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Historischer Postfund: Historiker öffnen 300 Jahre alte Briefe

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Historische Briefe: "Niet hebben" - Empfang abgelehnt Fotos
Signed, Sealed & Undelivered Team, 2015. Courtesy of the Museum voor Communicatie, The Hague, The Netherlands

In Den Haag haben Historiker nicht zugestellte Briefe geöffnet, die 300 Jahre lang ungelesen in einer Truhe schlummerten. Sie berichten von persönlichen Schicksalen - und erlauben einen einzigartigen Blick in die Postgeschichte.

"Wenn Du mich besuchst, reise nicht über Paris!" So wollte im Jahr 1702 ein Mann aus Nancy seinen Bruder warnen, der als Musiker durch Europa tourte. Der Brief war nicht unbegründet: Die Armee hatte soeben in Paris einen Kollegen des Absenders gegen seinen Willen eingezogen. "Und wenn Du kommst, bringe weder Dein Instrument noch irgendetwas anderes!" Doch die Warnung kam nie an - vielleicht war es schon zu spät und der Bruder längst im Krieg, als der Brief Den Haag erreichte. Ein internationales Historikerteam fand ihn über 300 Jahre später in einer Truhe im Postmuseum der Stadt.

Die einzigartige Sammlung von internationalen Briefen aus der Zeit zwischen 1680 und 1706 stammt aus dem Nachlass des Ehepaars Simon de Brienne und Maria Germain, die in diesen Jahren das Postmeisteramt von Den Haag innehatten. Sämtliche Briefe, die nicht zugestellt werden konnten, landeten in der schwarzen, mit Leinen ausgelegten Ledertruhe - in der Hoffnung, dass eines Tages doch noch der Empfänger gefunden und damit die Kosten in Rechnung gestellt werden konnten.

Die Portokosten wurden damals bei internationalen Briefen nämlich von Absender und Empfänger geteilt. "Wollte jemand beispielsweise einen Brief von Paris nach Den Haag schicken, dann gab er ihn beim örtlichen Postamt in Paris ab und zahlte dem dortigen Postmeister eine Gebühr", erklärt David van der Linden von der niederländischen Universität Groningen. Der Postmeister sorgte dafür, dass der Brief an die französisch-niederländische Grenze gelangte - Belgien, das heute zwischen den beiden Ländern liegt, gab es noch nicht, als das Ehepaar Brienne in Amt und Würden war. Hier wechselte das Dokument in die Zuständigkeit des niederländischen Postmeisters.

Schatz aus einer schwierigen Epoche

"Wir wissen, dass die Briennes Fährmänner und Boten bezahlten, um Briefe von der Grenze nach Den Haag zu bringen", erläutert van der Linden. "Wenn der Empfänger gefunden war, ließen die Briennes sich diese Kosten von ihm erstatten - und schlugen noch etwas für den eigenen Profit obendrauf." Gelegentlich ließ der Empfänger eines Briefes sich nicht auftreiben. Dann blieb dem Postmeisterehepaar nichts anderes übrig, als den Brief so lange aufzuheben, bis er vielleicht doch noch ermittelt werden konnte. Ihre Truhe mit solchen Briefen gelangte auf Umwegen im Jahr 1926 in den Besitz des Postmuseums.

Doch erst jetzt widmen sich die Forscher diesem Schatz voller sehr persönlicher Momentaufnahmen aus einer unruhigen Zeit, in der Europa von Kriegen gebeutelt war. Die Briefe werden nun geöffnet, gescannt und auf einer Webseite der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. "Die Schreiber kamen aus allen Schichten der Gesellschaft", sagt van der Linden. Sie waren Diplomaten, Händler, Migranten und Musiker. Selbst Menschen, die kaum schreiben konnten, versuchten, sich Dinge mitzuteilen: "Manche Verfasser von Briefen schrieben einfach phonetisch. Ohne Punkt und Komma fließen ihre Wörter ineinander, so als ob sie gesprochen würden."

