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Hirnforschung und Medien: Wie uns das Fernsehen zu Kindern macht

Tötet das Fernsehen das eigenständige Denken? Der französische Philosoph Bernard Stiegler behauptet: Der TV-Konsum erschaffe eine "global synchronisierte Halluzination", zerstöre die Erziehung und verwandele Erwachsene in unmündige Kinder.

Die Gewinnung der Aufmerksamkeit mit Hilfe psychotechnologischer und industrieller Mittel ist ein globales Phänomen, das alle Kontinente und Zivilisationen beeinträchtigt, das sämtliche Generationen und soziale Schichten betrifft und in den Vereinigten Staaten im Durchschnitt mehr als sechs Stunden täglich beträgt.

Besucher der Funkausstellung in Berlin: Global synchronisierte Halluzination
DPA

Besucher der Funkausstellung in Berlin: Global synchronisierte Halluzination

Frederick Zimmerman und Dimitri Christakis haben in einer neueren Ausgabe der Zeitschrift "Pediatrics" betont, dass in den USA 40 Prozent der Säuglinge ab einem Alter von drei Monaten regelmäßig fern-, DVDs oder Videoaufzeichnungen sehen. Dieses Verhältnis steigt ab dem Alter von zwei Jahren auf 90 Prozent. In Europa, "haben, abhängig vom jeweiligen Land und vom sozialen Umfeld, bereits ein bis zwei Drittel der Kinder einen Fernseher in ihrem Zimmer (75 Prozent in den benachteiligten Milieus in Großbritannien). Diese Zahlen beziehen sich auf Kinder im Alter von null bis zu drei Jahren".

Bereits 2004 hatten Zimmerman und Christakis in "Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine" festgestellt, dass das Fernsehen während der psychischen Entwicklung des Kindes schwere Aufmerksamkeitsstörungen verursachen kann. Vergleichbare Beobachtungen haben die Staatskasse für Familienbeihilfen in Frankreich veranlasst, staatliche Organe und die Familien mit dem Hinweis zu warnen, dass ein Jugendlicher, "der täglich mehr als drei Stunden fernsieht, im Verhältnis zu denen, die täglich weniger als eine Stunde fernsehen, seine Chancen halbiert, eine höhere Schulbildung zu absolvieren".

REUTERS
Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Die vorzeitige Aufmerksamkeitsgewinnung durch industrielle Technologien ist eine Hauptursache der Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADS), ein juveniles Krankheitsbild, das in den Vereinigten Staaten zu einer wahren Plage geworden ist. Das kindliche Gehirn konfiguriert sich im Verlauf einer Synaptogenese, während der es für seine Umwelt außerordentlich empfänglich ist. Wird es dabei einer ständigen Berieselung mit medialen Bildern und Tönen ausgesetzt, führt dies zu einer irreversiblen "Verschaltung" des jugendlichen Nervensystems, dem es in Folge außerordentlich schwer fällt, andere aufmerkende Fähigkeiten wie zum Beispiel die zum Lesen zu erwerben.

Im Juni 2007 wurde in Frankreich ein Gesetz verabschiedet, das in schweren Fällen jugendlicher Delinquenz "den Einwand der Minderjährigkeit" abgeschafft hat, nach dem ein unmündiges Kind nicht wie ein mündiger Erwachsener abgeurteilt werden kann. Zur selben Zeit, als dieser Gesetzentwurf diskutiert wurde, präsentierte eine Werbekampagne Plakate von Kindern, die deutlich zeigten, dass sie ihres Vaters oder Großvaters, die mit ihnen spielen wollten, zutiefst überdrüssig waren. "Unsere Kinder verdienen mehr als das" verkündeten diese Plakate, wobei "das" ihre mündigen Eltern und Großeltern bezeichnete. Sie verdienten dagegen Canal J, einen Fernsehsender, der sich auf die Eroberung dieser wichtigen Zielgruppe der Unmündigen spezialisiert hat (auf die verfügbare Zeit ihrer Hirne).

