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Homo floresiensis: Der Hobbit hatte das Downsyndrom

Hobbit: Homo floresiensis litt am Down-Syndrom Fotos
PNAS/ DOI number 10.1073/pnas.1407385111

Asymmetrischer Schädel, ungewöhnliche Körperproportionen - obwohl Homo floresiensis anders aussieht als der moderne Mensch, könnte er einer gewesen sein. Einzige Besonderheit: Unser als Hobbit bekannter Verwandter hatte das Downsyndrom, glauben Forscher.

An der Existenz des Flores-Menschen als eigener Art der Gattung Homo gibt es massive Zweifel: Anhand der Anatomie geht eine internationale Forschergruppe um Kenneth Hsü von den National Institutes oft Earth Sciences in Peking davon aus, dass LB1, der am besten erhaltene Fund, ein Homo sapiens mit Downsyndrom war.

2003 hatten Forscher Skelettteile von LB1 in der Höhle Liang Bau auf der indonesischen Insel Flores entdeckt, manche Wissenschaftler sprachen vom wichtigsten Fund zur menschlichen Evolution seit 100 Jahren. Forscher ordneten die außergewöhnlich kleinen Knochen, darunter der Schädel, einer neuen Art der Gattung Homo zu.

Dieser Homo floresiensis, zuweilen wegen seiner Größe später auch in Anlehnung an die Fabelwesen aus den Werken des Schriftstellers John Ronald Reuel Tolkien "Hobbit" genannt, soll vor 100.000 bis noch vor 12.000 Jahren gelebt haben - also zu einer Zeit, da der moderne Homo sapiens bereits fast die gesamte übrige Welt besiedelt hatte. Wegen der Abgeschiedenheit der Insel sei er nicht mit dem Homo sapiens in Kontakt gekommen. Allerdings ist diese Interpretation umstritten, schon früher hatten andere Forscher argumentiert, LB1 sei ein Homo sapiens mit krankhaft veränderten Knochen.

Der Schädel weist auf Trisomie 21

Das Team um Hsü sieht bei LB1 große Ähnlichkeit mit dem Skelett von Menschen mit Downsyndrom, auch als Trisomie 21 bekannt. Die Forscher begründen dies im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" mit einer Reihe von anatomischen Auffälligkeiten. So sei der Schädel nicht nur sehr klein, sondern auch asymmetrisch und sehr rund, wie es oft bei modernen Menschen mit Downsyndrom vorkomme.

Auch gebe es ein großes Missverhältnis zwischen der geschätzten Länge des Oberschenkelknochens und der Fußlänge. Die Vertreter von Homo floresiensis als eigener Art sehen den Fuß als ungewöhnlich groß an, während Hsü und Kollegen umgekehrt den Oberschenkelknochen als außergewöhnlich klein beschreiben. Analysen des Fußes hatten schon 2009 gezeigt, dass es sich bei Homo floresiensis eigentlich um Homo sapiens handeln könnte.

Ein verkleinerter Kopf und verkürzte Gliedmaßen seien Merkmale des Downsyndroms, so Hsü und Kollegen. Den Forschern zufolge liegen die Abweichungen vom normalen Skelett der heutigen Bevölkerung Indonesiens im Rahmen dessen, was man bei diesem Syndrom erwarten kann. Wenn man die Verkürzung des Oberschenkelknochens berücksichtige und andere Knochen als Maßstab heranziehe, komme man bei LB1 auf eine Körpergröße von 1,26 bis 1,46 Meter. In der Erstbeschreibung waren lediglich 1,06 Meter angegeben worden.

Die Autoren bemängeln zudem, dass sie seit Februar 2005 keinen Zugang zu den Knochen von LB1 erhalten hätten. Anfragen an das Indonesische Nationale Archäologische Forschungszentrum seien regelmäßig ignoriert oder zurückgewiesen worden.

