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01. Juli 2008, 16:57 Uhr

Hirnforschung und Medien

Wie uns das Fernsehen zu Kindern macht

Tötet das Fernsehen das eigenständige Denken? Der französische Philosoph Bernard Stiegler behauptet: Der TV-Konsum erschaffe eine "global synchronisierte Halluzination", zerstöre die Erziehung und verwandele Erwachsene in unmündige Kinder.

Die Gewinnung der Aufmerksamkeit mit Hilfe psychotechnologischer und industrieller Mittel ist ein globales Phänomen, das alle Kontinente und Zivilisationen beeinträchtigt, das sämtliche Generationen und soziale Schichten betrifft und in den Vereinigten Staaten im Durchschnitt mehr als sechs Stunden täglich beträgt.

Besucher der Funkausstellung in Berlin: Global synchronisierte Halluzination
DPA

Besucher der Funkausstellung in Berlin: Global synchronisierte Halluzination

Frederick Zimmerman und Dimitri Christakis haben in einer neueren Ausgabe der Zeitschrift "Pediatrics" betont, dass in den USA 40 Prozent der Säuglinge ab einem Alter von drei Monaten regelmäßig fern-, DVDs oder Videoaufzeichnungen sehen. Dieses Verhältnis steigt ab dem Alter von zwei Jahren auf 90 Prozent. In Europa, "haben, abhängig vom jeweiligen Land und vom sozialen Umfeld, bereits ein bis zwei Drittel der Kinder einen Fernseher in ihrem Zimmer (75 Prozent in den benachteiligten Milieus in Großbritannien). Diese Zahlen beziehen sich auf Kinder im Alter von null bis zu drei Jahren".

Bereits 2004 hatten Zimmerman und Christakis in "Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine" festgestellt, dass das Fernsehen während der psychischen Entwicklung des Kindes schwere Aufmerksamkeitsstörungen verursachen kann. Vergleichbare Beobachtungen haben die Staatskasse für Familienbeihilfen in Frankreich veranlasst, staatliche Organe und die Familien mit dem Hinweis zu warnen, dass ein Jugendlicher, "der täglich mehr als drei Stunden fernsieht, im Verhältnis zu denen, die täglich weniger als eine Stunde fernsehen, seine Chancen halbiert, eine höhere Schulbildung zu absolvieren".

Die vorzeitige Aufmerksamkeitsgewinnung durch industrielle Technologien ist eine Hauptursache der Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADS), ein juveniles Krankheitsbild, das in den Vereinigten Staaten zu einer wahren Plage geworden ist. Das kindliche Gehirn konfiguriert sich im Verlauf einer Synaptogenese, während der es für seine Umwelt außerordentlich empfänglich ist. Wird es dabei einer ständigen Berieselung mit medialen Bildern und Tönen ausgesetzt, führt dies zu einer irreversiblen "Verschaltung" des jugendlichen Nervensystems, dem es in Folge außerordentlich schwer fällt, andere aufmerkende Fähigkeiten wie zum Beispiel die zum Lesen zu erwerben.

Im Juni 2007 wurde in Frankreich ein Gesetz verabschiedet, das in schweren Fällen jugendlicher Delinquenz "den Einwand der Minderjährigkeit" abgeschafft hat, nach dem ein unmündiges Kind nicht wie ein mündiger Erwachsener abgeurteilt werden kann. Zur selben Zeit, als dieser Gesetzentwurf diskutiert wurde, präsentierte eine Werbekampagne Plakate von Kindern, die deutlich zeigten, dass sie ihres Vaters oder Großvaters, die mit ihnen spielen wollten, zutiefst überdrüssig waren. "Unsere Kinder verdienen mehr als das" verkündeten diese Plakate, wobei "das" ihre mündigen Eltern und Großeltern bezeichnete. Sie verdienten dagegen Canal J, einen Fernsehsender, der sich auf die Eroberung dieser wichtigen Zielgruppe der Unmündigen spezialisiert hat (auf die verfügbare Zeit ihrer Hirne).

