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24. Mai 2008, 12:11 Uhr

Historische Fälschung

Die mysteriösen Steine von Newark

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Es schien ein Jahrhundertcoup zu sein, als 1860 der Forscher David Wyrick hebräische Tafeln aus einem Acker in Ohio grub. Der Fund schien zu beweisen, dass alle Völker auf den Stamm Israel zurückgehen. Sogar der Bürgerkrieg schien abwendbar. Doch die Steine waren dreist gefälscht - in bester Absicht.

Amerika im Jahre 1860. Am Vorabend des amerikanischen Bürgerkrieges ist das Land entzweit über die Frage, ob Schwarze und Indianer die gleichen Rechte wie Weiße haben sollen. Waren Adam und Eva, Gottes letzter Schöpfungsakt, rein und weiß, während die schwarzen Afrikaner und roten Indianer sich schon zuvor gemeinsam mit den Tieren auf Erden getummelt hatten? Oder waren alle Völker dieser Erde Nachfahren der ersten beiden Menschen, getrennt vom Hauptstamm und abgewandert in entlegene Winkel der Erde? Daran hing die alles entscheidende Frage: Durfte man andersfarbige Völker wie Tiere halten? Oder frevelte man damit gegen die Schöpfung des Herrn?

Am 29. Juni 1860 stieß David Wyrick mit seinem Spaten auf ein mysteriöses Objekt. Der Forscher hatte in den Erdwällen von Newark im US-Bundesstaat Ohio gegraben - einer Anlage, die die Indianer errichtet hatten. Er fand einen polierten Sandstein, geformt wie eine Speerspitze, mit einem Knauf daran und bedeckt mit hebräischen Zeichen. Wyrick glaubte fest daran, dass alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, nach Gottes Abbild geschaffen waren. Mit den Steinen hielt Wyrick seiner Meinung nach den Beweis in der Hand: Die Indianer konnten keine Wilden sein, sondern sie waren ein verlorener Stamm Israels, ausgewandert nach Nordamerika, lange bevor die Bibel niedergeschrieben wurde. Wyrick ahnte noch nicht, dass er einer perfiden Fälschung aufgesessen war.

Der Fund von Newark war politisch brisant: Ließ sich mit diesem Stein vielleicht sogar der Streit um die Schöpfung schlichten, ohne Blut vergießen zu müssen?

Eilig trug Wyrick den kostbaren Stein zu seinem Freund Israel Dille, früherer Bürgermeister von Newark und selbst Historiker und Kenner der Erdwälle. Dille lag die Angelegenheit sehr am Herzen, denn sein Sohn redete von nichts anderem mehr als von dem drohenden Bürgerkrieg und der Pflicht, für die Abschaffung der Sklaverei zu kämpfen.

Allerdings konnten weder Wyrick noch Dille die Botschaft auf dem Stein entziffern. Also klopften sie an die Tür des wohl einzigen Menschen in Newark, der des Hebräischen mächtig war: Reverend John McCarty. Dessen dunkle Augen leuchteten auf, als er das glatte Objekt sah. Schnell hatte er die Übersetzung parat: "Die Gesetze Jehovas, das Wort des Herrn, das Allerheiligste und König der Welt" stand da geschrieben. Bingo! Ein Lebenszeichen des verlorenen Stammes, fehlendes Glied zwischen Morgenland und nordamerikanischer Prärie. Die Welt war, wie sie sein sollte.

Wyrick zweifelte - war er einer Fälschung aufgesessen?

Doch der Triumph der Herren währte nur kurz. Schnell fiel den ersten Kritikern auf, dass die Schriftzeichen modernes Hebräisch waren. Und überhaupt hätte der Stein viel zu dicht unter der Oberfläche gelegen, um von den Erbauern der Erdwälle dort plaziert worden zu sein. Wyrick war verzweifelt. War er einer dreisten Fälschung aufgesessen?

Das Jahr nahm seinen Lauf, die Gerüchte um den Krieg verdichteten sich, und Wyrick ging zurück an seine Arbeit. Die Herbstregen kamen. Dann, am 1. November, stieß er auf dem Grunde eines Gräberhügels erneut auf etwas Hartes. Diesmal war es ein schwarzer, sarkophagförmiger Stein, wieder mit Zeichen übersät. Wyrick brachte den Stein zu McCarty, und der frohlockte: Ja, diesmal sei es in der Tat altes Hebräisch. Die zehn Gebote. Nun mussten die Zweifler verstummen. Es war wie die Antwort auf ein Gebet. Den Bürgerkrieg allerdings konnten die "Heiligen Steine von Newark", wie sie bald genannt wurden, nicht mehr aufhalten. Dilles Sohn zog gegen die Sklavenhalter und kam nicht zurück. Auch Wyrick starb, noch bevor der Krieg vorbei war, verunsichert bis zu seinem Tod, ob die Steine eine Fälschung waren.

