ort zu jeder Zeit möglich. Sollten wir Grenzen ziehen? Müssen Arbeitnehmer zum Beispiel auch im Urlaub per Handy erreichbar sein?
Wer meint, das müsse so sein, soll es tun. Bei 99% der Arbeitnehmer ist das vollkommen überflüssig.
Hans58 17.07.2010
3.
Zitat von sysopKommunikation ist alles, sie beherrscht unseren Alltag wie zu keiner Zeit zuvor. Digitale Medien machen Kontakte an jedem Ort zu jeder Zeit möglich. Sollten wir Grenzen ziehen? Müssen Arbeitnehmer zum Beispiel auch im Urlaub per Handy erreichbar sein?
Das Thema wurde im Internet schon zig Mal "durchgekaut: http://www.gutefrage.net/frage/muss-man-fuer-seinen-chef-auch-im-urlaub-telefonisch-erreichbar-sein http://www.arbeitsrecht.de/forum/arbeitsrecht/187614-telefonische-erreichbarkeit-im-urlaub.html http://www.pflegeboard.de/36679-im-urlaub-ans-telefon.html http://www.wer-weiss-was.de/theme215/article3175357.html Fazit: Wenn es vertraglich / arbeitsrechtlich nicht ganz klar geregelt ist, müssen AN in Urlaub weder persönlich noch per Telefon erreichbar sein. Selbst das BAG hat das so schon 2000 gesehen, hier das Urteil: http://www.juraforum.de/urteile/bag/bag-urteil-vom-20-06-2000-az-9-azr-40599
sponfeind 17.07.2010
4.
Wär ja noch schöner. Naja, wahrshceinlich gibt es genug Leute, die es nichteinmal mehr schätzen können, unereichbar zu sein.
fintenklecks 17.07.2010
5. Ja, wir müssen Grenzen ziehen!
Zitat von sysopKommunikation ist alles, sie beherrscht unseren Alltag wie zu keiner Zeit zuvor. Digitale Medien machen Kontakte an jedem Ort zu jeder Zeit möglich. Sollten wir Grenzen ziehen? Müssen Arbeitnehmer zum Beispiel auch im Urlaub per Handy erreichbar sein?
Mein Chef wollte mir einen Laptop kaufen mit der Bitte, diesen im Urlaub zu benutzen, da ich keine eingearbeitete Vertretung für meine Abwesenheit hatte. Ich sagte Nein! Er meinte, er müsse dies auch tun. Ich erwiderte, dass der Urlaub der Regeneration diene und daher auch strikt von der Arbeit getrennt bleiben müsste. Wir einigten uns dann auf eine Vertreterregelung.
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