Diese "Zielgruppe" der Minderjährigen, die von Canal J erobert wird, ist strategisch bedeutsam: Sie ist zum Vorbild, ja zum Vorschriftenträger für das Konsumverhalten der Erwachsenen geworden, und zwar durch eine Vertauschung des Generationenverhältnisses, die das deutlichste Anzeichen der Zerstörung der Erziehung ist, zu der das Tele-Marketing geführt hat. Dadurch werden die vorgeblich erwachsenen "Zielgruppen" infantilisiert, das heißt zunehmend weniger verantwortlich für das Verhalten ihrer Kinder, aber auch für das eigene, welches ihnen von eben diesen Kindern vorgeschrieben wird. Solche Erwachsenen sind strukturell zu Minderjährigen geworden.

Seit Oktober hat der Fernsehsender Baby First über Canal Sat mit der Ausstrahlung seiner Sendungen auf französischem Gebiet begonnen. Dieser Sender hat sich auf Kleinkinder unter drei Jahren spezialisiert. Nun haben sich weder die französische Regierung, die kurzerhand bereit war, Kinder anstelle von verantwortungslosen Erwachsenen zu verurteilen, noch die Europäische Union, die die Fernsehwerbung weiter liberalisiert hat, der Einrichtung dieses Senders widersetzt, der bereits jenseits des Atlantiks Verwüstungen angerichtet hat. Von dieser Art ist die zeitgenössische Vorherrschaft der Gleichgültigkeit, das heißt der fehlenden Sorge.

Nach Ansicht von Kant ist das Kennzeichen der Aufklärung die Eroberung der Mündigkeit als Ausgang aus der Unmündigkeit und die Organisation der Gesellschaft im Hinblick auf dieses zentrale Ziel: Entwicklung von Aufmerksamkeit, um sie in eine mündige Aufmerksamkeit zu verwandeln. In "Was ist Aufklärung?" führt Kant aus, dass diese Aufmerksamkeit eine Technik der Aufmerksamkeitsgewinnung voraussetzt. Die Mündigkeit als kritische Fähigkeit setzt Schreiben und Lesen voraus, sie vollzieht sich als "öffentlicher Gebrauch der eigenen Vernunft, den man als Gelehrter vor dem Publikum der Leserwelt macht".

Dieser öffentliche Gebrauch der eigenen Vernunft bedeutet schreiben, bedeutet, "sich an ein Publikum im eigentlichen Verstande durch Schriften" zu wenden. Nun ermöglicht die Technik der Entwicklung von Aufmerksamkeit auch deren Ablenkung und Benebelung, das heißt deren De-Formierung, die Kant als "Faulheit" und "Feigheit" des Erwachsenen bezeichnete, der sich dem Zustand der Unmündigkeit ausliefert. "Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat (...), so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen."

Mit anderen Worten, wenn die Aufklärung als Eroberung der Mündigkeit und als Bejahung von Mut und Willen gegen Faulheit und Feigheit das Schreiben, also auch das Lesen als Psychotechniken der Aufmerksamkeitsentwicklung voraussetzt, und wenn die Nootechnik des buchförmigen Hypomnematon Voraussetzung für eine kritische Öffentlichkeit wie die "Gelehrtenrepublik" ist, so darf das Buch, das ein Pharmakon ist, dennoch nicht den Verstand ersetzen. Weil das Buch, dieses Heilmittel (pharmakon) gegen die Schwäche unseres Geistes, eine Psychotechnik der Aufmerksamkeitsentwicklung wie auch Grundlage für den Monotheismus und die Philosophie, dadurch zu einem Gift (pharmakon) für den Geist wird.

Wie die reale industrielle Psychomacht eine kollektive und global synchronisierte Halluzination erschafft

Dies sagte bereits Platon, als er den Sophisten vorwarf, die Logographie zu praktizieren und die dialektische Übung, das Denken (als Dialog oder dianoia) durch eine rhetorische Technik zur Erzeugung von "Fertiggedachtem" zu ersetzen, indem sie die psychotechnischen Kräfte der Aufmerksamkeitsentwicklung, die der logographischen Hypomnesis zu eigen sind, ausbeuteten: durch Ausbeutung der Eigenschaften des Buchs. Die Frage, die Kant hier aufwirft, betrifft eine Pharmakologie des Geistes und der Mündigkeit als richtigem Gebrauch dieser Pharmaka. Sie führen bei falscher Anwendung stets zur Schaffung von Sündenböcken. In unserem Fall sind es die unmündigen Kinder, die zu Vorschriftenträgern ihrer Eltern gemacht werden, wodurch sie auf den Status minderjähriger Erwachsener festgelegt und zugleich in rechtlicher Hinsicht ihrer Minderjährigkeit beraubt werden.

