Historische Fälschung Angebliche Jeanne d'Arc-Reliquie stammt von ägyptischer Mumie

Die sterblichen Überreste der französischen Nationalheldin Jeanne d'Arc haben sich als dreiste Fälschung entpuppt. Ihre angebliche Rippe gehörte in Wahrheit einer ägyptischen Mumie, fanden französische Forscher heraus. Die Fälschung sollte offenbar Johannas Karriere als Heilige beschleunigen.


Paris - Hundertvierzig Jahre lang haben die Bewohner der zentralfranzösischen Stadt Chinon eine falsche Reliquie aufbewahrt - im Glauben, es handele sich um die sterblichen Überreste der französischen Nationalheldin Jeanne d'Arc. Eine Untersuchung per Elektronenmikroskop, Röntgenapparat und Erbguttest zeigte nun: Der vermeintliche Johanna-Knochen stammt von einer ägyptischen Mumie aus vorchristlicher Zeit. Das berichten 20 Wissenschaftler unter der Leitung des Gerichtsmediziners Philippe Charlier in der britischen Wissenschaftszeitschrift "Nature".

Es war eine Enttäuschung mit Ansage. Bereits vor Weihnachten hatten Charlier so starke Zweifel an der Echtheit der Reliquie beschlichen, dass er sagte: "Die Chancen, dass wir es mit den Überresten der französischen Heldin zu tun haben, schwinden."Noch im Februar des vergangenen Jahres hatte der Pathologe zuversichtlich verkündet: Mit anatomischen und genetischen Analysen wolle er mehr über das sagenumwobene Leben der Jeanne d'Arc herausfinden.

Für die Forschung nach der historischen Johanna von Orléans ist die exotische Fälschung ein Rückschlag. Die Wissenschaftler vermuten, dass interessierte Bastler im neunzehnten Jahrhundert mit der dreisten Aktion die Seligsprechung Jeannes vorantreiben wollten.

Jugendliche Kriegsheldin, rehabilitierte Ketzerin

Im Jahr 1867 waren die vermeintlichen Überreste Johannas auf dem Dachboden einer Pariser Apotheke entdeckt worden. Sie trugen die Aufschrift: "Überreste, die unter dem Scheiterhaufen von Jeanne d'Arc, Jungfrau von Orléans, gefunden wurden." Tatsächlich sprach Papst Benedikt XV. sie 1909 selig, seit 1920 gilt sie der katholischen Kirche gar als Heilige.

Die im 15. Jahrhundert lebende Bauerntochter gehört zu den wichtigsten Ikonen des französischen Nationalbewusstseins. Im Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England führte die junge Frau eine selbst zusammengestellte Einheit an und vertrieb die Engländer aus den Burgen südlich der Loire.

Weil sie Visionen beschrieb, in denen Stimmen sie zu dieser - ihrer Ansicht nach - göttlichen Mission gerufen hatten, wurde sie später als Ketzerin angeklagt und von der Inquisition auf den Scheiterhaufen geführt. Im Mai 1431 wurde Jeanne d'Arc in Rouen hingerichtet. Über Jahrhunderte hinweg beschäftigten sich Literatur und Theologie mit ihrer Person. Im Jahr 1456 wurde sie posthum rehabilitiert.

Ebenso wie bei der Legende um die Person war bei den angeblichen sterblichen Überresten Erfindung nur schwer von Wahrheit zu trennen: So fanden Charlier und seine Kollegen darunter tatsächlich einen Fetzen aus dem 15. Jahrhundert, ein Stück Leinen. Es weist allerdings keine Spuren eines Brandes auf - genauso wenig wie die anderen Gegenstände.

Ernüchternde Analyse: Katzen, Pollen, Plausibilität

Auch ein Katzenknochen lag bei der menschlichen Rippe. Das war vormals als Plausibiltätsbeleg gewertet worden, gab es doch im Mittelalter die wenig feinsinnige Tradition, bei der Hinrichtung von Frauen auf dem Scheiterhaufen auch noch eine Katze mit ins Feuer zu werfen.

Der vermeintliche Jeanne-Knochen selbst indes konnte eindeutig auf das sechste bis dritte vorchristliche Jahrhundert datiert werden. Schwarz war die Rippe nicht wegen Brandspuren, sondern infolge eines altägyptischen Balsamierungsmittels. In dem Töpfchen aus dem Museum von Chinon fanden die Wissenschaftler obendrein jede Menge Kiefernpollen einer Art, die es zu Johannas Lebzeiten in der Normandie nicht gegeben hat. Am Nil waren diese hingegen als Inhalt für Mumifizierungesmittelchenrezepte bekannt.

Dass sich die vermeintlichen Reliquien nun als Mumienreste entpuppen, ist für Forscher weniger überraschend als es zunächst erscheinen mag: Mumien wurden im Mittelalter - und auch später noch - zu medizinischen Zwecken verwendet. Bis ins vergangene Jahrhundert hinein konnte man etwa in manchen Apotheken "mumia vera" kaufen - gemahlene Reste altägyptischer Leichen. Mit diesen wurde reger Handel getrieben. Daher waren sie in Europa weit verbreitet.

stx/jaf/AFP/AP



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