Hirnforschung Trau' bloß nicht deinem Kopf

Das menschliche Gedächtnis ist alles andere als vertrauenswürdig. Menschen falsche Erinnerungen einzupflanzen ist ganz einfach. Nun sind Wissenschaftler der Frage, warum sich das Gehirn in diesem Fall so einfach manipulieren lässt, ein Stück näher gekommen.

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Wer seiner eigenen Erinnerung traut, ist selbst schuld. Im Laufe der vergangenen 150 Jahre hat die psychologische Forschung den Menschen in nahezu jeder Hinsicht als täusch-, manipulier- und fehlbar entlarvt - aber in keinem Bereich erscheint den Menschen dies so abwegig wie beim Inhalt des eigenen Gedächtnisses. Während optische Täuschungen heute schon Kindern geläufig sind, gilt die eigene Erinnerung den meisten immer noch als zwangsläufig korrekt. Wenn man sich an etwas erinnert, dann muss das doch auch passiert sein. Das aber ist ein Trugschluss. Ein zuweilen fataler - etwa wenn konstruierte Erinnerungen als Zeugenaussagen Gerichtsurteile beeinflussen.

Erinnern: War das wirklich so? Oder doch nicht?
DDP

Erinnern: War das wirklich so? Oder doch nicht?

Fabrizierte Erinnerungen sind, das zeigen aktuelle neuropsychologische Studien, die Kehrseite eines Alltagsphänomens, das nahezu jeder Mensch kennt: Déjà-vu-Erlebnisse. Roberto Cabeza von der Duke University in North Carolina hat gemeinsam mit einem koreanischen Kollegen Hinweise darauf entdeckt, wo im Gehirn Déjà-vus entstehen - und warum es so einfach ist, unserem Gedächtnis einen Bären aufzubinden.

Wie leicht es ist, Menschen falsche Erinnerungen einzupflanzen, zeigte die amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus schon in den neunziger Jahren. Sie brachte ihre Versuchspersonen dazu, detaillierte Erinnerungen an ein unangenehmes Kindheitserlebnis zu entwickeln. Dabei half ein Familienmitglied der Probanden, das heimlich mit der Psychologin kooperierte. Beispielsweise der ältere Bruder, der eine angeblich alte Geschichte aufbrachte: Die Versuchsperson sei mit fünf Jahren einmal in einem Kaufhaus verlorengegangen, ein älterer Herr im Flanellhemd habe sie dann an der Hand genommen zur schon verzweifelt suchenden Mutter zurückgebracht. Kurz darauf fielen den so Genarrten sogar Details wie die Stimme des Helfers im Flanellhemd wieder ein. Dabei hatte das Ereignis niemals stattgefunden, die Erinnerungen waren erzeugt.

Ein moderner Klassiker: Verschollen im Kaufhaus

"False Memories", falsche Erinnerungen, heißt seitdem ein ganzes Forschungsgebiet - das Juristen ebenso interessiert wie Psychologen. Kathleen McDermott und Henry Roediger, zwei Forscher, die Mitte der neunziger Jahre an der Rice University im texanischen Houston forschten, haben eine simple Standardmethode zum Erzeugen solcher falscher Erinnerungen entwickelt, oder besser wiederentdeckt. Schon im Jahr 1959 hatte der US-Psychologe James Deese eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Deese gab seinen Versuchspersonen Wortlisten zum Auswendiglernen. Auf den Listen standen beispielsweise Begriffe wie "Stechen, Spitze, Spritze, Heuhaufen, Faden, Injektion". Ein mit all den Begriffen verknüpftes Wort fehlte jedoch - im vorliegenden Beispiel "Nadel". Bat Deese seine Probanden anschließend, die Listen wiederzugeben, nannten sie viele korrekte Begriffe - und sehr oft auch das Wort "Nadel", obwohl es gar nicht auf der Liste gestanden hatte.