So ganz wurde die Geschichte nie aufgeklärt. Brad Lepper, heute Archäologe für die Ohio Historical Society, arbeitete als Student am Johnson-Humrickhouse Museum in Coshocton, wo die Steine ausgestellt sind. Immer wieder fragten ihn Besucher, ob die Steine echt seien. "Ich antwortete dann, das seien Fälschungen", erzählt Lepper SPIEGEL ONLINE, "aber die Begründung, warum sie falsch sind, und wer sie gemacht hat, musste ich den Leuten schuldig bleiben." Also begann Lepper aus "purem Selbstschutz", sich die Geschichte einmal näher anzusehen. Später half ihm dabei Jeff Gill, Hobbyhistoriker und Prediger in Newark. Gemeinsam rekonstruierten sie nun in mühevoller Kleinarbeit, was im Jahr 1860 geschehen war.

"Die Leute wären nie auf die Idee gekommen, einen Reverend der Antikenfälschung zu bezichtigen"

David Wyrick halten beide Forscher für unschuldig. Er war ein guter Mann, der nur zu fest an die falsche Sache glaubte. Wer aber hatte noch ein Interesse daran, die Erdwälle von Newark als israelitisch zu identifizieren? Und wer kannte die Anlage gut genug, um zu wissen, wo Wyrick als nächstes seinen Spaten in die Erde stecken würde? Schnell rückte Israel Dille ins Blickfeld. Er war nicht nur ein Freund Wyricks, er kannte die Erdwälle auch mindestens ebenso gut wie dieser. Und er hatte ein ganz persönliches Motiv: Er war ein Vater, der seinen Sohn über alles liebte.

Doch es gibt noch einen weiteren Hauptverdächtigen. Dille hätte die Steine nie alleine schnitzen können. Denn er konnte kein Hebräisch. Das konnte als einziger Mensch in Newark nur Reverend McCarty. Warum war der Geistliche dann nie auf der Liste der Verdächtigen aufgetaucht? "Die Leute wären nie auf die Idee gekommen, einen Reverend der Antikenfälschung zu bezichtigen", erklärt Lepper. Was hat den Priester dazu getrieben, mit Dille gemeinsame Sache zu machen?

Auch die Inschrift des zweiten Steins war vermurkst

Mit den Heiligen Steinen wollte McCarty vor allem eins: seine Karriere beschleunigen. Er veröffentlichte die Inschriften nicht etwa in der Lokalzeitung, sondern im "Cincinnati Commercial", jener Zeitung, die sein Bischof allmorgendlich auf dem Frühstückstisch liegen hatte. Bishop Chares McIlvaine war ein glühender Gegner der Sklaverei. Er hatte sich in der Vergangenheit zuversichtlich geäußert, dass eines Tages der archäologische Beweis gefunden würde, dass Adam und Eva auch schwarze und rote Kinder hatten. McCarty, sein ambitionierter Schüler, lieferte ihm mit den Steinen diesen Beweis. Das provinzielle Newark war McCarty zu klein geworden. Er wollte eine größere Gemeinde. Und der Weg dahin führte über das Wohlwollen McIlvaines.

Dabei unterlief ihm allerdings nicht nur der Fehler mit dem modernen Hebräisch, auch die Inschrift des zweiten Steins war vermurkst: An einer Stelle steht fälschlicherweise ein Kaph, der elfte Buchstabe des hebräischen Alphabets, an Stelle eines Daleth, dem vierten Buchstaben. Nun kann im modernen Hebräischen ein Kaph einem Daleth ähneln, wenn es am Ende eines Wortes steht, nicht aber in jener alten Form, die McCarty für die zehn Gebote wählte. Der Fehler passierte bei der Übertragung aus dem modernen Alphabet.

Im Museum von Coshocton gehören die Heiligen Steine trotzdem auch heute noch zu den beliebtesten Ausstellungsstücken. "Sie sind nicht einfach nur irgendwelche Fälschungen", begründet Lepper die Ausstrahlung der Steine. "Sie wurden geschaffen, um eine wissenschaftliche Theorie zu beweisen und damit möglicherweise sogar einen Krieg zu verhindern. Die Leute, die sie schufen, haben es sehr, sehr ernst gemeint."

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