Hirnforschung Sehen ohne Sehzentrum

Ein bislang nur von Hirngeschädigten bekanntes Phänomen haben Forscher jetzt an gesunden Versuchspersonen demonstriert: Obwohl das Sehzentrum ihres Gehirns künstlich ausgeschaltet worden war, konnten sie sehen - ohne dass es ihnen bewusst wurde.


Im Hinterkopf sitzt er, der sogenannte visuelle Kortex - gewissermaßen das Rechenzentrum unseres Gesichtssinnes. Dieser Teil des menschlichen Gehirns ist dafür zuständig, aus den Signalen, die von den Augen kommen, ein bewusst wahrgenommenes Bild zu machen.

Menschliches Auge: Rechenzentrum im Hinterkopf
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Menschliches Auge: Rechenzentrum im Hinterkopf

Wie das genau funktioniert, ist bis heute nicht bis ins Letzte erforscht - dass diese Region dafür verantwortlich ist, ist aber seit langem unbestritten. Nicht zuletzt deshalb, weil Menschen, deren visueller Kortex beschädigt ist - sei es durch einen Tumor oder eine Kopfverletzung - nichts mehr sehen können oder zumindest schwarze Flecken in ihrem Gesichtsfeld haben. Sie sind, trotz völlig intakter Augen, teilweise oder völlig blind.

Und doch: Manche, die unter der sogenannten Rindenblindheit - "Kortex" heißt Rinde - leiden, sehen in Wahrheit noch etwas - sie wissen es nur nicht. Schon seit Jahrzehnten erforschen Wissenschaftler dieses Phänomen. Der Psychologe Lawrence Weiskrantz von der Oxford University, einer der Pioniere bei der Erforschung, taufte es "Blindsight", also "Blindsicht".

Quälende Prozedur für blinde Versuchspersonen

Die Anordnung in solchen Studien ist stets ähnlich: Einer rindenblinden Versuchsperson wird ein kurzer visueller Reiz, etwa ein Lichtblitz, gezeigt. Dann wird sie aufgefordert, die Richtung anzugeben, aus der der Blitz kam. Für viele der Probanden ist diese Prozedur quälend, sind sie doch völlig überzeugt, nichts wahrgenommen zu haben. Bringt man sie dennoch dazu, zu "raten" wo es geblitzt hat, können sie den Ort aber mit erstaunlicher Genauigkeit angeben - ohne zu wissen, weshalb.

Unbewusste Wahrnehmung wird dieses verblüffende Phänomen genannt. Immer wieder haben Wissenschaftler im Laufe der Jahre sogar bestritten, dass es überhaupt existiert: Die Wahrnehmung in diesen Experimenten sei gar nicht unbewusst, argumentierten sie, die angebliche "Blindsicht" käme nur durch Fehler bei den Experimenten zustande, die getesteten Versuchspersonen hätten eben noch Reste bewusster Wahrnehmung, denen sie nur nicht trauten und die sie deshalb ignorierten.

Nun haben Forscher von der Rice-University in Houston, Texas "Blindsight" auch an völlig gesunden Versuchspersonen nachgewiesen. Mit einem starken Magnetfeld setzten sie den visuellen Kortex ihrer Probanden kurzfristig außer Gefecht - sie drehten dem Rechenzentrum den Strom ab. Transkranielle Magnetstimulation (TMS) heißt dieses Verfahren, bei dem der innere Stromfluss des Gehirns durcheinander gebracht und eine bestimmte Gegend so kurzzeitig betäubt wird.

Ohne Rechenzentrum Rot von Grün unterschieden

Tony Ro und seine Kollegen hatten also durch eine an der richtigen Stelle platzierte Magnetspule die Sehrinde des Gehirns ausgeschaltet. Dann zeigten sie ihren Versuchspersonen auf einem Monitor wenige Tausendstelsekunden lang entweder grüne oder rote Punkte oder eine horizontale oder vertikale Linie.

Die Probanden bestritten anschließend, irgendetwas gesehen zu haben - die Blockade des Sehzentrums hatte funktioniert. Als die Forscher sie jedoch aufforderten, die Farbe der Punkte oder die Ausrichtung der Linien zu erraten, lagen die Versuchspersonen meistens richtig: In 75 Prozent der Fälle errieten sie die Lage der Linien. Bei der Farbe der Punkte lag die Trefferquote sogar bei mehr als 80 Prozent, berichtet das Team in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (Online-Vorabveröffentlichung).

"Blindsight" lässt sich also auch bei Menschen mit völlig intaktem Gehirn simulieren. Was genau das über das Sehen an sich und über unbewusste Wahrnehmung aussagt, ist noch nicht geklärt, eins aber zeigt die Studie: Das Rechenzentrum ist nur die Endstrecke, die Bewusstseins-Schmiede. Wesentliche Informationen über das, was unsere Augen sehen, werden im Gehirn auch außerhalb des visuellen Kortex bereits verarbeitet.

Und zwar vergleichsweise detaillierte Informationen wie Farbe oder Ausrichtung eines Objektes. Wenn man richtig fragt, kommt man an diese Informationen auch heran - auch wenn die Versuchsperson zunächst bestreitet, sie überhaupt zu besitzen. Herauszufinden, auf welchen Wegen diese Daten durch menschliche Schädel geistern, wird Wissenschaftler noch lange beschäftigen. Am Ende der Suche bleibt dann immer noch die letzte Frage: Die nämlich, wie unser Bewusstsein überhaupt zustande kommt.

Christian Stöcker



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