"Kein Beleg, dass das Ereignis stattgefunden hat"

Roediger und McDermott griffen Deeses alte Arbeit auf und wiederholten das Experiment. In einer ihrer Studien "erinnerten" sich 55 Prozent der Teilnehmer an das gar nicht auf der Liste befindliche Wort. Mehr noch: Zeigte man ihnen nach der Phase des Auswendiglernens eine neue Liste mit Wörtern, die sie als "alt" - also eben gelesen - oder "neu" einstufen sollten, hielten viele auch Worte für "alt" die gar nicht auf der vorigen Liste gestanden hatten. Zudem waren sich die Versuchspersonen bei diesen völlig falschen Urteilen oft ausgesprochen sicher. Von einer "verblüffenden Gedächtnisillusion" sprachen die beiden Forscher damals.

"Die bloße Tatsache", schrieben Roediger und McDermott der Menschheit ins Stammbuch, "dass Menschen sagen, dass sie sich genau an Details erinnern, die mit einem Ereignis zusammenhängen, kann für sich genommen nicht als überzeugender Beleg dafür gelten, dass dieses Ereignis tatsächlich stattgefunden hat".

Roberto Cabeza von der Duke University und sein koreanischer Kollege Hongkeun Kim haben die Methode nun mit modernen bildgebenden Verfahren kombiniert. Mit Magnetresonanztomografen begleiteten sie die Experimente und erfassten, welche Teile des Gehirns bei welcher Art von Erinnerung besonders stark durchblutet waren. Dabei ergab sich ein eindeutiges Bild: Waren sich die Versuchspersonen sicher, ein Wort eben schon gesehen zu haben, lagen dabei aber in Wahrheit falsch, war die sogenannte frontoparietale Region besonders aktiv - ein Bereich, der ein Stück oberhalb der Stirn in der Schädelmitte liegt. Bei korrekten Erinnerungen, derer sich die Versuchspersonen auch besonders sicher waren, waren die medialen Temporallappen, Bereiche in der Gegend der Schläfen, besonders aktiv.

Hilfe im Kampf gegen Alzheimer?

"Die neuralen Korrelate von richtigen und falschen Erinnerungen sind klar unterschiedlich", schreiben die Psychologen im "Journal of Neuroscience" (Bd. 27, S. 12190). Möglicherweise sei die frontoparietale Region stärker mit einem Gefühl der Vertrautheit verknüpft, während die medialen Temporallappen (MTL) mehr mit tatsächlichem Wiedererkennen zu tun hätten. Schon im vergangenen Jahr hatte Cabeza mit anderen Kollegen im gleichen Journal einen Artikel veröffentlicht, das zu einem ähnlichen Schluss kam: "MTL kann objektive Unterschiede zwischen alten und neuen Inhalten entdeckten, die dem Bewusstsein nicht zugänglich sind."

Die beiden bewussten Regionen, vermuten Cabeza und seine Kollegen, könnten auch mit Déjà-vu-Erlebnissen zu tun haben: Wenn sich die für vage Vertrautheit zuständige Region oberhalb der Stirn einmischt, könnte bei einem aktuellen Eindruck schnell das Gefühl entstehen, das betreffende Ereignis zum zweiten Mal zu durchleben - selbst, wenn das eine Illusion ist.

Langfristig könnten die nun gewonnenen Erkenntnisse auch im Kampf gegen Demenzerkrankungen wie Alzheimer helfen, hofft Cabeza. Der Unterschied zwischen den beiden betrachteten Regionen ist dabei kritisch: "Spezifische Erinnerungen halten nicht ewig. Was lange hält, sind nicht die Details, sondern allgemeinere, globale Eindrücke", sagt der Forscher. Andere Studien hätten gezeigt, dass gerade die Fähigkeit, sich spezifische Aspekte zu merken, mit dem Alter nachlässt - schneller als das Gedächtnis für allgemeine Eindrücke. Cabeza: "Alzheimer-Patienten dagegen verlieren oft beide Arten von Erinnerungen gleichermaßen - was sich als Werkzeug für eine frühe Diagnose erweisen könnte."

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