Die Frage nach dem Pharmakon steht am Ursprung der philosophischen Frage an sich. Die Tatsache, dass der Sophismus diese Frage bereits innerhalb der Philosophiekritik aufgeworfen hatte, bedeutet, dass dies auch eine Frage des Geldes und seiner Rolle für das Geistesleben ist. Bei Kant sagt sich der unmündige faule und feige Erwachsene: "Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen."

Platon zufolge schlug bereits der Sophismus den jungen Athenern vor, gegen Bezahlung die Zeit der Entwicklung ihrer Seele zu überbrücken, indem er ihre Aufmerksamkeitsentwicklung beschleunigte, wenngleich als Fähigkeit, die Aufmerksamkeit anderer zu gewinnen, und zwar durch die Aneignung der Techniken des pithanon, das heißt der Überredung, die es ermöglichten, die Aufmerksamkeit des anderen zu kontrollieren und ihn zur Äußerung seines eigenen Standpunkts zu bringen. Ebenso wie es ein Traumdeuter, der thaumaturgos der Griechen, ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt dessen, wozu man sich bekennen sollte, tat. Heutzutage ist es das Geld der Werbeindustrie, das die Zerstörung der Mündigkeit bezahlt (und die Konsumenten für diese Verschwendung zahlen lässt). Davon zeugen nicht nur die Gleichgültigkeit, sondern auch die "Nebenwirkungen", vor allem die weitverbreitete Rücksichtslosigkeit.

Es ist nicht hinreichend berücksichtigt worden, dass Kant eine Situation beschreibt, die nach Platon als eine pharmakologische zu bezeichnen wäre. Eine Situation, in der die Techniken zur Aufmerksamkeitsgewinnung die Entwicklung wie auch die Zerstörung von Aufmerksamkeit ermöglichen. Es gibt keine Gesellschaft ohne Techniken der Aufmerksamkeitsentwicklung und -gewinnung. Bereits der Schamane ist jemand, der die Aufmerksamkeit der Gruppe gewinnt und entwickelt. Die Predigt ist eine vergleichbare Kunst. Es ist das Bildungswesen, das eine Aufmerksamkeit formt, welche die die Bedingungen ihrer eigenen Entwicklung und Deformation berücksichtigt: die Irrtümer und Wahrheiten, die durch die Pharmaka erzielt werden können.

Wir, die Frauen, Männer und Kinder des 21. Jahrhunderts, sind allerdings mit etwas konfrontiert, das nicht mehr nur eine simple psychotechnische Apparatur zur Gewinnung und Entwicklung von Aufmerksamkeit ist. Es handelt sich um ein psychotechnologisches Industriesystem, das eine reale industrielle Psychomacht errichtet hat, die den Prozess fortsetzt, den Foucault als Biomacht beschrieben hatte, die diese jedoch auch in ihren Grundfesten erschüttert. Das erfordert letztendlich eine Wiederaufnahme der Analysen von Foucault, der den pharmakologischen Charakter aller Formen der Sorge und ihrer Auswirkungen auf den Begriff der Schule vollständig vernachlässigt.

Die Menschheit hat noch nie ein vergleichbares Phänomen der kollektiven, hyperrealistischen und global synchronisierten Halluzination erlebt, welche die industrielle Psychomacht verursacht hat. Eine Psychomacht, die den Individuationsprozess umkehrt und in Wahrheit zu dessen Verlust führt, damit zur Unmündigkeit der Erwachsenen, zur Verantwortungslosigkeit der Konsumtion, zur Preisgabe der Sorge für die jungen Generationen und zur Gleichgültigkeit.

Eine neue Politik ist erforderlich, um die Psychomacht, die zur Zeit in den Händen des Marketings liegt, in eine Noomacht umzuwandeln; in eine Geistesmacht, die imstande ist, das technologische Pharmakon der Aufmerksamkeitsgewinnung in ein Heilmittel anstelle eines Gifts zu verwandeln. Sie stellt die eigentliche Herausforderung für die Aufgabe dar, die der französische Premierminister François Fillon in seiner Regierungserklärung als "Schlacht für die Intelligenz" bezeichnet hat.

Aus dem Französischen von Susanne Baghestani

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