Frühmensch Homo naledi Kein Vorfahr, sondern Nachbar

Der vermeintliche Vormensch Homo naledi entpuppt sich als früher Zeitgenosse des modernen Menschen. Die Entdeckung ist sensationell und stellt wissenschaftliche Gewissheiten in Frage.

Gestatten, Neo: das Skelett aus der Lesedi-Kammer gilt als vollständigster Fund eines archaischen Menschen.
John Hawks/ Wits University

Gestatten, Neo: das Skelett aus der Lesedi-Kammer gilt als vollständigster Fund eines archaischen Menschen.

Von


Als Forscher im Jahr 2015 nach zwei Jahren Geheimhaltung erste Erkenntnisse über die neu entdeckte Menschenart Homo naledi veröffentlichten, war das eine wissenschaftliche Sensation. "Als das Tier zum Menschen wurde" schrieb der SPIEGEL und widmete der Entdeckung eine Titelgeschichte: "Der klügste Affe" schien dieser Naledi zu sein, noch nicht ganz Mensch, aber auch kein Affe mehr - ein Zwischending?

Eine Vermutung, die sich geradezu aufdrängte: Naledi zeigte Merkmale sehr früher Menschen-Vorfahren, ähnelte Homo rudolfensis und habilis, zeigte aber auch schon Sapiens-ähnliche Merkmale. Die Altersbestimmung erwies sich als schwierig, aber das Gros der Forscher ging davon aus, dass Naledi ein "missing link" von erheblichem Alter gewesen sein dürfte.

Überraschende neue Datierung

Paul Dirks war einer der Entdecker der Knochen in einer Höhle in Südafrika: "Als wir die Fossilien damals fanden, gingen die meisten Paläo-Anthropologen vor Ort davon aus, dass sie ein bis zwei Millionen Jahre alt sein müssten."

Falsch gedacht, sagen Naledis Entdecker nun: Er war wohl eher ein früher Nachbar. Dirks: "Das bedeutet, dass ein primitiver Hominid in Afrika für eine erheblich längere Zeit überlebte, als Experten bisher für möglich hielten."

In drei auf der Open-Access-Plattform eLIFE veröffentlichten Nachfolge-Studien berichtet das Team um Eric Roberts, Paul Dirks und Lee Berger nun über eine Art Anti-Superlativ: Anders als gemutmaßt war Naledi wohl keineswegs ein sehr früher, Millionen Jahre alter Vormensch. Die aktuellen Studien taxieren ihn auf ein Alter von nur 236.000 bis 335.000 Jahre.

Unter den gefundenen Fossilien sind drei weitgehend vollständige Skelette
John Hawks/ University of Wisconsin-Madison/ HO/ AFP

Unter den gefundenen Fossilien sind drei weitgehend vollständige Skelette

Das aber macht ihn zum potenziellen Zeitgenossen des modernen Menschen Homo sapiens, dessen älteste bisher gefundenen Fossile rund 200.000 Jahre alt sind.

Link: Sonderseite der Uni Witwatersrand zum Naledi-Projekt

Dass Homo sapiens sich die Erde mit anderen Menschenarten teilte, ist nicht überraschend. In Afrika überlappten sich die Verbreitungsgebiete von Homo sapiens und anderen, allerdings sehr eng verwandten Menschenarten über etliche zehntausend Jahre.

Zudem lebte der moderne Mensch auch in Vorder- und Zentralasien sowie Europa viele Tausend Jahre mit Verwandten wie dem Neandertaler zusammen. An möglicherweise drei oder mehr Zeitpunkten in seiner Geschichte kam es sogar zur Kreuzung, zur Vermischung mit anderen Arten, wie wir inzwischen wissen.

Ein absolutes Novum wäre aber die Koexistenz mit einer Art, die man aufgrund ihrer anatomischen Eigenschaften als viel archaischer einstufen würde als den modernen Menschen. Naledi verblüffte seine Entdecker aus mehreren Gründen: Neben seiner kleinen, noch sehr affenartigen Gestalt zeigte er auffällig menschlich-moderne Eigenschaften. Die Rekonstruktion seines Schädels offenbarte einen komplexen Hirnaufbau.

Der Fund selbst deutete darauf hin, dass Naledi seine Toten regelrecht bestattete: Er schien seine Verstorbenen in die Tiefen der Felskammern der weit verzweigten Rising Star Cave nördlich von Johannesburg getragen zu haben. Dieser vermeintlich frühe Mini-Mensch schien zu kulturellen Leistungen imstande gewesen zu sein, die man selbst frühen Sapiens kaum zutraute.

