Höhlenkunst Forscher finden älteste Ölgemälde der Welt - in Afghanistan

Ausgerechnet an den Resten der gesprengten Buddha-Statuen von Bamiyan ist Forschern eine sensationelle Entdeckung gelungen: In Höhlen fanden sie Spuren von Ölgemälden aus dem 7. Jahrhundert - 800 Jahre vor der vermeintlichen Erfindung der Maltechnik in Europa.


Sieben Jahre sind vergangen, seit die Taliban in Afghanistan die berühmten Buddhas von Bamiyan sprengten. Die Weltöffentlichkeit reagierte entsetzt auf den barbarischen Akt. Nicht nur die beiden Kolossalstatuen wurden damals zerstört, sondern auch wertvolle Gemälde aus dem 5. bis 9. Jahrhundert, die sich in den Höhlen hinter den Standbildern befanden.

Jetzt aber haben Wissenschaftler den Resten der Gemälde dennoch eine spektakuläre Erkenntnis entlockt: Mit Röntgengeräten haben sie herausgefunden, dass die Bilder mit Öl gemalt wurden - Jahrhunderte vor der vermeintlichen Erfindung dieser Technik in Europa.

Wie das internationale Team aus Japan, Frankreich und den USA im "Journal of Analytical Atomic Spectrometry" schreibt, datiert die europäische Literatur die Anfänge der Ölmalerei auf das 15. Jahrhundert. Doch bei Experimenten in der Europäischen Synchrotron-Strahlungsanlage in Grenoble haben die Forscher Trockenöl in Proben aus den Bamiyan-Höhlen entdeckt. Die Wandmalereien, die Buddhas in roten Roben zwischen Palmen und mythischen Wesen zeigen, stammen demnach aus der Mitte des 7. Jahrhunderts.

"Älteste Beispiel für Ölmalerei"

12 der insgesamt 50 Höhlen seien mit der Öltechnik bemalt worden. Das Öl wurde möglicherweise aus Walnuss- oder Mohnsamen gewonnen, so die Forscher. "Dies ist das älteste eindeutige Beispiel für Ölmalerei auf der Welt", sagte Yoko Taniguchi, der Leiter des Forscherteams. Zwar seien Trockenöle auch schon im Rom und Ägypten der Antike verwendet worden, "allerdings nur als Arzneien und Kosmetika".

Das Team hatte eine Kombination verschiedener Synchrotron-Techniken wie Infrarot-Mikrospektroskopie, Röntgenfluoreszenz und Röntgenabsorptionsspektroskopie benutzt. "Einerseits bestehen diese Bilder aus mehreren Lagen, die sehr dünn sein können", sagte Marine Cotte vom französischen Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS). Der Strahl aus dem Teilchenbeschleuniger sei notwendig gewesen, um jede einzelne Schicht zu durchleuchten. "Andererseits wurden diese Gemälde mit anorganischen Pigmenten angefertigt, die in organischen Bindemitteln gemischt wurden. Wir haben deshalb unterschiedliche Techniken eingesetzt."

Die Wissenschaftler haben auf diese Weise eine breite Palette an Farbstoffen und Bindemitteln nachgewiesen. Manche Schichten der Gemälde basierten auf Öl, andere bestanden aus Naturharzen, Proteinen und verschiedenen Gummisorten. Die Protein-Materialien könnten auf die Verwendung von Eiern oder Warmleim hinweisen, so die Forscher. Unter den zahlreichen Farbstoffen fanden sie auch große Mengen von Bleiweiß, das seit der Antike in der Malerei und in der Kosmetik verwendet wird.

Die Gemälde seien vermutlich das Werk von Künstlern, die auf der Seidenstraße, der alten Handelsroute zwischen China und dem Westen, unterwegs waren. Allerdings gebe es insbesondere aus dem zentralasiatischen Raum wenige wissenschaftliche Untersuchungen. "Aus politischen Gründen wird nur wenig über Gemälde aus Zentralasien geforscht", sagte Taniguchi. Erst die Unesco habe im Rahmen ihres Programms für die Weltkulturerbe-Stätten in Bamiyan das Synchrotron-Projekt ermöglicht.

mbe



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