Diese "Zielgruppe" der Minderjährigen, die von Canal J erobert wird, ist strategisch bedeutsam: Sie ist zum Vorbild, ja zum Vorschriftenträger für das Konsumverhalten der Erwachsenen geworden, und zwar durch eine Vertauschung des Generationenverhältnisses, die das deutlichste Anzeichen der Zerstörung der Erziehung ist, zu der das Tele-Marketing geführt hat. Dadurch werden die vorgeblich erwachsenen "Zielgruppen" infantilisiert, das heißt zunehmend weniger verantwortlich für das Verhalten ihrer Kinder, aber auch für das eigene, welches ihnen von eben diesen Kindern vorgeschrieben wird. Solche Erwachsenen sind strukturell zu Minderjährigen geworden.

Seit Oktober hat der Fernsehsender Baby First über Canal Sat mit der Ausstrahlung seiner Sendungen auf französischem Gebiet begonnen. Dieser Sender hat sich auf Kleinkinder unter drei Jahren spezialisiert. Nun haben sich weder die französische Regierung, die kurzerhand bereit war, Kinder anstelle von verantwortungslosen Erwachsenen zu verurteilen, noch die Europäische Union, die die Fernsehwerbung weiter liberalisiert hat, der Einrichtung dieses Senders widersetzt, der bereits jenseits des Atlantiks Verwüstungen angerichtet hat. Von dieser Art ist die zeitgenössische Vorherrschaft der Gleichgültigkeit, das heißt der fehlenden Sorge.

Nach Ansicht von Kant ist das Kennzeichen der Aufklärung die Eroberung der Mündigkeit als Ausgang aus der Unmündigkeit und die Organisation der Gesellschaft im Hinblick auf dieses zentrale Ziel: Entwicklung von Aufmerksamkeit, um sie in eine mündige Aufmerksamkeit zu verwandeln. In "Was ist Aufklärung?" führt Kant aus, dass diese Aufmerksamkeit eine Technik der Aufmerksamkeitsgewinnung voraussetzt. Die Mündigkeit als kritische Fähigkeit setzt Schreiben und Lesen voraus, sie vollzieht sich als "öffentlicher Gebrauch der eigenen Vernunft, den man als Gelehrter vor dem Publikum der Leserwelt macht".

Dieser öffentliche Gebrauch der eigenen Vernunft bedeutet schreiben, bedeutet, "sich an ein Publikum im eigentlichen Verstande durch Schriften" zu wenden. Nun ermöglicht die Technik der Entwicklung von Aufmerksamkeit auch deren Ablenkung und Benebelung, das heißt deren De-Formierung, die Kant als "Faulheit" und "Feigheit" des Erwachsenen bezeichnete, der sich dem Zustand der Unmündigkeit ausliefert. "Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat (...), so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen."

Mit anderen Worten, wenn die Aufklärung als Eroberung der Mündigkeit und als Bejahung von Mut und Willen gegen Faulheit und Feigheit das Schreiben, also auch das Lesen als Psychotechniken der Aufmerksamkeitsentwicklung voraussetzt, und wenn die Nootechnik des buchförmigen Hypomnematon Voraussetzung für eine kritische Öffentlichkeit wie die "Gelehrtenrepublik" ist, so darf das Buch, das ein Pharmakon ist, dennoch nicht den Verstand ersetzen. Weil das Buch, dieses Heilmittel (pharmakon) gegen die Schwäche unseres Geistes, eine Psychotechnik der Aufmerksamkeitsentwicklung wie auch Grundlage für den Monotheismus und die Philosophie, dadurch zu einem Gift (pharmakon) für den Geist wird.

