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Anthropologie: Verschlusssache Homo naledi

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Neu entdeckter Frühmensch: Veröffentlichung löst heftigen Forscherstreit aus Fotos
Wits University/ Brett Eloff

Es vergehen schon mal zehn Jahre, bis die Öffentlichkeit von der Entdeckung einer neuen Menschenart erfährt. Ein Team junger Anthropologen wollte das ändern und hat so einen heftigen Streit ausgelöst.

Ein paar Zähne und eine Handvoll Knochenfragmente - so dürftig sieht die Beute von Paläoanthropologen normalerweise aus. Doch der Fund in Südafrika, über den Forscher in der vergangenen Woche berichteten, war viel spektakulärer. Zwei Jahre lang hatten sie Fossilien von 15 Individuen aus einer Höhle in Südafrika geborgen.

Die Skelette waren nahezu vollständig erhalten, die Wissenschaftler konnten ihr Glück kaum fassen. Es handle sich um eine bislang unbekannte Menschenart, verkündeten sie. Wenn Ende des Jahres die Wissenschaftsentdeckung des Jahres gesucht wird, dürfte Homo naledi als heißer Kandidat gelten.

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Doch die Forscher landeten mit ihrem Fossilienfund nicht auf dem Cover von renommierten Fachzeitschriften wie "Nature" oder "Science". Ihre beiden Fachartikel erschienen stattdessen beim kleinen Open-Access-Magazin eLife, das alle Artikel kostenlos ins Netz stellt. Dahinter steckt ein handfester Streit unter Anthropologen - der offenbar auch im sogenannten Peer-Review-Prozess ausgetragen wurde. Bei diesem werden Artikel vor dem Publizieren von Wissenschaftlern geprüft, die an der Erstellung der Artikel nicht beteiligt waren.

Die Entscheidung der Forscher gegen etablierte Magazine wie "Nature" verblüfft. Schließlich sind Veröffentlichungen wichtig für die eigene Karriere - und durch die Reputation des Magazins steigt auch die eigene Reputation. Das Entdeckerteam von Homo naledi will nach eigenem Bekunden aber den eigenen Fachbereich umwälzen: Schneller, transparenter und kooperativer soll er werden.

"Paläoanthropologie ist wirklich verdorben"

Zu lange würden Kollegen ihre Funde alleine untersuchen und damit ihre Erkenntnisse der Gemeinschaft vorenthalten, klagen sie. "Da draußen gibt es viele Fossilien, die bis auf wenige ausgewählte Personen keiner gesehen hat", sagt die Forscherin Tracy Kivell vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Sie hatte die Handknochen des Homo naledi untersucht. "Die Paläoanthropologie ist in dieser Hinsicht wirklich verdorben."

Tatsächlich liegen in diesem Fachbereich zwischen Entdeckung und Veröffentlichung besonders viele Jahre. 1994 berichtete Tim White von der möglichen Entdeckung einer neuen Gattung, des Ardipithecus, und kündigte eine gründliche Analyse an. 15 Jahre lang drangen keine Informationen nach außen, bis er 2009 in elf Fachartikeln die Fülle seiner Erkenntnisse veröffentlichte.

"Es gibt eine Vielzahl von Fällen, in denen Forscher mehr als zehn Jahre lang keine wesentlichen Informationen über ihre Funde an die Forschungsgemeinde geben", sagt Matthew Skinner, der auch am Leipziger Max-Planck-Institut arbeitet und die Zähne des Homo naledi untersuchte. "Die Forscher würden argumentieren, dies sei ein wissenschaftlich gründliches und verantwortungsbewusstes Vorgehen." Es sei auch nachvollziehbar, dass die Forscher in Ruhe ihre Fossilien untersuchen wollten, nach denen sie womöglich Jahrzehnte gesucht haben. Doch es schade der Wissenschaft, wenn selbst die grundsätzlichen Erkenntnisse jahrzehntelang geheim blieben.

Skinner sieht sich als Teil einer neuen Generation von Forschern, die einen anderen Weg einschlagen möchte: Sie wollen ihre Erkenntnisse früher veröffentlichen, auch unvollständige Ergebnisse mit ihren Kollegen teilen, um deren Fachwissen einzuholen. 3D-Aufnahmen ihrer Funde stellten sie ins Netz.

"Nature" forderte angeblich weitere Analysen

Doch dieses offensive Vorgehen der Homo-naledi-Entdecker verhinderte offenbar, dass ihr Fund in der renommierten Fachzeitschrift "Nature" erschien. Denn auch wenn die Forscher im Nachhinein von Open-Access schwärmen, wollten sie zu Beginn ihre Funde im exklusiven Journal platzieren. Schon kurz nach den ersten Funden reichten die Forscher gut ein Dutzend Fachartikel ein, doch nach einem langen Begutachtungsverfahren wollte "Nature" nur wenige der Studien abdrucken. Dabei seien die Gutachten weitgehend positiv gewesen, hieß es aus Forscherkreisen.

