Hiroshima und Nagasaki Die späte Reue der Atom-Pioniere

Vor genau 60 Jahren wurde die Atombombe über Hiroshima abgeworfen, dort und in Nagasaki fielen über 200.000 Menschen der tödlichen Technologie zum Opfer. Als die Erbauer der Höllenmaschinen von dem Inferno erfuhren, wurden sie von Zweifeln heimgesucht.


Robert Oppenheimer: "Ich wurde der Tod, der Zerstörer der Welten"
AP

Robert Oppenheimer: "Ich wurde der Tod, der Zerstörer der Welten"

Anfangs waren sich die Forscher einig: Sie wollten die Atombombe. Es war nicht der wissenschaftliche Ehrgeiz allein, der sie trieb, sondern vor allem die Angst vor Hitler. Albert Einstein warnte Präsident Franklin D. Roosevelt in einem Brief, dass die Deutschen die atomare Vernichtungswaffe bauen könnten.

Robert Oppenheimer, der Vater der Atombombe, und Edward Teller, der später die Wasserstoffbombe entwickelte, hatten ganz persönliche Gründe, am "Manhattan-Project" mitzuarbeiten. Beide waren Juden und hatten vom Unrecht in Europa erfahren, wo noch Familienangehörige lebten. Beide wollten deshalb unbedingt den Diktaturen, zuerst natürlich Deutschland, zuvorkommen. Ihre Konkurrenten, die angeblich kurz vor der Fertigstellung der Atombombe standen, kannten sie persönlich: Teller hatte bei Werner Heisenberg promoviert, Oppenheimer bei Max Born in Göttingen studiert.

Dass auf dem streng abgeschirmten Gelände in Los Alamos etwas entwickelt wurde, das die Welt verändern würde, war den meisten Beteiligten durchaus bewusst. "Alle schienen zu fühlen, dass sie bei der Geburt eines neuen Zeitalters dabei waren, des Zeitalters der Atomenergie", sagte General Thomas Farrell später. Er gehörte zu den gut 250 Beobachtern des ersten Atompilzes der Geschichte, der am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico in den Himmel aufstieg. Alle hätten die "tiefe Verantwortung" gespürt, so Farrell, die erstmals in der Geschichte entfesselten gewaltigen Kräfte "in die richtigen Kanäle zu lenken".

Oppenheimer sagte angesichts der gewaltigen Explosion den später viel zitierte Satz aus einer Hinduschrift: "Ich wurde der Tod, der Zerstörer der Welten."

Schäden durch Strahlung völlig unterschätzt

Es wäre falsch zu behaupten, die Atomphysiker hätten nicht gewusst, was sie tun. Zumindest Oppenheimer und auch einige Militärs unterschätzten die möglichen Auswirkungen einer Atombombenexplosion auf Menschen vollkommen. In einer Besprechung kurz vor dem Abwurf der Bombe auf Hiroshima hatte Oppenheimer erklärt, dass 20.000 Menschen sterben könnten. Das klang vergleichsweise harmlos, hatten US-Bomben doch bei einem Angriff auf Tokio im März 1945 rund 100.000 Menschen getötet.

Hiroshima nach der Atombombenexplosion: Ruine der Industrie- und Handelskammer
DPA

Hiroshima nach der Atombombenexplosion: Ruine der Industrie- und Handelskammer

Oppenheimer beging jedoch den Fehler, anzunehmen dass ein großer Teil der Bevölkerung genügend Zeit haben würde, Schutzräume aufzusuchen. Tatsächlich tötete die Hiroshima-Bombe 140.000 Menschen.

Nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 hatte unter Wissenschaftlern des Manhattan-Projekts eine Diskussion darüber eingesetzt, ob die neue Waffe nicht erst einmal nur demonstrativ in einer menschenleeren Gegend vorgeführt werden sollte. Robert Wilson, Professor an der Priceton University, schlug Oppenheimer vor, einige japanische Beobachter zum geplanten Bombentest am 16. Juli nach New Mexico einzuladen.

Selbst die beiden für den Abwurf der Bombe zuständigen Männer - der Waffenspezialist William Parsons und der kriegerische Physikprofessor Norman Ramsey - spielten mit dem Gedanken einer Demonstration, über der Bucht von Tokio etwa oder dem heiligen Berg Fujijama.

Ramsey sorgte sich um das moralische Ansehen der Vereinigten Staaten, doch für ihn war klar, dass man nicht endlos ethische Werte bemühen konnte, während noch junge Männer im Krieg ihr Leben ließen. Ramsey: "Wer will schon unnütz Menschen sterben lassen, nur um sich selbst besser zu fühlen?" Er wusste, dass die Demonstrations-Idee nicht zu vermitteln war, weder in Washington noch in Los Alamos, wo die Problematik offiziell nicht zur Kenntnis genommen wurde.

