Hobby-Archäologe: "Horst Klötzer ist einmalig"

Von Angelika Franz

Horst Klötzer: Spaziergänger mit Röntgenblick Fotos
Reinhold Münch

Horst Klötzer ist pensioniert, war früher Dreher - und hat schon so ziemlich alles gefunden, wovon Archäologen träumen: Steinartefakte aus der Altsteinzeit, Hügelgräber, eine Burgruine. Experten sind begeistert von dem Hobby-Forscher mit dem einzigartigen Riecher.

Viele Archäologen verbringen ihr gesamtes Leben am Schreibtisch und machen nie selbst einen bedeutenden Fund. Horst Klötzer ist pensioniert, war früher Dreher - und hat in seinem Leben schon so ziemlich alles gefunden, wovon Archäologen träumen: Steinartefakte aus der Altsteinzeit, Werkzeuge aus der Mittleren Steinzeit, Perlen aus Bernstein, mehrere Hügelgräber, eine keltische Münze, eine ganze Burgruine und sechs Bomberwracks aus dem Zweiten Weltkrieg.

"Horst Klötzer ist einmalig", sagt Ralf Blank, Leiter des Fachdienstes Wissenschaft, Museen und Archive der Stadt Hagen. Das Archäologiemuseum seiner Stadt verdanke Klötzer rund 15 Prozent aller Ausstellungsstücke. Blanks Stimme klingt ehrfürchtig: "Horst stellt sich auf ein Feld, schaut irgendwo hin und sagt dann: Da ist was! Und schon gibt es eine neue Fundstelle. Ich habe es selber mehr als einmal erlebt - unglaublich!"

Seit über 30 Jahren geht Klötzer ehrenamtlich spazieren - fast jeden Tag. Manchmal ruft ihn auch Michael Baales, Chef-Archäologe für Westfalen, an und bittet ihn, auf eine Großbaustelle zu fahren. Dort untersucht Klötzer die Erde auf den Baggerschaufeln nach archäologischen Funden. Oder er verfolgt Hinweise von Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg, nach abgestürzten Flugzeugen oder Bunkern rund um die Großstadt Hagen.

Meistens findet er was, vieles davon spektakulär. "Vor zwei Monaten zum Beispiel war ich auf einer Baustelle", erzählt er. "Hab' mein Auto geparkt und bin ausgestiegen. Da seh' ich doch gleich in etwa einem Kilometer Entfernung so einen Hügel im Maisfeld und denke schon von weitem: Das ist doch ein Grab!" Und tatsächlich: Klötzer hat ein riesiges Hügelgrab entdeckt, 15 Meter im Durchmesser - das vorher noch niemandem aufgefallen war.

Mit Metalldetektoren über die Felder

"Wir brauchen Menschen wie Horst Klötzer", sagt Blank. "Ihre Funde sind es, die unsere Forschung überhaupt erst möglich machen. Ich schätze, etwa 70 Prozent aller Funde werden von Ehrenamtlichen gemacht." Doch die ehrenamtlichen Archäologen sterben aus. Kaum jemand betreibt heute noch regelmäßige Feldbegehungen. Oder weiß, wonach er überhaupt Ausschau halten sollte.

"Als ich angefangen habe damit, da waren wir noch viele", sagt Klötzer. "Aber jetzt habe ich schon seit mindestens zehn Jahren niemanden mehr auf den Feldern getroffen. Außer den Schatzsuchern." Die gibt es nach wie vor. Bewaffnet mit Detektoren machen sie sich auf die Jagd nach Metall - Uniformteilen, Waffen, Münzen, bevorzugt aus dem Zweiten Weltkrieg. Wenn sie die Funde undokumentiert aus dem Boden holen, vernichten sie jedoch den Aussagewert der Gegenstände. "Die verschwinden dann in Online-Auktionen oder im Kellerregal - und sind damit komplett verloren", klagt Blank.

Klötzer setzt trotzdem Hoffnung in die Sondengänger. "Ich versuche immer, die zu erwischen und mit ihnen zu reden", sagt er. "Schließlich wissen sie ganz viel über die Gegend und die Fundstellen - haben aber wahrscheinlich Angst vor Strafen und erzählen deswegen nichts."

Dabei ist das Auffinden von archäologischem Gut alles andere als strafbar. In Nordrhein-Westfalen gilt: Funde gehören zur einen Hälfte dem Eigentümer des Bodens, auf dem sie gemacht werden, und zur anderen Hälfte dem Finder. Nach einer Aufnahme des Fundes durch Archäologen und einer wissenschaftlichen Untersuchung bekommen Finder und Grundbesitzer alles zurück - und können damit tun und lassen, was sie möchten.

Lieblingsfund ist eine Hacke

"Mit den Bauern, über deren Felder ich gehe, rede ich natürlich vorher", sagt er. "Aber die meisten interessieren sich gar nicht für das, was im Boden liegt. Schon gar nicht, wenn es aus der Steinzeit kommt." Klötzer stellt seine Funde den Museen der Region als Dauerleihgabe zur Verfügung. Im Archäologischen Museum von Herne liegt viel von ihm, ebenso im Museum für Ur- und Frühgeschichte im Hagener Wasserschloss Werdringen.

