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Hirnforschung: Rache tut gut

Rügen, rüffeln, besser wissen: Anderen eine Lektion zu erteilen liegt den Menschen im Blut - obwohl ihnen der beständig erhobene Zeigefinger eigentlich nichts bringt. Doch jetzt haben Forscher erkannt: Der Hang zur Rache sorgt im Gehirn für Befriedigung.

Hirnregion für Belohnung: Wird bei Racheaktion aktiviert
De Quervain

Hirnregion für Belohnung: Wird bei Racheaktion aktiviert

Alltag auf der Autobahn: Knapp 30 Meter vor der Baustelle - die Fahrbahn wird einspurig und die Autos stauen sich - zieht der BMW-Fahrer noch links an der Schlange vorbei. Im letzen Moment will er einfädeln. Doch der Fahrer des weißen Golfs denkt gar nicht daran, Platz für den Drängler zu machen, fährt nur noch näher auf seinen Vordermann auf. Der BMW hat das Nachsehen, der VW-Fahrer kann sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Ein Klischee? Vielleicht. Doch das Bedürfnis, anderen eine Lektion zu erteilen, steckt tief im Menschen drin. "Warum nur?", fragen sich Wissenschaftler. Denn wer einen Rüffel verteilt, hat davon keinerlei persönlichen Vorteil - nicht in der konkreten Situation und schon gar nicht im Sinne der Evolution. Im Gegenteil: Wer sich einmischt, riskiert Nachteile, Ärger, mitunter sogar seine körperliche Unversehrtheit.

Doch Schweizer Neurologen haben nun eine Erklärung für den Hang zur Rache entdeckt: pure Leidenschaft. Wie das Team um Dominique de Quervain von der Universität Zürich im Fachmagazin "Science" berichtet, verspürt das menschliche Gehirn eine Art Befriedigung, wenn es andere zurechtweisen kann.

Schenken oder nicht schenken?

Auf der Suche nach dem Sinn der Rüge haben de Quervain und Kollegen das Gehirn männlicher Probanden untersucht, die mit einem Partner um Geld spielten: Zunächst musste eine der beiden Versuchspersonen entscheiden, ob sie ihre gesamten zehn Geldstücke behalten oder dem Gegenüber geben wollte.

Geld: Geprellte tun für die befriedigende Rache alles
DDP

Geld: Geprellte tun für die befriedigende Rache alles

Entschied sich einer der beiden, sein Geld zu verschenken, wurde der Betrag vom Experimentator vervierfacht, so dass der beschenkte Proband nun 50 Geldstücke hatte. Der musste sich nun seinerseits darüber klar werden, ob er so fair ist und die Hälfte seines Geldes (immerhin 25 Geldstücke) an den ersten zurückgibt oder ob er - ganz eigennützig - alles behält. Eine derartige Normverletzung ließ sich die erste Versuchsperson natürlich nicht bieten und reagiert entsprechend: An den unfair handelnden Gegenüber wurden "Strafpunkte" verteilt - und das sogar, wenn die Punkte vom eigenen Geld bezahlt werden mussten.

Während dieser Entscheidung war eine Gehirnregion besonders aktiv, die normalerweise für die Empfindung von Genuss und Befriedigung verantwortlich ist. Offenbar ist es dem Gehirn viel wichtiger, so die Schlussfolgerung der Forscher, das süße Gefühl der Rache zu erleben, als sich über die erfahrene Ungerechtigkeit zu ärgern.

Allein das Gefühl zählt

"Ironischerweise werden bei der Bestrafung von Abtrünnigen dieselben Regionen aktiviert, die zuletzt in Studien zur Belohnung von Mitarbeitern angesprochen worden sind", berichtet der Psychologe Brian Knutson in einem "Science"-Kommentar. "Das Einzige, was zählt, ist das Gefühl."

Der Forscher der amerikanischen Stanford University fordert nun, die Gehirnaktivitäten mit Hilfe moderner Methoden noch detaillierter zu analysieren, vor allem aber die Studien auch auf Frauen und auf verschiedene soziale Gruppen auszuweiten. Nur dann könne genauer geklärt werden, ob tatsächlich einige der Emotionen, die ansonsten Menschen einander näher bringen, sie auch auseinander treiben können.

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