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Hirnforschung: Wie wir die Emotionen unser Mitmenschen verstehen

Warum können wir ihre Absichten und Gefühle anderer Menschen verstehen? Was befähigt uns zur Empathie? Die italienischen Forscher Giacomo Rizzolatti und Corrado Sinigaglia berichten, wie die moderne Hirnforschung die Quelle des Mitgefühls aufklären konnte.

Der Mensch ist ein Wunder. Wie gelingt es ihm, unmittelbar zu erfassen, was die Handlungen anderer zu bedeuten haben? Philosophen und Seelenärzte haben jahrhundertelang nach der Antwort gesucht. Den vielversprechendsten Weg bietet seit gut zehn Jahren die Neurophysiologie. Sie hat im Gehirn des Menschen (und anderer Primaten) spezielle Nervenzellen (Spiegelneurone) entdeckt, die eine überraschende Eigenschaft besitzen: Sie aktivieren sich, wenn wir eine bestimmte Handlung ausführen, aber auch dann, wenn wir andere bei dieser Handlung beobachten.

Diese außergewöhnliche Entdeckung wird einschließlich der theoretischen Voraussetzungen in unserem Buch "Empathie und Spiegelneurone: Die biologische Basis des Mitgefühls" erstmals dargestellt. Hier werden nicht nur die neuralen Mechanismen erkundet, die vielen unserer individuellen und sozialen Verhaltensweisen zugrundeliegen. Was hier vorgelegt wird, ist eine originäre Untersuchung über die Evolution der Intelligenz und der Emotion, des Denkens und der Sprache. Sie wird unser Verständnis der psychischen Funktionen verändern und sich nachhaltig auf Psychologie, Anthropologie, Ethik und Ästhetik auswirken.

Verstehen ist kein abstrakter intellektueller Akt. Es basiert auf dem motorischen System des Gehirns. Und es wird durch das Miteinander der Menschen konstituiert. Verantwortlich dafür sind die Spiegelneurone, Zellen im motorischen und sensorischen Bereich der Hirnrinde, die sich bei der Beobachtung von Handlungen aktivieren, gleichsam ein inneres Bild des Beobachteten schaffen. Das wäre nicht möglich, wenn das motorische System nur für die Ausführung von Bewegungen zuständig wäre. Die Frage wäre dann nämlich, wie unsere Beobachtungen, der sensorische Input, in Handlungen übersetzt werden können. Doch die Neurone des motorischen Systems können mehr. Sie integrieren das beobachtete Geschehen, das ja abstrakt aus einer Folge einzelner Bewegungen besteht, direkt zu einer sinnvollen Handlung, einem motorischen Akt.

Ein scheinbar triviales Beispiel: Was geschieht, wenn wir nach einer Tasse Kaffee greifen? Die Hand nähert sich dem Objekt. Dabei macht sich das Gehirn ein Bild, in dem die wichtigen Kriterien erfasst werden: Wie weit ist das Objekt entfernt? Wie groß ist es? Wo ist der Henkel zum Anfassen? Zum Ergreifen der Tasse sind weitere sensorische Daten zu verarbeiten. Dabei wird der Zugriff präfiguriert: Die Finger krümmen sich, noch ehe der Henkel erreicht ist, zu einem präzisen Griff. Viele Wahrnehmungen und Rechenvorgänge gehen also in diese Bewegungen ein. Wir sehen mit der Hand, sehen das Objekt als etwas, das wir ergreifen und zugleich begreifen können. Es findet eine sensomotorische Transformation statt, die den motorischen Akt konstituiert.

Solche motorischen Akte werden in einem "Wörterbuch der Akte" abgelegt. Es enthält ein Bild der uns umgebenden Welt und weist den Dingen eine unmittelbare Bedeutung zu. Der Handlungssinn ist im motorischen Akt selbst eingeschlossen. Das macht diesen verstehbar, wenn wir ihn bei anderen beobachten. Dabei gilt, dass das Verstehen keiner Vermittlung durch Denken, Begriffe und/oder Sprache bedarf, denn es beruht einzig und allein auf dem Wörterbuch der Akte und dem motorischen Wissen, von denen unsere Fähigkeit zu handeln abhängt.

Was die hieran beteiligten Spiegelneurone vor anderen Neuronen auszeichnet, sind ihre visuomotorischen Eigenschaften. Andere Neurone haben entweder nur sensorische Funktionen, zum Beispiel Sehen, Hören, Fühlen, oder nur motorische Aufgaben. Durch Spiegelneurone wird die visuelle Information über das, was ein anderer tut, mit dem motorischen Wissen, das wir besitzen, koordiniert. Dies ist die Grundlage des Lernens durch Nachahmung. Die Frage ist: Wie können wir tun, was wir andere haben ausführen sehen? Welche kortikalen Prozesse sind beteiligt, und welche sensomotorischen Transformationen sind erforderlich? Experimente haben gezeigt, dass Hirnareale, in denen das Spiegelneuronensystem lokalisiert ist, sich beim Imitieren einer Handlung stärker aktivieren als beim Ausführen einer nicht-imitatorischen Handlung. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass beobachtetes Handeln, also eine visuelle Information, und das motorische Wissen des Beobachters – das Wörterbuch der Akte – auf einem gemeinsamen Repräsentationsschema beruhen, das als Mechanismus der direkten Übersetzung der visuellen Informationen in potentielle motorische Akte fungiert.