Bedenken wurden ignoriert

Ebenso wenig wie die Verfechter einer demonstrativen Explosion konnten sich jene durchsetzen, die einen Stopp der Arbeiten an der Bombe und ein Verbot ihres Einsatzes forderten. "Dieses Ding darf auf Erden nicht zugelassen werden", schrieb der Ingenieur Oswald C. Brewster in einem Brief an US-Präsident Harry S. Truman. "Wir dürfen nicht das meistgehasste und meistgefürchtete Volk der Erde werden, wie gut unsere Absichten auch sein mögen."

Kriegsminister George C. Marshall las das Schreiben und leitete es höchstpersönlich an Truman weiter. Am 2. Juni kam es zurück - ohne jeglichen Kommentar des Herrn im Weißen Haus.

Kernspaltungs-Entdecker Hahn: "Ich wollte es nicht glauben"
AP

Kernspaltungs-Entdecker Hahn: "Ich wollte es nicht glauben"

Zwei Monate später, am 6. August, morgens kurz nach 8 Uhr, wurde die Bombe über Hiroshima abgeworfen. Zehntausende Menschen verglühten regelrecht, für Präsident Truman war es "der größte Tag in der Geschichte". Bis Ende 1945 summierte sich die Zahl der Toten auf 140.000.

Wie sich nach der Explosion herausstellte, hatten die Wissenschaftler die Schäden durch radioaktive Strahlung vollkommen unterschätzt. Physikprofessor Ramsey sagte später, ihn hätten die Meldungen des Tokioter Radios "beunruhigt und verwirrt": Auf Englisch hieß es, viele Überlebende litten an Verletzungen und Krankheiten, die durch Strahlung ausgelöst worden seien. Selbst Menschen mit geringen Verbrennungen, die anfangs relativ gesund erschienen, seien nach einigen Tagen immer schwächer geworden, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Domei.

Generalmajor Leslie R. Groves, der noch über Oppenheimer stehende Leiter des zwei Milliarden Dollar teuren Bomben-Programms, nannte die Berichte aus Japan "Lügen und Propaganda". Ein Strahlungsexperte in Los Alamos urteilte ähnlich. Die Beschwerden aus Tokio seien "mit Sicherheit Lügen, denn die Daten, die die Japaner veröffentlichten, ließen sich mit den Erfahrungen des Projekts auch nicht andeutungsweise vereinbaren".

Niemand ahnte damals, dass noch Monate später Zehntausende an den Folgen der Verstrahlung sterben würden - und Tausende noch Jahre später an Krebs.

Späte Einsicht bei Oppenheimer

Der deutsche Physiker Otto Hahn, dem 1938 erstmals die Kernspaltung von Uran 1938 gelungen war, zeigte sich schockiert von den Nachrichten aus Hiroshima. "Ich wollte es nicht glauben", schrieb er in sein Tagebuch. Der Tod so vieler "unschuldiger Frauen und Kinder" sei kaum zu ertragen.

Einstein soll "Oh, weh" gesagt haben, als er vom Abwurf der Bombe hörte. Zehn Jahre später, am 9. Juli 1955, veröffentlichte er gemeinsam mit dem Philosophen Bertrand Russell die berühmte Erklärung, in der er vor den Gefahren eines Krieges mit Nuklearwaffen warnte. Gemeinsam mit neun weiteren Wissenschaftlern forderten Russel und Einstein die Regierungen der Welt auf, Wege für eine friedliche Lösung aller ihrer Kontroversen zu finden.

Edward Teller: "Ich sehe nicht, wie ich es hätte anders machen können"
DPA

Edward Teller: "Ich sehe nicht, wie ich es hätte anders machen können"

"Die breite Öffentlichkeit, ja sogar viele Personen in verantwortlichen Positionen haben nicht begriffen, was in einem Krieg mit nuklearen Bomben auf dem Spiele steht", hieß es in dem Manifest. Seine Kernaussagen seien auch heute noch unverändert gültig, erklärte kürzlich die Deutsche Physikalische Gesellschaft.

Während Oppenheimer nach dem Abwurf der Bomben Zweifel plagten, zeigte Teller kaum Bedenken. Die Demokratien müssten stark sein, um gegen nationalsozialistische oder kommunistische Diktaturen gewappnet zu sein, erklärte er. Deshalb trieb Teller später auch den Bau der Wasserstoffbombe voran, um den Sowjets Paroli bieten zu können.

Oppenheimer sprach sich hingegen nach den verheerenden Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki gegen ein Wettrüsten aus. Damit machte er sich in der Hochphase des Kalten Krieges verdächtig. Teller bescheinigte ihm zwar Loyalität zu den USA, bezweifelte jedoch seine Zuverlässigkeit in Rüstungsfragen.

1954, 13 Jahre vor seinem Tod, wurde Oppenheimer der Zugang zu Staatsgeheimnissen entzogen. Im selben Jahr zündete Teller seine erste Wasserstoffbombe. Überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen, warb er auch für die Neutronenbombe.

Bevor Teller vor zwei Jahren 95-jährig starb, hatte er seinen Zwist mit Oppenheimer als "das mir Peinlichste" bezeichnet. Aber: "Ich sehe nicht, wie ich es hätte anders machen können."

Holger Dambeck



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.