Wie wird man so wie Horst Klötzer? Durch Erfahrung. Aber auch Klötzer hat mal klein angefangen, hat von Älteren und Erfahreneren gelernt. "Wenn sich jemand bei uns für die Archäologie der Region interessiert, dann schulen wir ihn gerne", erklärt Blank. "Er darf mit auf Begehungen und Ausgrabungen und bekommt so ein Auge und ein Gespür für die Funde."

Horst Klötzers Lieblingsfund ist eine etwa 15 Zentimeter lange eiserne Hacke - hergestellt etwa 400 vor Christus. "Sie ist noch so gefertigt wie die Bronzebeile aus der Zeit vorher: von hinten geschäftet." An dieser Hacke experimentierten die Handwerker der frühen Eisenzeit noch mit dem Material Eisen, das damals ganz neu war und kurz darauf durch härtere Werkzeuge und härtere Waffen die Welt verändern sollte.

Am meisten aber interessieren sich die Leute freilich für die jüngere Archäologie: "Als am Stadtmuseum Hagen mal ein Vortrag über den Bombenkrieg gehalten wurde, war der Ansturm riesig." Klötzer lauschte jedoch weniger dem Redner als den Gesprächen der Besucher. Vor allem Frauen waren es, die sich über ihre Bunkererlebnisse austauschten. "Was der Vortragende erzählte, kannte ich ja schon. Aber aus den Gesprächen der Leute wurde mir klar: Ganz vieles wissen wir noch nicht." Auf einen anschließenden Aufruf in der Lokalpresse meldeten sich 28 Zeitzeugen - und Klötzer begann mit seinem neuen Projekt. 140 Bunker hat er in Hagen bis heute gefunden.

Wenn Horst Klötzer mal nicht draußen ist, dann sitzt er vor seinem Computer und durchstreift die Gegend auf Google Earth. "Das ist großartig", sagt er. "Ich hab' schon ganze Gräberfelder auf Google Earth entdeckt." Meist nutzt er die Satellitenbilder, um schon mal vorab nach Auffälligkeiten im Gelände zu schauen, bevor er zu Fuß ein Gebiet durchstreift - auch von weit oben ist sein archäologischer Blick kaum zu schlagen.

Im Stadtarchiv Hagen hat er die zahlreichen Luftaufnahmen aus dem Weltkrieg und danach durchforstet - und wurde auch da fündig für sein Bunkerprojekt. Auf die Spaziergänge im Gelände kann er trotzdem nicht verzichten. Gerade ist der letzte März-Schnee geschmolzen. "Jetzt muss ich wieder raus", drängt er.

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insgesamt 39 Beiträge
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1.
a-mole 26.03.2013
cool... mehr fällt mir dazu nicht ein
2. Sondengänger-Bashing
chabbs 26.03.2013
Hallo, erst einmal: schön, dass auch die ehrenamtliche Tätigkeit mal wieder in einem großen Medium kommuniziert wird. Vor allem verdient Klötzer großes Lob. Allerdings finde ich die immer noch einseitige Darstellung von Sondengängern wirklich mangelhaft. Gerade in Westfalen gibt es mittlerweile tolle Vereinigungen von lokalen Sondengängern, die mit Genehmigungen ausgestattet sind, ihre Funde ordentlich melden und auch durch die Archäologie mittlerweile regelmäßig auf Ausgrabungen eingesetzt werden. Ich möchte hier kurz auf eine besonders erfolgreiche Zusammenarbeit hinweisen: http://www.unser-denkmal.de/projekte/win-win-situation-fuer-ehrenamtliche-und-wissenschaftler/ Viele Grüße und Gut Fund!
3.
Tiananmen 26.03.2013
Ich weiß nicht, wie das in Hagen und Umgebung gehandhabt wird, aber bei uns in Baden-Württemberg wird nahezu flächendeckend mit LIDAR Geländescans gearbeitet. Da sind selbst solche Strukturen wie Ackerstreifen gut erkennbar, auch in bewaldeten Gebieten. Die Auflösung ist so gut, dass Archäologen, die das Gelände gut kennen, ab und zu überrascht sind, was ihrer Aufmerksamkeit entgangen ist. Aber auch in Baden-Württemberg sind die Beiträge von ehrenamtlichen Mitarbeitern für das Landesamt für Denkmalpflege unersetzlich. So hat ein Autofahrer beim Vorbeifahren Baubefunde an einer Baustelle bei der Zwiefaltener Friedhofskapelle entdeckt, die zur Neubewertung der Kapelle und des Friedhofareals geführt haben.
4. Der typische
rolandlehnart 26.03.2013
HEIMATHIRSCH. Der Alptraum wenn du mit so jemandem auf ner Ausgrabung zusammenarbeiten musst. Ach ja, n Hügelgrab auf einem Acker zu erkennen ist natürlich eine echte Meisterleistung...
5. Meisterleistung
wind_stopper 26.03.2013
Zitat von rolandlehnartHEIMATHIRSCH. Der Alptraum wenn du mit so jemandem auf ner Ausgrabung zusammenarbeiten musst. Ach ja, n Hügelgrab auf einem Acker zu erkennen ist natürlich eine echte Meisterleistung...
... anscheinend schon, wenn es bis dato unentdeckt geblieben ist. Da fühlt sich wohl jemand in seinem Spezialisten-Stolz gekränkt, hmm?
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
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Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.