anf/dpa

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Spekulationen, Spekulationen...
strixaluco 05.08.2014
Wenn man sich beim Gang durch die nächstbeste Fußgängerzone einmal aufmerksam umsieht, sollte eines auffallen: Menschen sind nun einmal _sehr_ verschieden; auch wenn "Hobbit-Größe" wirklich sehr selten ist, die Variationsbreite ist enorm. - Vom Neandertaler zum Beispiel sind auch schon genetische Spuren in heutigen Menschen nachgewiesen worden, und ich bezweifle, dass die alles sind, was zu finden sein kann, weil sich die entsprechenden Gene nicht gleichmäßig über die Bevölkerung verteilt haben müssen; es könnte auch lokale Häufungen geben, z.B.. So viele Leute hat man noch gar nicht untersucht. - So lange man nicht genetisch das Down-Syndrom bei den "Hobbits" nachgewiesen hat, glaube ich gar nichts; sie lebten in einer Region, in der Menschen auch heute im Durchschnitt kleiner sind als Mitteleuropäer, und es könnte auch eine extrem kleinwüchsige Lokalpopulation gegeben haben, befördert durch die Isolation auf der Insel eben - oder eine eigene Art, aber mit so wenigen Beispielen ist das wohl schwer zu klären. @hebbecker-Stein: An Trisomie 21 _muss_ man nicht leiden, aber ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn das Syndrom kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Ich würde sagen, viele, die ich hier sehe, die es haben, wirken recht lebensfroh.
2. Earth Scenes?
pleromax 05.08.2014
Das sollte doch wohl eher "Earth Sciences" heißen, oder?
3. >=15 Menschen mit Trisomie 21 in der gleichen Höhle?
fade0ff 05.08.2014
Was für ein Unsinn. Lassen wir mal die grandiose Idee außen vor, aufgrund weniger Merkmale eines ohnehin abnormen prähistorischen Skeletts Trisomie 21 zu diagnostizieren, was per se peinlich ist. Aber es sind mindestens 15 Individuen gefunden worden, datiert auf einen Spanne von etwa 20000 Jahren. Sollen die alle das Down-Syndrom gehabt haben? Wie kann man einen derartig windigen Unsinn überhaupt ernstnehmen und dann auch noch als Tatsache (siehe Überschrift) weiterverbreiten?
4. Rituelle Gründe
Rollvieh 05.08.2014
Man kann sicherlich rituelle Gründe finden bzw. konstruieren, weshalb vom Downsyndrom betroffene Personen auf Flores gesammelt in dieser Höhle bestattet wurden. Ohne die heutige Medizin mit ihren chirurgischen Möglichkeiten haben viel weniger Betroffene überlebt oder gar das Erwachsenenalter erreicht, umso besonderer waren sie.
5. Alles nur Spekulation
orwl 05.08.2014
Zitat von sysopPNAS/ DOI number 10.1073/pnas.1407385111Asymmetrischer Schädel, ungewöhnliche Körperproportion - obwohl Homo floresiensis anders aussieht als der moderne Mensch, könnte er einer gewesen sein. Einzige Besonderheit: Unser als Hobbit bekannter Verwandter litt am Down-Syndrom, glauben Forscher. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/homo-floresiensis-war-moderner-mensch-mit-down-syndrom-a-984425.html
Was da gemacht wird ist so oder so nur Spekulation. Vielleicht war es ja auch ein Grab für Solche mit Tr.21 oder sie wurden alle dort in die Höhle gesteckt, weil sie nicht zu den "normalen" passten. Wer weiß? Vielleicht waren es ja einfach nur Affen? Wer ist da gewesen, wer hats gesehen? Das ist Spekulation, keine Wissenschaft.
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Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Denisova-Mensch (50.000 Jahre)
In der Denisova-Höhle in Russland wurden Anfang des Jahrtausends ein Fingerknochen, ein Zahn und ein Zehenknochen gefunden, die offenbar zu keiner bislang bekannten Art gehören. Diese lebte zu Zeiten des Homo neanderthalensis und des Homo sapiens. Noch wurde der Art kein eigener Name verliehen.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo naledi (Alter unbekannt)
In der Rising-Star-Höhle in Südafrika entdeckten Forscher über 1500 Fossilien, die sie 15 Individuen zuordneten. Sie gehören zu einer bislang unbekannten Art, dem Homo naledi. Dessen Alter ist noch unbekannt und damit auch seine Einordnung in den Stammbaum der Menschheit. Die Fundstelle bei Johannesburg könnte die älteste Grabstätte der Geschichte sein.

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