Homo floresiensis Neue Lösung für das Rätsel um den "Hobbit"

Der 2003 auf der Insel Flores entdeckte Homo floresiensis sorgt weiter für Diskussionen. Eine neue Studie bestreitet, dass der "Hobbit" eng mit uns verwandt war - der Frühmensch sei weit älterer Herkunft.

AP/ National Geographic Society

Von


Der als "Hobbit" berühmt gewordene Mini-Frühmensch Homo floresiensis sorgt einmal wieder für wissenschaftliche Diskussionen: Eine neue Studie bestreitet die bisher weitgehend akzeptierte Theorie seiner Herkunft. Eine australische Forschergruppe hält den kleinen "Mensch von Flores" für den Abkömmling einer Menschenart, die rund 1,5 Millionen Jahre vor dem Homo floresiensis ausgestorben war. Sollte sich das bestätigen, wäre das aus mehreren Gründen eine wissenschaftliche Sensation.

Als Mike Morwood und Thomas Sutikna im September 2003 auf der indonesischen Insel Flores Überreste eines archaischen, aber winzig kleinen Menschen fanden, beflügelte das die Fantasien von Forschern wie Medien. Schnell hatte Homo floresiensis, der "Mensch von Flores", seinen Spitznamen weg: Ein "Hobbit" sei er gewesen - darunter konnte man sich doch etwas vorstellen.

Eine andere Welt: Jede Menge Menschen(arten)

Nur was genau war dieser nur einen Meter messende, 25 Kilogramm leichte Mini-Mensch wirklich? Schnell war klar, dass er noch vor rund 50.000 Jahren auf Flores lebte und somit ein Zeitgenosse von Neandertaler wie moderner Mensch war. Man begann sich damals gerade an diesen Gedanken zu gewöhnen: Dass es einmal eine Zeit gab, zu der mehrere verschiedene Menschenarten zeitgleich mit uns, dem Homo sapiens, auf der Erde lebten.

Familientreffen: Studienleiterin Debbie Argue mit Schädeln von Homo floresiensis (in ihrer Hand) und verschiedener menschlicher Arten
ANU School of Archaeology and Anthropology

Familientreffen: Studienleiterin Debbie Argue mit Schädeln von Homo floresiensis (in ihrer Hand) und verschiedener menschlicher Arten

Gemein hatten wir alle, vom Sapiens über den Neandertaler und Denisova-Menschen bis offenbar zum "Hobbit" nur eines: Wir alle waren wohl direkte Abkömmlinge des Homo erectus. Und selbst der war in manchen Weltgegenden möglicherweise noch unser Zeitgenosse: Der Erectus gilt als erste Menschenart, die einst Afrika verließ und sich auf andere Kontinente verbreitete.

Man hatte sich den Zwergenwuchs des Floresiensis durch die auch von zahlreichen anderen Tierarten her bekannte Inselverzwergung erklärt. Es ist ein bekanntes evolutionsbiologisches Phänomen, bei dem eine Art, die in starker Isolation auf begrenztem Raum lebt, über die Zeit an Größe verliert. Die meisten Forscher folgten dem: Der bisher gültige wissenschaftliche Konsens erklärt den Floresiensis als verzwergten, also "geschrumpften" Homo erectus.

Von wegen Erectus: Floresiensis war von älterer Art

Das aber, behauptet nun eine Forschergruppe um Debbie Argue und Colin Groves von der Australian National University (ANU), könne nicht stimmen: Der sei keineswegs Abkömmling des Erectus, sondern weit älterer Herkunft. Bei der Analyse des Kieferaufbaus waren die Forscher auf nicht zu erklärende Ungereimtheiten gestoßen, die sich mit der bisher akzeptierten Deutung der Funde nicht vertrügen.

Der Kiefer von Floresiensis weise archaische Merkmale auf, die bei Homo erectus gar nicht zu finden seien, wohl aber bei einem von dessen Vorfahren - dem weit älteren Homo habilis.

Fotostrecke

7  Bilder
"Hobbit" auf Flores: Zwergenland

Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern eine Beobachtung mit Folgen:

  • Zum einen würde es bedeuten, dass sich die Entwicklungslinien von modernen Menschen und Homo floresiensis weit früher trennten, als bisher gedacht: vor über 1,75 Millionen Jahren. Wir wären also weniger nah verwandt.
  • Und es würde bedeuten, dass sich nicht nur Homo erectus und später der Sapiens aus Afrika kommend über die Welt verteilten, sondern bereits auch Homo habilis zumindest in einem Fall den Kontinent der menschlichen Herkunft verließ.
  • Es würde zudem bedeuten, dass zumindest eine Entwicklungslinie des Homo habilis rund 1,5 Millionen Jahre länger überlebte als bisher gedacht.

Argue und ihre Kollegen leiten das aus einer Analyse von Schädeln, Kiefern, Zähnen, Armen, Beinen und Schulterknochen ab, die Floresiensis mit Vertretern dreier Spezies verglich: Sapiens, Erectus und Habilis. Die Ergebnisse, sagt Argue, seien eindeutig: Weder seien die "Hobbits" Nachkommen von modernen Menschen mit erblichen Krankheiten oder Degenerationen noch verzwergte Homo erectus. Ihre Merkmale entsprächen vielmehr eindeutig denen des Habilis oder eines sehr nahen Verwandten - und eine Zurückentwicklung hin zu Merkmalen, die im Laufe der Evolution einmal verloren wurden, ist bisher von keiner Art bekannt.

Das würde bedeuten, dass Homo floresiensis der verzwergte Nachkomme einer Menschenentwicklungslinie war, von der man glaubte, dass sie vor 1,5 Millionen Jahren in Afrika ausstarb. Und es hieße, dass die "Out of Africa"-Theorie der Verbreitung des Menschen in zwei, möglicherweise drei Schüben zumindest um ein viertes Kapitel zu erweitern wäre. Wie Homo habilis von Afrika nach Indonesien kam, ist dabei bisher komplett ungeklärt. Die Studie wurde im "Journal of Human Evolution" veröffentlicht.

Im vergangenen Jahr hatte eine Studie belegt, dass Vorfahren des Floresiensis möglicherweise schon vor 700.000 Jahren auf Flores lebten. 2013 hatte das Fachportal PNAS eine Studie veröffentlicht, die infrage stellte, ob bereits Australopithecus-ähnliche Menschenarten Afrika verließen, sich dort zu Erectus weiterentwickelten und weiter verbreiteten - auch zurück nach Afrika.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.