Die durch das Spiegelneuronensystem hergestellte motorische Resonanz ist nicht der einzig mögliche Modus, das Handeln anderer zu verstehen. Unser Sozialverhalten beruht weitgehend auf der Fähigkeit, zu begreifen, was die anderen im Sinn haben, und uns darauf einzustellen. Sobald wir jemanden sehen, der eine Handlung oder eine Handlungskette ausführt, nehmen seine Bewegungen, ob er will oder nicht, eine unmittelbare Bedeutung für uns an; umgekehrt gilt natürlich auch, dass jede unserer Handlungen eine unmittelbare Bedeutung für den annimmt, der sie beobachtet. Auf diese Weise determinieren das System der Spiegelneurone und die Selektivität ihrer Reaktionen einen gemeinsamen Handlungsraum, in den jede Handlung und jede Handlungskette von uns oder anderen unmittelbar einbeschrieben ist und verstanden wird, ohne dass es einer ausdrücklichen oder absichtlichen "kognitiven Operation" bedürfte. Entscheidend für das Verstehen der Bedeutung der Handlungen anderer ist das motorische Wissen, das wir besitzen.

REUTERS
Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Auch höhere Funktionen wie die menschliche Kommunikation haben ihre Grundlage im motorischen System. Das Broca-Areal, das die Spracherzeugung steuert, liegt im motorischen Teil der Hirnrinde, und es ist in ein Spiegelneuronensystem eingebunden. Es wird bereits aktiviert, wenn wir sehen, wie ein Mensch seine Lippen bewegt. So als ahmten wir stumm seine Lippenbewegungen nach. Daraus und aus anderen Beobachtungen leitet sich die Hypothese ab, dass die menschliche Sprache evolutionär nicht aus den Vokalisationen der Tiere (z. B. aus Warnrufen) hervorgegangen ist, sondern aus Gesten, also motorischen Akten. Klinische Studien scheinen die Existenz einer Verbindung zwischen dem gestischen und dem sprachlichen System zu bestätigen. Auch das Verstehen der Sprache beruht also letztlich auf der inneren Nachbildung des motorischen Handelns anderer.

Wie gelingt es uns, den Gesichtsausdruck anderer zu verstehen? Werden die Emotionen, die sich darin äußern, kognitiv analysiert? Oder wirken auch hier Spiegelneurone mit, werden also beim Anblick des Gesichts eines anderen, das eine Emotion ausdrückt, beim Beobachter dieselben zerebralen Zentren aktiviert, die sich aktivieren, wenn er selbst diese spezifische emotionale Reaktion hat? Eine elementare Emotion ist der Ekel. Klinische Daten deuten darauf hin, dass das Empfinden von Ekel und das Wahrnehmen von Ekel bei anderen ein gemeinsames neurales Substrat haben und dass in beiden Fällen eine bestimmte Hirnstruktur, die "Insel", wesentlich beteiligt ist. Dies legt den Schluss nahe, dass das "wirkliche" Verstehen des Ekels der anderen, bei dem man tatsächlich begreift, was der andere im Augenblick empfindet, kognitive Prozesse im Sinne von Folgerungen oder Assoziationen weder voraussetzt noch auf ihnen beruht. Die "Insel" aktiviert sich im Experiment sowohl beim Schnuppern ekelhafter Gerüche als auch beim Anblick angeekelter Personen. Für den Schmerz ist eine andere Region zuständig, die cinguläre Rinde. Sie reagiert sowohl auf die Verabreichung von Schmerzreizen als auch auf die Beobachtung entsprechender Reizungen bei anderen. Das Verstehen der emotionalen Zustände anderer hängt folglich von einem Spiegelmechanismus ab, der die sensorische Erfahrung direkt zu kodieren vermag.

Der Mechanismus der Spiegelneurone ermöglicht das unmittelbare Verstehen der Emotionen der anderen. Dies ist die notwendige Voraussetzung für die Einfühlung, das empathische Verhalten, das einem Großteil unserer sozialen Beziehungen zugrundeliegt. Ob wir aber beim Anblick eines schmerzgeplagten Menschen, dessen Schmerz wir unmittelbar verstehen, tatsächlich Mitleid empfinden, hängt u. a. von dem Verhältnis ab, das wir zu ihm haben.

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