Schaurige Forschung Tote Babys für die Wissenschaft

Gestorben im Armenhaus, genutzt als Anschauungsobjekt: Britische Archäologen erforschen die erschütternden Geschichten von Babys, deren tote Körper der Anatomie dienten - oft ohne Einwilligung der Mütter. Von Angelika Franz


Kinderschädel von vorne
University of Cambridge

Kinderschädel von vorne

Es war der Albtraum jeder Mutter, den Flora McLean im Jahr 1877 durchleben musste. Im schottischen Glasgow brachte sie im Geburtshaus ihr Kind zur Welt, war nach der Geburt aber zu schwach, um sich selbst um ihr Baby kümmern zu können. Die Krankenschwestern vernachlässigten den Säugling so sehr, dass er zwei Tage später starb.

Flora McLean quälte sich aus dem Bett, um ihr totes Kind noch einmal zu sehen. Doch was sie auf dem Tisch in einem anderen Raum liegen sah, erkannte sie kaum wieder: Der Körper ihres Babys war verstümmelt, seine Arme und Beide waren abgetrennt und nur notdürftig wieder angenäht worden. Die verzweifelte Mutter verständigte die Polizei. Als die Beamten eintrafen, fehlte nun auch der Kopf des Kindes. Erst Tage später entdeckten die Ermittler ihn - sorgfältig präpariert - im Universitätskrankenhaus.

Der Schädel von Flora McLeans Baby gehört zu einer vergessenen Kategorie von anatomischen Präparaten des 18. und 19. Jahrhunderts: die Körper von Früh- und Neugeborenen. Die Anthropologen Jenna Dittmar und Piers Mitchell von der britischen University of Cambridge haben sich jetzt die in verschiedenen Sammlungen erhaltenen Präparate und die historischen Quellen angesehen. Sie zeigen, dass Föten und Säuglinge im Studium der Anatomie einen größeren Raum einnahmen als bisher angenommen - und dass sie mit sehr großer Sorgfalt behandelt wurden. Doch was steckte hinter dieser schaurigen Praxis? Wie kam die Wissenschaft an die Leichen, was stellte sie mit ihnen an? Und welches Schicksal erlitten die Mütter?

Schädel eines Fötus aus Cambridge
University of Cambridge

Schädel eines Fötus aus Cambridge

Die Kindersterblichkeit lag in Zeiten von Seuchen und mangelnder medizinischer Versorgung wesentlich höher als heute. Verschärft wurde die Situation durch das neue Armengesetz im Jahr 1834: Um Kosten zu sparen, wurde sämtliche Unterstützung für Mütter unehelicher Kinder gestrichen. Die Frauen durften an keiner Armenspeisung mehr teilnehmen und konnten auch keine Ansprüche an den Kindsvater stellen. Damit blieb ihnen oft als Ausweg nur die Prostitution oder das Arbeitshaus, in dem sie unter jämmerlichen Umständen als Gegenleistung für Essen und Schlafplatz schwere körperliche Arbeit verrichten mussten.

Kein Wunder, dass viele Schwangerschaften mit einer Abtreibung endeten - oder, wenn es dazu bereits zu spät war, mit der Kindstötung unmittelbar nach der Geburt.

Zwischen 1757 und 1763 sammelte der Gelehrte Jonas Hanway Daten zur Sterblichkeitsrate bei Kindern in Armen- und Arbeitshäusern. Das Ergebnis ist erschreckend: Fast 100 Prozent der Neugeborenen starben. Direkt nach der Geburt wurden sie der Mutter weggenommen, damit diese weiterhin ihrer Arbeit nachgehen konnte. Sie kamen in die Obhut von alten, kranken oder geistig behinderten Insassen. Bei ihnen vollendeten die Kinder so gut wie nie das erste Lebensjahr.

Neugeborenenschädel um 1800
University of Cambridge

Neugeborenenschädel um 1800

Zudem trat 1832 der sogenannte Anatomy Act in Kraft: Dieses Gesetz sah vor, dass die Gelehrten jeden Leichnam sezieren durften, auf den keine Angehörigen Anspruch erhoben. Dadurch konnten sie in den Kranken- und Geburtshäusern die Toten abholen, die niemand wollte. Damit, dass Flora McLean sehr wohl Anspruch auf ihr verstorbenes Baby erhob, hatte am Geburtsort schlicht niemand gerechnet.

Für ihre Studie untersuchten Dittmar und Mitchell sowohl die auf den Krankenhausfriedhöfen bestatteten Überreste sezierter Personen, als auch die heute noch erhaltenen Präparate anatomischer Sammlungen. Dabei stellten sie fest, dass die Föten und Säuglinge anders behandelt worden waren als ältere Menschen.

Zum einen fanden sie wenig geöffnete Schädel - eine Praxis, die bei der Sektion von Erwachsenen durchaus üblich war, um das Gehirn studieren zu können. Zum anderen wurde bei den kleinen Knochen das weiche Gewebe weitaus vorsichtiger entfernt: Während bei Erwachsenen-Präparaten oft grobe Schnitzspuren der Werkzeuge erkennbar sind, zeigen die Knochen der Kleinsten höchstens feine Kratzer.

Mit Ziffern versehener Schädel (aus dem University of Cambridge Anatomy Museum)
University of Cambridge

Mit Ziffern versehener Schädel (aus dem University of Cambridge Anatomy Museum)

"Die Schädel scheinen vorsätzlich verschont geblieben zu sein, um sie für Lehrzwecke oder Ausstellungen zu erhalten", folgern die Autoren. "Diese jungen Körper waren besonders wichtig, um entwicklungsbedingte Änderungen zeigen zu können. Die meisten Museen besaßen wohl eine ganze Reihe von Präparaten, die den Entwicklungsprozess vom Embryo bis zur Geburt illustrierten."

Auch für die Darstellung des Nervensystems und der Blutbahn eigneten sich die kleineren Körper besser als die großen - weil sie in den Kabinetten weniger Platz beanspruchten. Auf diese Weise dienten die unerwünschten Kinder der Wissenschaft, oft sogar für Jahrhunderte.

Im Huntarian Museum des Londoner Royal College of Surgeons lernen auch heute noch angehende Chirurgen mit Präparaten, die der Gründer John Hunter im späten 18. Jahrhundert anfertigte. Dass trotz bestehender Gesetze nicht jeder tote Körper unter legalen Bedingungen seinen Weg in solche wissenschaftlichen Sammlungen fand, zeigt kaum eine Geschichte besser als die von Flora McLean.

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