Knochenfund in Indonesien "Hobbit" war eigene Menschenart

Er war etwa einen Meter groß, sein Gehirn hatte die Größe einer Orange: Der Fund einer als "Hobbit" bezeichneten Menschenart in Indonesien hat lange für Forscherstreit gesorgt. Nun gibt es Klarheit.

AP/ National Geographic Society

Vermutlich schon vor 700.000 Jahren haben Vorfahren der oft "Hobbit" genannten Menschenart Homo floresiensis auf der indonesischen Insel Flores gelebt. Das schließt ein Forscherteam um den Anthropologen Yousuke Kaifu vom Nationalmuseum der Naturwissenschaften in Tokio aus einer Analyse von Zähnen und Knochen, die 2014 gefunden wurden.

"Diese neue Studie belegt eindeutig, dass es sich beim "Hobbit" nicht um einen modernen Menschen mit einer Fehlbildung handeln kann, weil es den Homo sapiens vor 700.000 Jahren noch gar nicht gab", sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der an der Studie nicht beteiligt war.

Homo floresiensis war nur etwa einen Meter groß und hatte ein Gehirn von der Größe einer Orange. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich um einen kleinwüchsigen Nachfahren des asiatischen Homo erectus handelt, der schon vor etwa einer Million Jahren in Indonesien lebte.

Um das herauszufinden, hatten die Forscher die Funde von 2014 mit den Daten anderer ausgestorbener Menschenarten sowie mit denen des modernen Menschen Homo sapiens verglichen. Die Ergebnisse der Teams um Kaifu sowie Adam Brumm von der Griffith University in Nathan (Australien) wurden jetzt im Fachblatt "Nature" veröffentlicht.

Verblüffend schnell zum Zwerg geschrumpft

Der Fundort aus dem Jahr 2014 liegt in Mata Menge, etwa 70 Kilometer von der "Hobbit-Höhle" in Liang Bua entfernt, wo 2003 erste Überreste entdeckt wurden. In der Region wurde auch Steinwerkzeug gefunden, das etwa eine Million Jahre alt sein soll. Neben Fossilien ausgestorbener Tierarten stießen die Wissenschaftler 2014 in Mata Menge außerdem auf ein Unterkieferfragment und sechs Zähne, die sie mindestens einem Mann und zwei Kindern zuordnen.

Die neuen Erkenntnisse beenden eine jahrelange Diskussion. Seit 2003 die etwa 60.000 bis 100.000 Jahre alten versteinerten Skelettteile des "Hobbits" in der Höhle von Liang Bua gefunden wurden, streiten Experten darüber, ob es sich um einen krankhaft veränderten Homo sapiens oder eine eigene Menschenart handelt.

Die Ergebnisse belegten nun nicht nur, dass der Hobbit schon sehr lange auf der Insel lebte, sondern auch, dass er sich verblüffend schnell vom bis zu 1,80 Meter großen Homo erectus zum Zwerg entwickelt hat, erklärt Max-Planck-Forscher Hublin. "Erstaunlich ist, dass sich diese Entwicklung offenbar in einem sehr kurzen Zeitraum abgespielt hat." Der Grund für die sehr schnelle Schrumpfung liege vermutlich in der isolierten Lebensweise auf der Insel. Wie der Homo erectus dorthin gelangte, ist bislang ungeklärt.

Erst mit weiteren Funden könne geklärt werden, ob der Zwergenmensch in den etwa 600.000 Jahren zwischen den nun entdeckten Ahnen und ihren zuvor gefundenen Verwandten in seiner Gestalt weitestgehend unverändert blieb, so Hublin. Einen ersten Hinweis zumindest gibt es: Die etwa 700.000 Jahre alten untersuchten Zähne und der Kiefer aus Mata Menge gleichen denen des Homo floresiensis aus Liang Bua.

DOI: 10.1038/nature17999, 10.1038/nature17663

chs/dpa

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