Die Höhle in Südafrika ist weit verzweigt. Wer auch immer dorthin gelangte, wurde hineingetragen - und das, sagen die Forscher, wohl von anderen Naledi. Den Naledis trauen Wissenschaftler inzwischen sogar zu, eigene Werkzeuge hergestellt zu haben. Das würde bedeuten, dass diese vermeintlich primitiven, archaischen Frühmenschen auf einer ähnlichen Kulturstufe standen wie ihre möglichen Zeitgenossen Homo sapiens - also wir.

Das alles wirft Fragen auf:

  • Wenn Naledi Werkzeuge produziert haben sollte, würde das die Urheberschaft gefundener Werkzeuge in Südafrika in Frage stellen: Als Macher kämen dann neben Sapiens auch Naledi in Frage.
  • Wenn vermeintlich primitive Menschenarten wie Naledi noch zwei Millionen Jahre nach dem Zeitpunkt lebten, an dem man sie für ausgestorben wähnte, stellt das die Abfolgen im menschlichen Stammbaum in Frage.
  • Auffällig ist auch der Zeitpunkt ihres Aussterbens. Die Forscher halten es für möglich, dass es Homo sapiens war, der Naledi am Ende verdrängte.

Es ließe Homo sapiens in einem wenig vorteilhaften Licht erscheinen: Unser Aufstieg und unsere Verbreitung könnte auch beim Aussterben anderer Menschenarten wie Neandertalensis, den Denisova-Menschen oder den letzten Homo erectus ein Faktor gewesen sein.

Rising Star Cave: Der Fundort ist keine leicht zugängliche Grotte, sondern ein enges, weit verzweigtes Höhlensystem.
Marina Elliott/ Wits University

Rising Star Cave: Der Fundort ist keine leicht zugängliche Grotte, sondern ein enges, weit verzweigtes Höhlensystem.

Die Forschergruppe, die aus 52 Wissenschaftlern von mehreren Universitäten und Instituten bestand, tat sich mit der Datierung der Funde nicht leicht. Die ersten Ergebnisse, die Naledi bei nur einem Zehntel des vermuteten Alters ansiedelten, führten zu einem möglichst breiten Ansatz: Am Ende kamen sechs verschiedene Datierungsmethoden zum Einsatz, die sowohl die zahlreichen Fossilien, als auch die umliegenden Sedimente einbezogen und von verschiedenen Forschergruppen getrennt in sogenannten double-blind-Messungen nachgeprüft wurden. Am Ende stand für die Forscher fest: Naledi ist keineswegs alt, sondern ein überraschend später Überlebender archaischer Zeiten.

"Ungeahnte Vielfalt der Vorfahren"

Erst Ende April hatte eine neue Studie den als "Hobbit" berühmt gewordenen Homo floresiensis mit dem archaischen Homo erectus in Verbindung gebracht. Auch diese Studie fand Hinweise darauf, dass eine vermeintlich archaische, Millionen Jahre alte Menschenart noch bis vor sehr kurzer Zeit überlebte.

Maßstab: Lee Berger mit einem rekonstruierten Naledi-Schädel - deutlich kleiner als der moderner Menschen.
REUTERS

Maßstab: Lee Berger mit einem rekonstruierten Naledi-Schädel - deutlich kleiner als der moderner Menschen.

John Hawks, Ko-Autor der drei aktuellen Naledi-Studien, sieht Bewegung im Wissensstand: "Manche Wissenschaftler glaubten zu wissen, wie die menschliche Evolution verlaufen ist. Aber unsere neuen Entdeckungen und das, was wir auf dem Weg der Genetik erfahren, sagen uns, dass Südafrika Heimat einer ungeahnten Vielfalt war."

"In letzter Zeit", sekundiert Lee Berger, der das Team der Altersbestimmung leitete, "waren fossile Funde des Menschen voller Überraschungen". Das Alter des Homo naledi werde kaum die letzte Überraschung sein, die man in diesen Höhlen finden werde.

Die Fossilien aus der Rising Star Cave gelten als die reichhaltigsten Funde archaischer Menschen weltweit. Bisher wurden mehrere Tausend Knochen geborgen, darunter mehrere weitgehend erhaltene Skelette. Aufgrund des schwierigen Zugangs gehen Experten davon aus, dass allein die Entdeckung und Bergung aller Fossilien mehrere Jahrzehnte dauern wird.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.