"Wo immer sie auch gerade sein mögen"

Obwohl gegen Ende des 17. Jahrhunderts noch vieles improvisiert werden musste, war das damalige Postsystem bereits erstaunlich effektiv. Nur vier Tage brauchte der schnellste bekannte Brief von Paris nach Den Haag - das ist fast so schnell wie die heutige Post. Obwohl es Adressen, wie wir sie heute kennen, damals noch gar nicht gab. "Briefeschreiber mussten sehr kreativ werden, um zu beschreiben, wo der Empfänger zu finden ist", sagt Rebekah Ahrendt von der US-amerikanischen Yale University.

So konnte eine Adresse zum Beispiel lauten: "Monsieur Lavendines, à l'enseigne du Vieux Dauphiné, vis à vis la grande Église" - An Herrn Lavendines, beim Schild des Vieux Dauphiné, gegenüber der großen Kirche. Ein anderer Brief war adressiert an einen "Monsieur Gauflet simphoniste dans la troupe de comediens entretenu de sa maiestez Bretagnique a la haye ou pour la faire tenir ou il sont presentement" - An Herrn Gauflet, Spieler im Orchester der Komödiantentruppe im Dienste seiner Majestät des Königs von England in Den Haag - oder wo immer sie auch gerade sein mögen".

Doch selbst wenn der Empfänger gefunden wurde, konnte es vorkommen, dass er den Empfang verweigerte. Das passierte bei dem verzweifelten Brief einer Frau, der einem jüdischen Händler zugestellt werden sollte - "im Auftrag einer gemeinsamen Freundin", wie sie vermerkte. "Sie können sich zweifelsohne den wahren Grund ihrer Verzweifelung vorstellen", schrieb die Verfasserin der Zeilen über ihre Freundin. Die Frau, eine Opernsängerin, war schwanger. Nun brauchte sie Geld, um nach Den Haag zurückzukehren - zu jenem Händler, der vermeintlich der Vater des Kindes war. Diesem aber schwante Ärger, als er den Pariser Absender des Briefes sah, und er verweigerte die Annahme. "Niet hebben", notierte der Bote auf dem Umschlag: Empfang abgelehnt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
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1. Sollte man nicht tun!
AusVersehen 30.12.2015
Ich finde nicht, dass man das tun sollte. Erstens sehe ich nicht, welchen historischen Wissensgewinn man dadurch ziehen könnte und zweitens find eich, dass das Postgeheimnis auch für die Briefe verstorbener Menschen gelten sollte. Das gehört einfach zum würdevollen Umgang mit den Verstorbenen. Weder die Verfasser, noch die Empfänger hatten die Chance die Briefe zu vernichten, weil sie nicht zugestellt wurden. Sie befinden sich also widerrechtlich in dem Besitz derer, die sie heute lesen.
2. Das lässt hoffen,
bookworm1949 30.12.2015
dass die vielen Briefe von mir und an mich, die die Post in den letzten Jahren verschlampt hat, in ein paar hundert Jahren doch noch auftauchen.
3. Sperren gegen neue Quellen
Koda 30.12.2015
Zitat von AusVersehenIch finde nicht, dass man das tun sollte. Erstens sehe ich nicht, welchen historischen Wissensgewinn man dadurch ziehen könnte und zweitens find eich, dass das Postgeheimnis auch für die Briefe verstorbener Menschen gelten sollte. Das gehört einfach zum würdevollen Umgang mit den Verstorbenen. Weder die Verfasser, noch die Empfänger hatten die Chance die Briefe zu vernichten, weil sie nicht zugestellt wurden. Sie befinden sich also widerrechtlich in dem Besitz derer, die sie heute lesen.
Wenn man sich so widerspenstig gegen die Möglichkeit sperrt, neue mögliche Quellen aufzutun, sollte man sich gar nicht mit Geschichte befassen. Ausserdem geht es bei Geschichte nicht nur um hochpolitische Themen, sondern auch Alltägliches. Die Menschen sind vor gut 300 Jahren gestorben, ein passenderes Fenster in jene Zeit gibt es wohl kaum noch.
4. Sollte man doch tun
Heliumatmer 30.12.2015
Wenn Historiker damit sorgfältig umgehen, dann kann ein ganz wesentlicher Beitrag zur Geschichte der Völker (Europa droht gerade allmählich wieder auseinanderzubrechen) geleistet werden. Da ist viel zu wenig bekannt.
5. Doch,sollte man lesen
El pato clavado 30.12.2015
und begreifen, dass früher eben doch nicht alles besser war
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
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