Historische Fälschung Die mysteriösen Steine von Newark

Es schien ein Jahrhundertcoup zu sein, als 1860 der Forscher David Wyrick hebräische Tafeln aus einem Acker in Ohio grub. Der Fund schien zu beweisen, dass alle Völker auf den Stamm Israel zurückgehen. Sogar der Bürgerkrieg schien abwendbar. Doch die Steine waren dreist gefälscht - in bester Absicht.

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Amerika im Jahre 1860. Am Vorabend des amerikanischen Bürgerkrieges ist das Land entzweit über die Frage, ob Schwarze und Indianer die gleichen Rechte wie Weiße haben sollen. Waren Adam und Eva, Gottes letzter Schöpfungsakt, rein und weiß, während die schwarzen Afrikaner und roten Indianer sich schon zuvor gemeinsam mit den Tieren auf Erden getummelt hatten? Oder waren alle Völker dieser Erde Nachfahren der ersten beiden Menschen, getrennt vom Hauptstamm und abgewandert in entlegene Winkel der Erde? Daran hing die alles entscheidende Frage: Durfte man andersfarbige Völker wie Tiere halten? Oder frevelte man damit gegen die Schöpfung des Herrn?

Am 29. Juni 1860 stieß David Wyrick mit seinem Spaten auf ein mysteriöses Objekt. Der Forscher hatte in den Erdwällen von Newark im US-Bundesstaat Ohio gegraben - einer Anlage, die die Indianer errichtet hatten. Er fand einen polierten Sandstein, geformt wie eine Speerspitze, mit einem Knauf daran und bedeckt mit hebräischen Zeichen. Wyrick glaubte fest daran, dass alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, nach Gottes Abbild geschaffen waren. Mit den Steinen hielt Wyrick seiner Meinung nach den Beweis in der Hand: Die Indianer konnten keine Wilden sein, sondern sie waren ein verlorener Stamm Israels, ausgewandert nach Nordamerika, lange bevor die Bibel niedergeschrieben wurde. Wyrick ahnte noch nicht, dass er einer perfiden Fälschung aufgesessen war.

Der Fund von Newark war politisch brisant: Ließ sich mit diesem Stein vielleicht sogar der Streit um die Schöpfung schlichten, ohne Blut vergießen zu müssen?

Eilig trug Wyrick den kostbaren Stein zu seinem Freund Israel Dille, früherer Bürgermeister von Newark und selbst Historiker und Kenner der Erdwälle. Dille lag die Angelegenheit sehr am Herzen, denn sein Sohn redete von nichts anderem mehr als von dem drohenden Bürgerkrieg und der Pflicht, für die Abschaffung der Sklaverei zu kämpfen.

Allerdings konnten weder Wyrick noch Dille die Botschaft auf dem Stein entziffern. Also klopften sie an die Tür des wohl einzigen Menschen in Newark, der des Hebräischen mächtig war: Reverend John McCarty. Dessen dunkle Augen leuchteten auf, als er das glatte Objekt sah. Schnell hatte er die Übersetzung parat: "Die Gesetze Jehovas, das Wort des Herrn, das Allerheiligste und König der Welt" stand da geschrieben. Bingo! Ein Lebenszeichen des verlorenen Stammes, fehlendes Glied zwischen Morgenland und nordamerikanischer Prärie. Die Welt war, wie sie sein sollte.

Wyrick zweifelte - war er einer Fälschung aufgesessen?

Doch der Triumph der Herren währte nur kurz. Schnell fiel den ersten Kritikern auf, dass die Schriftzeichen modernes Hebräisch waren. Und überhaupt hätte der Stein viel zu dicht unter der Oberfläche gelegen, um von den Erbauern der Erdwälle dort plaziert worden zu sein. Wyrick war verzweifelt. War er einer dreisten Fälschung aufgesessen?

Das Jahr nahm seinen Lauf, die Gerüchte um den Krieg verdichteten sich, und Wyrick ging zurück an seine Arbeit. Die Herbstregen kamen. Dann, am 1. November, stieß er auf dem Grunde eines Gräberhügels erneut auf etwas Hartes. Diesmal war es ein schwarzer, sarkophagförmiger Stein, wieder mit Zeichen übersät. Wyrick brachte den Stein zu McCarty, und der frohlockte: Ja, diesmal sei es in der Tat altes Hebräisch. Die zehn Gebote. Nun mussten die Zweifler verstummen. Es war wie die Antwort auf ein Gebet. Den Bürgerkrieg allerdings konnten die "Heiligen Steine von Newark", wie sie bald genannt wurden, nicht mehr aufhalten. Dilles Sohn zog gegen die Sklavenhalter und kam nicht zurück. Auch Wyrick starb, noch bevor der Krieg vorbei war, verunsichert bis zu seinem Tod, ob die Steine eine Fälschung waren.

So ganz wurde die Geschichte nie aufgeklärt. Brad Lepper, heute Archäologe für die Ohio Historical Society, arbeitete als Student am Johnson-Humrickhouse Museum in Coshocton, wo die Steine ausgestellt sind. Immer wieder fragten ihn Besucher, ob die Steine echt seien. "Ich antwortete dann, das seien Fälschungen", erzählt Lepper SPIEGEL ONLINE, "aber die Begründung, warum sie falsch sind, und wer sie gemacht hat, musste ich den Leuten schuldig bleiben." Also begann Lepper aus "purem Selbstschutz", sich die Geschichte einmal näher anzusehen. Später half ihm dabei Jeff Gill, Hobbyhistoriker und Prediger in Newark. Gemeinsam rekonstruierten sie nun in mühevoller Kleinarbeit, was im Jahr 1860 geschehen war.



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