Historiker-Bericht Die dunkle Vergangenheit des Robert-Koch-Instituts

Brutale Menschenversuche, fanatische Linientreue, fehlende Zivilcourage: Das Berliner Robert-Koch-Institut hat den Abschlussbericht über seine Rolle im Dritten Reich vorgelegt. Es ist eine bittere Bilanz.


Berlin - Inhumane Menschenversuche und ein eklatanter Mangel an Zivilcourage - das ist in einer Kurzfassung die Bilanz des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Zeit des Nationalsozialismus. Seit 2006 hat die Bundesbehörde den dunkelsten Teil ihrer Vergangenheit von einer internationalen Historiker-Kommission erforschen lassen.

Robert-Koch-Institut: Blick in die NS-Vergangenheit
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Robert-Koch-Institut: Blick in die NS-Vergangenheit

"Für das Übertreten humanistischer Grundsätze, für die Verletzung der Würde und der körperlichen Unversehrtheit gibt es zu keiner Zeit der Welt eine Rechtfertigung", sagte RKI-Präsident Jörg Hacker am Mittwoch bei der Vorstellung der Abschlussergebnisse. Das RKI war laut dem Untersuchungsbericht erheblich in die nationalsozialistische Gewaltpolitik verstrickt. Es hatte eine zentrale Stellung in der staatlichen Gesundheitsverwaltung und war zwischen 1935 und 1942 auch Teil des Reichsgesundheitsamtes.

Teilergebnisse der Untersuchung hatte das RKI in den vergangenen Jahren veröffentlicht. So war die Beteiligung von RKI-Wissenschaftlern an inhumanen Menschenversuchen in Konzentrationslagern und psychiatrischen Einrichtungen bereits bekannt.

Durch das Forschungsprojekt kamen nach und nach jedoch eine Reihe neuer Namen und Taten ans Licht. Deutlich geworden sei vor allem die "fast vollständige Durchdringung des RKI mit der NS-Ideologie", sagte Hacker. So mussten viele Wissenschaftler des Instituts auswandern oder sich verstecken. Schon drei Monate nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 habe es am RKI eine Entlassungswelle gegeben, bei der der gesamte Mittelbau des Instituts ausgetauscht worden sei. Später seien der Direktor und fast alle Abteilungsleiter in der NSDAP gewesen.

Besonders traurig für die heutigen Forscher ist die fehlende Zivilcourage ihrer Amtsvorgänger. In den Akten wurden keinerlei Hinweise auf Protest gefunden. Medizinhistoriker haben allein das Bemühen gesehen, Kollegen durch eine positive Beurteilung Wege für eine neue Stelle im Ausland zu ebnen. "Wir hatten uns mehr Courage erhofft", bilanzierte der RKI-Präsident.

Er betonte auch, dass es keinesfalls nur einzelne Wissenschaftler waren, die "moralische Grenzen überschritten" hätten. Diese These sei noch 1991 in der Festschrift zum 100-jährigen Jahrestag der Institutsgründung nachzulesen gewesen. "Diese Einschätzung müssen wir revidieren", so Hacke. "Fast alle haben mitgemacht oder geschwiegen."

Hacke ging noch weiter: Am RKI sei es nicht "wie überall" gewesen, sondern schlimmer als an vielen anderen Einrichtungen - unter anderem, weil Mediziner nach Einschätzung der Historiker "eine überproportional höhere Affinität zum Nationalsozialismus hatten als andere Berufsgruppen".

Die Untaten des Instituts sind in dem Buch "Das Robert-Koch-Institut im Nationalsozialismus" festgehalten. Auf dem RKI-Gelände sei darüber hinaus ein Ort des Gedenkens und Erinnerns geplant, teilte die Behörde mit.

mbe/dpa



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