Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

HIV-Prävention: New York empfiehlt Beschneidung von Männern

Der oberste Gesundheitshüter von New York will Männer der Stadt mit einer Kampagne von den Vorteilen der Beschneidung überzeugen. Die Maßnahme soll die Ausbreitung von Aids in der Metropole stoppen - ist jedoch durchaus umstritten.

Während andere noch beraten, soll es in New York City möglichst schnell Schnipp-Schnapp heißen. In den USA sei die Stadt am Hudson River immer noch "das Epizentrum der Aids-Epidemie", sagte Thomas Frieden, Health Commissioner, also so etwas wie der Gesundheitsamtsleiter der Metropole. In dieser Funktion plant Frieden eine öffentliche Kampagne, die Männer von den Vorteilen der Beschneidung überzeugen soll.

Bulgarischer Junge bei Beschneidung: Effiziente Maßnahme gegen HIV-Infektionen?
REUTERS

Bulgarischer Junge bei Beschneidung: Effiziente Maßnahme gegen HIV-Infektionen?

Sie sollen ihre Vorhaut gegen einen Sicherheitsvorteil tauschen, der mittlerweile unter Wissenschaftlern als erwiesen gilt: Männer ohne Praeputium sind einem geringerem Risiko durch sexuell übertragbare Krankheiten ausgesetzt - allen voran die Immunschwächekrankheit Aids.

Besonders den Vertretern von Communities - bestimmter Gruppen und Gemeinschaften - will Gesundheitsexperte Frieden das Sicherheitsplus durch die sogenannte Zirkumzision schmackhaft machen. "In einigen Bevölkerungsgruppen gibt es hier Prävalenzraten von 10 bis 20 Prozent, genauso wie in Teilen Afrikas", sagte er der "New York Times". So trage in Manhattan jeder fünfte Schwarze zwischen 40 und 50 Jahren das HI-Virus in sich. Rund zehn Prozent aller Homosexuellen in der Stadt seien infiziert, im Stadtviertel Chelsea gar ein Viertel.

Gratis-Beschneidung für Unversicherte

Dem Betreiber der städtischen Krankenhäuser, der Health and Hospitals Corporation, hat Frieden bereits vorgeschlagen, dass Männer ohne eigene Krankenversicherung eine kostenlose Beschneidung erhalten sollen. Die Sprecherin des Betreibers, Ana Marengo, äußerte sich indes nur vorsichtig: "Sie wissen ja, dass die Forschung zu diesem Thema noch recht frisch ist."

Die Forschung, das sind vor allem zwei Studien aus Uganda und Kenia, die Mediziner Ende Februar in der Fachzeitschrift "Lancet" veröffentlicht hatten. Für Schlagzeilen hatten die Projekte mit fast 7800 Teilnehmern bereits Mitte Dezember gesorgt: Sie mussten abgebrochen werden - und das war für die Mediziner durchaus ein Erfolg.

Eine Untersuchungsgruppe von Probanden war kostenlos beschnitten worden, während eine Kontrollgruppe unbehandelt blieb. Die Männer führten das jeweilige Sexualverhalten fort, dass sie auch vor Beginn der Studie an den Tag gelegt hatten: Bereits bald zeigte sich, dass unter Berücksichtigung unterschiedlicher individueller Risiken, die beschnittenen Teilnehmer nur ungefähr halb so oft eine HIV-Infektion erlitten wie die unbeschnittenen. Obwohl das Ende erst für Mitte 2007 geplant war, brachen die Mediziner angesichts dieser Zwischenergebnisse vorzeitig ab - weil eine Fortsetzung ethisch nicht vertretbar gewesen wäre.

Aufmunternde Ergebnisse aus Afrika

"Beschneidung beim Mann kann sowohl das Infektionsrisiko des Einzelnen vermindern, als auch hoffentlich die Verbreitung von HIV in der Gesellschaft verlangsamen", sagte damals Anthony Fauci, Aids-Experte des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, einer Abteilung des US-amerikanischen National Institute of Health. Kevin de Cock, Direktor des Aids-Programms der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hingegen kommentierte verhalten: Die Zirkumzision sei "kein Wundermittel, aber eine wichtige Möglichkeit" für den Schutz.

Zwar hatte bereits eine ältere Arbeit französischer Ärzte in Südafrika auf ein um 60 Prozent geringeres Infektionsrisiko für Beschnittene hingewiesen, doch sehen Aids-Experten die Maßnahme mit gemischten Gefühlen: Es dürfe nicht dazu verleiten, etwa beim Gebrauch von Kondomen zu schludern.

Außerdem waren in Uganda und Kenia Männer als Probanden ausgewählt worden, die heterosexuellen Geschlechtsverkehr ausübten. In New York aber sind es vor allem homosexuelle Männer, die der health commissioner als Hauptproblemgruppe betrachtet. Frieden sagte der "New York Times": Das Risiko für eine Infektion sei für den Penetrierenden vergleichbar. Sein Partner sei aber einem statistisch fünf Mal höheren Risiko ausgesetzt als die Probanden in den afrikanischen Versuchen. Der New Yorker Aids-Aktivist Peter Staley bezeichnete Friedens Pläne der Zeitung gegenüber zwar als "faszinierend" - bezweifelte aber, ob sich aus den afrikanischen Studien allzu große Parallelen ziehen lassen.

Bloß 1000 Zirkumzisionen könnten schon helfen

In den USA werden rund 65 Prozent aller männlichen Babys nach der Geburt beschnitten. Nach WHO-Angaben sind es im weltweiten Durchschnitt rund 30 Prozent, in Deutschland sollen es nur halb so viele sein. Die Beschneidung beim Mann gehört beispielsweise in muslimischen Gesellschaften zur Tradition und ist - sofern steril vorgenommen - ungefährlich. Mit der Verstümmelung weiblicher Sexualorgane, die beschönigend mit demselben Begriff bezeichnet wird, hat die Zirkumzision nichts gemein.

Nach der "Lancet"-Veröffentlichung hatte die WHO Ende März ihren Mitgliedsstaaten empfohlen, Beschneidung als Element in die nationalen Anti-Aids-Strategien aufzunehmen. Keines hat dies indes bisher getan. "Ich hoffe, dass unsere Empfehlung einige dazu motivieren wird", sagte WHO-Aids-Direktor de Cock.

New York City könnte zum Vorreiter werden. Die Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta beginnen gerade erst damit, Beratungen, Untersuchungen und Formulierungsvorschläge für die gesamten USA zu entwerfen - das kann noch dauern. Gesundheitspolitiker Frieden plädiert für schnelles Handeln: Sogar bloß 1000 Beschneidungen in der richtigen Bevölkerungsgruppe könnten die Verbreitung von Aids schon verlangsamen.

stx

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: