Hirnforschung Studie nährt Zweifel an freiem Willen

Der Mensch will eine Entscheidung fällen, doch die Würfel sind längst gefallen: Forscher haben anhand der Hirnaktivitäten sieben Sekunden vor der vermeintlich bewussten Wahl vorhergesagt, wofür sich ein Mensch entschieden hat. Ist der freie Wille nur eine Illusion?


Leipzig - Kann der Mensch gar nicht frei entscheiden? Die Ergebnisse der Wissenschaftler um John-Dylan Haynes vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig legen diesen Schluss nahe. Lange bevor wir glauben, eine bewusste Entscheidung zu fällen, sind bereits an der Entscheidung beteiligte Hirnregionen aktiv, haben sie herausgefunden. Die Forscher waren sogar in der Lage, vorauszusagen, welche Entscheidung ein Proband treffen würde - mehrere Sekunden vor dem Zeitpunkt, zu dem er sich selbst darüber bewusst war.

Hirnscan: Wer trifft eigentlich die Entscheidungen? Der Mensch oder das Gehirn?
DPA

Hirnscan: Wer trifft eigentlich die Entscheidungen? Der Mensch oder das Gehirn?

Allerdings lag dabei die Trefferquote noch nicht sehr hoch - nur bei 60 Prozent, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature Neuroscience" schreiben. Die Vorhersage sei möglich, weil sich anbahnende Entscheidungen Stoffwechselvorgänge im Gehirn auslösen. Mit Hilfe eines Kernspintomografen konnten die Forscher beobachten, wie viel Sauerstoff in einzelnen Bereichen des Gehirns verbraucht wird. Dort, wo das Gehirn aktiviert wird, steigt der Sauerstoffverbrauch. Dadurch gelang es ihnen, räumliche Aktivierungsmuster zu erstellen.

"Gedanken sind wiederum kodiert in räumlichen Aktivierungsmustern", erklärte Haynes. Eine Software erkannte die Muster und ermöglichte Rückschlüsse auf die Entscheidungen der Menschen. Auch andere Gedanken können Wissenschaftler bis zu einem gewissen Grade mittlerweile lesen: So sind sie in der Lage, Bilder und Videos, die ein Mensch sieht, anhand seiner Hirnaktivität zu erkennen.

Die Versuchsteilnehmer hatten sich entscheiden müssen, ob sie einen Knopf mit der linken Hand oder einen anderen Knopf mit der rechten Hand drücken. Dabei war es ihnen freigestellt, wie lange sie sich mit der Entscheidung Zeit ließen. Währenddessen wechselten sich Buchstaben auf einem Bildschirm vor den Probanden ab. Nach dem Tastendruck mussten sie angeben, welcher Buchstabe gerade zu dem Zeitpunkt über den Schirm geflimmert war, als sie ihrer Meinung nach die Entscheidung trafen.

Frühe Entscheidungsfindung

Im Durchschnitt berichteten die Studienteilnehmer, dass sie die Entscheidung, welche Hand sie benutzen, innerhalb einer Sekunde vor dem Drücken gefällt hätten. Durch Messungen der Aktivität im frontopolaren Cortex, einer Region im vorderen Hirnbereich, konnten die Wissenschaftler aber schon sieben Sekunden vor dieser bewussten Entscheidung vorhersagen, welche Hand die Testperson einsetzen würde. Auch eine Region des Scheitellappens sei an dieser frühen Entscheidungsfindung beteiligt, berichten die Forscher. Nach der Vorbereitung der Entscheidungsfindung im frontopolaren Cortex werden die Informationen zur Ausführung der Tätigkeit anschließend in andere Hirnbereiche übermittelt.

Die Entscheidungen der Testpersonen ließen sich zwar nicht mit Sicherheit voraussagen, doch die Trefferquote lag deutlich über dem Wert, der bei einer zufälligen Auswahl erreicht worden wäre, berichten die Forscher. Dies deute darauf hin, dass sich die Entscheidung schon zu einem gewissen Grad unbewusst angebahnt hatte, aber noch nicht endgültig gefallen war. "Von unseren Entscheidungen glauben wir in der Regel, dass wir sie bewusst fällen. Diese Annahme ist mit unserer Studie infrage gestellt", sagte Haynes.

