Hirnscans: "Sesamstraße" verrät geistige Fähigkeiten von Kindern

Die "Sesamstraße" kann Kinder offenbar nicht nur bespaßen - sondern auch helfen, deren geistige Entwicklung zu erforschen. Wissenschaftler haben die Gehirne von Kindern gescannt, während auf dem Bildschirm die Puppen tanzten - und wussten anschließend, wie schlau die kleinen Probanden sind.

"Sesamstraße"-Puppen: Forscher haben TV-Zuschauern ins Hirn geschaut Zur Großansicht
DPA/ NDR/ Sesame Workshop

"Sesamstraße"-Puppen: Forscher haben TV-Zuschauern ins Hirn geschaut

Rochester - Als die "Sesamstraße" 1971 von den USA nach Deutschland kam, sorgte sie für heftige Diskussionen: Nicht wenige sahen in den pelzigen Puppen eine Gefahr für die Entwicklung deutscher Kinder. Jetzt hat ein britisches Forscherteam ausgerechnet die "Sesamstraße" benutzt, um herauszufinden, wie Kinder sich entwickeln: Die Forscher haben Kindern und Erwachsenen ins Gehirn geschaut, während sie Folgen der TV-Serie sahen. Mit den dabei erstellten neuronalen Landkarten ließ sich schon vor einem anschließenden Test sagen, wie gescheit die Probanden sind. Zudem erkannte das Team, ob ein Kind eher sprachlich oder mathematisch begabt ist.

Jessica Cantlon und Rosa Li von der University of Rochester (US-Bundesstaat New York) hatten die Gehirne mittels funktioneller Kernspintomografie (fMRI) beobachtet. Während der Messung betrachteten 27 Kinder zwischen vier und elf Jahren Ausschnitte der "Sesamstraße", bei denen es um Zahlen, Wörter und geometrische Formen ging. Je nach Thema waren im Gehirn der Kinder unterschiedliche Bereiche aktiv. Wörter und Sprache führten zu einer Zunahme der Aktivität in einem Bereich, der als Broca-Areal bezeichnet wird, während mathematische Themen zu einer Aktivierung im sogenannten Intraparietalen Sulcus führten. Damit belegt die Studie frühere Erkenntnisse über diese Hirnregionen.

Alltägliche Situation statt einzelner Reize

Die Auflösung der Kernspintomografie war hoch: Die Forscher erfassten 40.000 Punkte im Gehirn der Kinder und bestimmten dort alle zwei Sekunden die neuronale Aktivität. Aus dieser Datenflut erstellten sie hochauflösende Landkarten von den Gehirnen der kleinen Probanden. Nach der Messung wurden die Kinder auf ihre sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten getestet.

Danach verglichen die Forscher die Daten der Kinder mit denen von Erwachsenen. Kinder, deren Gehirn beim Schauen der "Sesamstraße" eine vergleichbare Aktivität wie das Gehirn von einem Erwachsenen zeigte, schnitten im Test deutlich besser ab. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Entwicklung des Gehirns messbar ist, schreiben die Forscher im Fachmagazin "PLoS Biology".

Neu ist diese Methode nicht - im Gegensatz zu früheren Studien setzten die Wissenschaftler diesmal aber bei der Bestimmung der Gehirnaktivität auf eine alltägliche Situation: Fernsehen. Bisher wurden den Probanden in ähnlichen Studien nur einzelne Bilder gezeigt: Gesichter, Formen, Wörter oder Zahlen. Diese weit weniger komplexe Situation ermöglichte keine verlässliche Aussage über die geistigen Fähigkeiten der Testpersonen.

Die neue Methode könnte in Zukunft helfen, die Entwicklung des Gehirns besser zu verstehen, berichtete die Universität. Außerdem erhoffen sich die Forscher Erfolge bei der Diagnose und der Therapie von Kindern mit einer Lernschwäche.

mbe/dpa

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1. Fragwürdige Forschung
torstenschäfer 04.01.2013
Es vergeht ja kein Tag, an dem nicht irgend eine Meldung von solchem Kaliber verbreitet wird. Der Wert solcher Scans ist allerdings durchaus fraglich. Siehe auch: "Ein Fisch schaut in die Röhre Um zu zeigen, wie viel Unfug die moderne Hirnforschung treibt, hat ein Forscher die Hirnströme eines toten Lachses gemessen...." Neuronenforschung - Ein Fisch schaut in die Röhre - Wissen - Süddeutsche.de (http://www.sueddeutsche.de/wissen/neuronenforschung-ein-fisch-schaut-in-die-roehre-1.36460)
2. Na prima...
expendable 04.01.2013
...dann kann die Selektion in Leistungsträger und Überflüssige ja schon im Kindergartenalter stattfinden.
3. Vielleicht noch mit...
fatherted98 04.01.2013
...Ernie, Bert, Krümmel, Oskar und Grobi...aber alle anderen neueren Figuren wie Samson, Tiffi, Bödefeld und jetzt ELMO......da kann man keine geistige Hirntätigkeit mehr feststellen....
4. Ohne
heidschnucke 04.01.2013
Das wusste ich schon ohne wissenschaftliche Untersuchungen. Mein Sohn hat mit der Sesamstraße das Buchstabieren gelernt und mir in den Herbstfereien bei Oma im 1. Schuljahr einen Brief geschrieben. Getippt auf meiner alten Schreibmaschine (natürlich nicht fehlerfrei).
5.
einsteinweiter 04.01.2013
Das so genannte "Sparen" kann Poltikern offenbar nicht nur bespaßen - sondern auch helfen, deren geistige Entwicklung zu erforschen. Wissenschaftler haben die Gehirne von Politikern gescannt, während auf dem Bildschirm die Spar Ideen gezeigt wurden - und wussten anschließend, wie schlau die kleinen Probanden sind
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