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Forum - Tötet das Fersehen die Phantasie?
insgesamt 211 Beiträge
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1. Im TV leben lassen
JaIchBinEs, 30.06.2008
Zitat von sysopDer französische Philosoph Bernard Stiegler erhebt schwere Vorwürfe: Der TV-Konsum erschaffe eine "global synchronisierte Halluzination", zerstöre die Erziehung und verwandele Erwachsene in unmündige Kinder. Hat er Recht?Tötet das Fernsehen unsere Phantasie?
Ich kann dem Beitrag (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,547846,00.html) nur zustimmen. Für jemanden, der keine Aufgabe oder Rolle in seinem Leben gefunden hat und das vielleicht auch nicht merkt, kann visueller Medienkonsum zur Falle werden: Im Fernsehen läßt er dann sein Leben leben, jegliche Eigeninitiative erlischt.
2.
tasmanien 30.06.2008
Eindeutig ja! Kreativität entsteht aus Langeweile! Was ist uns nicht alles eingefallen um unserer Langeweile zu entkommen!
3. So ein Schwachsinn
Emerica, 30.06.2008
Zitat von sysopDer französische Philosoph Bernard Stiegler erhebt schwere Vorwürfe: Der TV-Konsum erschaffe eine "global synchronisierte Halluzination", zerstöre die Erziehung und verwandele Erwachsene in unmündige Kinder. Hat er Recht?Tötet das Fernsehen unsere Phantasie?
Ui, also dass einem französischen Philosophen die (ich mutmaße einmal) amerikanische Dominanz in TV- und Kinofilmen säuerlich aufstöß, kann ich ja nachvollziehen... Aber ich als jemand, der mit TV - und noch viel schlimmer - Computerspielen aufgewachsen ist und sich trotzdem (!) für Geschichte und Politik einigermaßen interessiert, würde diesen Herrn gerne fragen ob es denn früher wirklich besser war. Zum Beispiel 1914, als die deutsche Jugend (und auch die französische) von der Schulbank aus, belesen in Goethe, Schiller und von mir aus auch Voltaire, begeistert in den 1. Weltkrieg zog... Gut, es war damals keine "global synchronisierte Halluzination", aber zumindest eine "national synchronisierte" - Und das ganz ohne TV! Und so könnte man weiter die über 2000jährige europäische Geschichte aufrollen und unzählige andere Beispiele finden - nicht zuletzt die Religion, denn auch diese verwandelt Erwachsene in unmündige Kinder, wenn man nur böswillig genug ist, dass Gerede vom ewigen Seelenheil und der Drohung von Fegefeuer, Hölle etc. so zu interpretieren. Lange Rede kurzer Sinn - Läge Hollywood in Frankreich, fände dieser Philosoph gewiss ein anderes Thema über dass er sich echauffieren könnte. Vielleicht die "global synchronisierte" Popmusik???
4.
Rainer Helmbrecht 30.06.2008
Zitat von sysopDer französische Philosoph Bernard Stiegler erhebt schwere Vorwürfe: Der TV-Konsum erschaffe eine "global synchronisierte Halluzination", zerstöre die Erziehung und verwandele Erwachsene in unmündige Kinder. Hat er Recht?Tötet das Fernsehen unsere Phantasie?
Ich kann ihn da nur unterstützen. Schon wer einen Film seht, nachdem er das Buch gelesen hat, ist enttäuscht. Weil er sich mit seiner Phantasie konfrontiert sieht. Schon die einfach Vorstellung, dass da ein blondes Mädchen den Weg entlanggeht, macht ein eigenes Buch auf. Was für ein Weg, was für ein Mädchen, wie blond usw., das wird in einem Film von den Bildern bestimmt. Im Film hat man noch nicht mal die Möglichkeit, seinen eigenen Gedanken nach gehen. Man sieht die Bilder und vorbei ist es. Es gibt eine Menge Pädagogen, die Kinder das Fernsehen unter 10-12 Jahren gerne verbieten würden. Wobei ich das, wenn ich die Serien für Kinder mal sehe, durchaus verstehen kann;o). MfG. Rainer
5.
magrat 30.06.2008
Das erinnert doch sehr an die Aussagen von Neil Postman vor ca. zwanzig Jahren – neue Erkenntnisse kann ich darin keine wiederfinden....und prinzipiell finde ich ein Nachdenken über Alternativen und deren alltagstaugliche+attraktive Umsetzung immer konstruktiver als dieses ewig-pessimistische Gejammer....ist aber vielleicht auch anspruchvoller, denn da geht es dann um die Handlungsebene: *wie* setze ich das um(z.b.für Eltern)... Der Anspruch/Vorwurf/Anklage allein hat noch nie weitergeholfen.
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