"Die Frage nach der Willensfreiheit ist nicht endgültig beantwortet", erklärte Haynes. Bei den Stoffwechselvorgängen handle es sich um eine unbewusste Planung einer bewussten Entscheidung. Unklar sei, ob sich der Mensch nach der Planung noch umentscheiden kann. "Ich halte einen Eingriff des freien Willens für unplausibel", sagte Haynes.

Schon vor mehr als 20 Jahren hatte der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet ein Signal im Gehirn gemessen, das einer bewussten Entscheidung um einige Millisekunden vorausging. Libets Ergebnisse hatten eine heftige Debatte darüber ausgelöst, ob der freie Wille nur eine Illusion ist. Die Daten von Libet waren allerdings umstritten. Manche Wissenschaftler hatten bezweifelt, dass sich ein Unterschied von nur einigen hundert Millisekunden sicher messen lässt. Die Ergebnisse der aktuellen Studie könnten diese Zweifel nun ausräumen, da weit längere Zeiträume beobachtet wurden.

lub/dpa/ddp



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 162 Beiträge
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Seite 1
Whisp 14.04.2008
1. Freier wille
Zitat von sysopDer Mensch will eine Entscheidung fällen, doch die Würfel sind längst gefallen: Forscher haben anhand der Hirnaktivitäten sieben Sekunden vor der vermeintlich bewussten Wahl vorhergesagt, wofür sich ein Mensch entschieden hat. Ist der freie Wille nur eine Illusion? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,547074,00.html
Mal wieder ein Reißer. Also die Frage des freien Willen ist und bleibt philosophisch. Alle unsere "freien" Entscheidungen sind natürlich von vielen Faktoren abhängig: Situation, Genetik, Erfahrung, Erkrankungen des Hirns. Da von "freiem" Willen zu sprechen ist und war auch schon vorher so eine Sache. Zumal man dieses "frei" auch erst einmal definieren sollte. Ist schon dumm, dass man als Mensch von seinem limbischen System und anderen "unterbewussten" Steuerprogrammen maßgeblich beeinflusst wird. wenn ich jedenfalls ein schönes Stück Käsekuchen sehe kann ich jedenfalls auch nicht mehr von freiem Willen reden...
doctor manhattan 14.04.2008
2. Precog Kaufentscheidungshilfen
Schade das Entscheidungen wie "Kaufe ich dieses Auto oder nicht" noch nicht so gut im frontopolaren cortex ablesbar sind…
Fabian G, 14.04.2008
3. unsinn
die studie ist ziemlich hanebüchen. die basiert darauf, dass zwischen dem gedanken was man macht und zwischen der tatsächlichen handlung ein gewisser zeitraum besteht. wow was für eine erkenntnis. ebenso basiert freier wille darauf, das man sich über seine handlungen gedanken macht und sich fragt wieso man etwas macht. so kann man das beeinflussen.
pressport, 14.04.2008
4. Nichts Neues
Ja der freie Wille ist eine Illusion. Diese Erkenntnis ist alt und bringt uns auch nicht weiter. Wer etwas logisch denken kann, kommt selber darauf, schließlich unterliegt auch unser Körper und damit auch das Hirn den physikalischen Gesetzen. Für Mysterien ist da kein Platz.
toskana2 14.04.2008
5. "Küsse die Marketenderin, das ist die ganze Wissenschaft"
Zitat von sysopDer Mensch will eine Entscheidung fällen, doch die Würfel sind längst gefallen: Forscher haben anhand der Hirnaktivitäten sieben Sekunden vor der vermeintlich bewussten Wahl vorhergesagt, wofür sich ein Mensch entschieden hat. Ist der freie Wille nur eine Illusion? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,547074,00.html
Schon immer gewesen. Man schafft es eben nicht, *diese* Forscherschar in die Arbeitslosigkeit zu entlassen. So bleibt uns auch diese abendländische Mär über die Jahrhunderte erhalten. Der alte Heine hat es schön in einem Satz (siehe oben) auf den Punkt gebracht. Wenn ich mich heute entscheide, nach Australien auszuwandern, dann haben sich "andere" vor mir, in mir, längst dafür entschieden. Toskana
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