"Nature" aber hielt offenbar einige Studien für zu speziell. Bei anderen seien weitere Analysen gefordert worden, angeblich sogar zusätzliche Ausgrabungen in der Höhle in Südafrika. Wurde da der Grundsatzstreit der Paläoanthropologie über den Peer-Review-Prozess ausgetragen? Oder steckten hinter den Kritiken an den Artikeln gar missgünstige Kollegen? "Nature" wollte sich zum Begutachtungsprozess nicht äußern.

Tatsächlich fehlt eine Datierung der Funde, erst sie ermöglicht eine Einordnung des Homo naledi in den Stammbaum der Menschheit. Doch die Untersuchung dauert lange - so lange wollten die Forscher mit ihrer Veröffentlichung nicht warten.

Forscherkollege kritisiert Vorgehen als manipulativ

Sie entschieden sich für das junge Open-Access-Magazin. Letztlich schafften es die Forscher doch noch auf ein Cover - zwar nicht von "Nature", dafür aber vom Magazin "National Geographic". Dieses setzte die Funde exklusiv in Szene und lieferte ein weltweites Publikum.

Der Paläoanthropologe Jeffrey Schwartz von der University of Pittsburgh kritisiert die medienwirksame Inszenierung der Forscher als manipulativ. Er findet, die Entdecker hätten die Fossilien intensiver untersuchen sollen. Niemand sei vor voreiligen Schlüssen gefeit.

Der Homo-naledi-Forscher Skinner nimmt diese Bedenken ernst, doch er sieht das Vorgehen seiner Gruppe als gerechtfertigt an: "Wir haben über 1000 Fossilien, die das ganze Skelett mehrerer Individuen abdecken. Wir haben 80 bis 85 Prozent von dem, was die Funde uns erzählen können. Würden wir warten, bis wir 100 Prozent haben, müssten wir 15 bis 20 Jahre warten."

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Richtig so..
trinityguildhall 17.09.2015
..und Glueckwunsch. Neidische Kollegen wollten eine Veroeffentlichung verzoegern aber die Wissenschaftler haben das einzig Richtige gemacht. Die Wissenschaft ist von Neid und Gier zerfressen, genau wie der Peer-Review Prozess.
2.
nivh 17.09.2015
richtig so! Wissenschaft verkommt immer mehr zum Ego streicheln einzelner. Wissenschaft sollte vorrangig Wissen schaffen und nicht persönliche Reputationen, werden doch letztlich fast alle von staatlichen Stellen unterstützt. Und das sind unser aller Steuergelder.
3.
taglöhner 17.09.2015
Na zwischen Nature und der Friseurauslage National Geographic oder einem Jeder-darf-mal Online-Magazin gibt es noch einen ganzen Haufen weniger bedeutender, aber deswegen nicht unseriöser Journals. Die Anthropologie bewegt sich gerne mal sehr am Rande des Naturwissenschaftlichen und bisweilen auch im Jenseits. Da wundert eine solche Auseinandersetzung nicht. Einem biologischen oder paläontologischen Blatt wollten sich die Herren wohl lieber nicht stellen.
4. DAS SIND ECHTE fORSCHER
fragel 17.09.2015
Auch ihre ansicht finde ich absolute Spitze. Macht weiter so! Unter wissenschaftlicher Arbeit verstehe ich das Forschen- Die sogenannten fachblätter sind zu oft nur Kassierer und die, die die Freigabe erteilen haben angst um ihre Pfründe.
5.
Tiananmen 17.09.2015
Zitat von nivhrichtig so! Wissenschaft verkommt immer mehr zum Ego streicheln einzelner. Wissenschaft sollte vorrangig Wissen schaffen und nicht persönliche Reputationen, werden doch letztlich fast alle von staatlichen Stellen unterstützt. Und das sind unser aller Steuergelder.
Mein Gott! Ich kann dieses Gejaule der Vereinigung der betroffenen Steuerzahler nicht mehr hören. „Ich zahle Steuern, also sollen die schneller veröffentlichen!“ Ein Großteil wurde übrigens von National Geographics bezahlt. Bekommen die auch von Ihren Steuern? Keine Ahnung, kein Interesse am Thema, aber meckern.
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Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Denisova-Mensch (50.000 Jahre)
In der Denisova-Höhle in Russland wurden Anfang des Jahrtausends ein Fingerknochen, ein Zahn und ein Zehenknochen gefunden, die offenbar zu keiner bislang bekannten Art gehören. Diese lebte zu Zeiten des Homo neanderthalensis und des Homo sapiens. Noch wurde der Art kein eigener Name verliehen.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo naledi (Alter unbekannt)
In der Rising-Star-Höhle in Südafrika entdeckten Forscher über 1500 Fossilien, die sie 15 Individuen zuordneten. Sie gehören zu einer bislang unbekannten Art, dem Homo naledi. Dessen Alter ist noch unbekannt und damit auch seine Einordnung in den Stammbaum der Menschheit. Die Fundstelle bei Johannesburg könnte die älteste Grabstätte der Geschichte sein.

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