Spektakulärer Fund Homo sapiens ist viel älter als gedacht

Muss der Stammbaum des Menschen umgeschrieben werden? Forscher datieren neue Fossilien des Homo sapiens auf ein Alter von mehr als 300.000 Jahren - was unsere Spezies nicht nur deutlich älter, sondern auch zu Marokkanern macht.

Philipp Gunz/ MPI EVA Leipzig

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Ein internationales Wissenschaftler-Team stellt Alter und Herkunft des modernen Menschen Homo sapiens in Frage: Sie taxieren die Entstehung unserer Spezies auf eine Zeit, die deutlich mehr als 300.000 Jahre zurückliegt. Bisher ging man von nur 200.000 Jahren aus.

Die Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und des Nationalen Instituts für Archäologie und kulturelles Erbe in Rabat (Marokko) hatten Fossilienfunde aus Afrika neu analysiert.

Verblüffend ist jedoch nicht nur das Alter der Funde, sondern auch ihr Fundort im nordafrikanischen Marokko: Bisher gilt als wissenschaftlicher Konsens, das Homo sapiens seine Wurzeln in Ostafrika hat.

Neue Methoden - neue Ungewissheiten

Die zwei neuen "Nature"-Studien stehen exemplarisch für die Umbrüche, welche die Anthropologie in jüngster Zeit erlebt. Neue Untersuchungsmethoden stellen immer häufiger vermeintliche Gewissheiten in Frage.

Erst im Mai warfen Forscher des Senckenberg-Instituts die These in den Ring, dass der Mensch sich nicht in Afrika, sondern in Europa entwickelt haben könnte. Wenige Wochen zuvor zeigten südafrikanische Experten, dass der vermeintliche Vormensch Homo naledi zeitgleich mit dem Homo sapiens lebte. Im April verblüfften Forscher mit der Behauptung, der Mensch sei schon 115.000 Jahre früher nach Amerika gekommen als bisher gedacht - und das womöglich mit Booten.

All diese Studien rütteln am Zeitplan der Menschwerdung, der wissenschaftlichen Rekonstruktion unserer kulturellen Reifung und Verbreitung. Vermeintlich archaische Menschen überlebten - als Zeitgenossen des Homo sapiens - offenbar viel länger als gedacht, geografische Räume wurden früher erschlossen als vermutet, Zeitplan und Ausbreitung des Menschen scheinen nicht mehr sicher. Auch die zwei aktuellen Studien reihen sich da ein. Ihre Kernthesen:

Etappen der Menschwerdung (nach bisherigen Erkenntnissen)
DER SPIEGEL

Etappen der Menschwerdung (nach bisherigen Erkenntnissen)

Das stellt weit mehr in Frage als die Verortung der Wiege des modernen Menschen. Seine mit rund 195.000 Jahren bisher ältesten Fossilien fand man in Äthiopien. Von dort, so die Lehrmeinung, verbreitete sich unsere Spezies in alle Richtungen und über alle Kontinente.

Das Rift Valley: Anstoß zur Menschwerdung?

Doch das ostafrikanische Rift Valley, auch Großer Afrikanischer Grabenbruch genannt, gilt nicht nur als Heimat der Gattung Homo und aller ihrer Arten, sondern auch als der evolutionäre Motor der Menschwerdung: Man glaubt, dass geologische und klimatische Veränderungen, die durch das Aufbrechen des Grabens eingeleitet wurden, die Evolution des Menschen mit angestoßen hätten. Es ist ein wichtiger Teil unserer Erklärung, wie und warum es überhaupt zur Entstehung der Gattung Mensch kam.

Die aktuellen Studien basieren auf einer zeitlichen Neu-Einordnung von Funden aus den Sechzigerjahren sowie frischen Ausgrabungen, die diese zeitliche Taxierung stützen. Die in Jebel Irhoud gefundenen Knochen ordnen die Forscher bis zu fünf Individuen zu. Die Knochen stammten trotz einiger archaischer Merkmale zweifelsfrei von Homo sapiens - wenn auch von einem sehr frühen Vertreter.

Denn die Forscher fanden auch Unterschiede: Während der Gesichtsschädel der in Marokko gefundenen Frühmenschen dem modernen Menschen entspricht, wirkt die Schädelform archaisch - und das dürfte dann auch für das Gehirn dieser frühen Sapiens gegolten haben. Auf Computertomografien basierende 3D-Rekonstruktionen der Schädel zeigten "modern aussehende Gesichter und Zähne", aber noch eher "längliche, archaisch anmutende" Hinterköpfe, erklärt der Paläoanthropologe Philipp Gunz.

Stimmen bisherige Zuordnungen noch?

Die marokkanischen Sapiens ähnelten uns also optisch zwar bereits sehr, doch intellektuell hätte sich noch einiges zu entwickeln gehabt: Sein heutiges, extrem leistungsfähiges Gehirn habe Sapiens offenbar später ausgeprägt als den Rest seines Körpers.

So wie auch seine Kultur: Die Steinwerkzeuge, die in Marokko gefunden wurden, ordnete man der sogenannten Levalloistechnik zu - und die assoziiert man vor allem mit dem Neandertaler. Demnach standen die Sapiens von Jebel Irhoud kulturell und technologisch noch auf einer deutlich niedrigeren Stufe als die Menschen, die weit über 100.000 Jahre später Afrika verließen. Das aber hat Konsequenzen: Viele sehr alte Fundstätten werden wegen solcher Werkzeuge aus dem Mittelpaläolithikum nicht dem Homo sapiens zugeordnet - und das könnte falsch sein, argumentieren die Forscher.

An der zeitlichen Einordnung hat Daniel Richter, Hauptautor einer der zwei Studien und Experte für Geochronologie-Verfahren, keine Zweifel. Man habe nicht nur das Alter der gefundenen Werkzeuge mit Hilfe von modernen Thermolumineszenz-Verfahren bestimmen können. Die Daten korrespondierten auch mit denen eines gefundenen Unterkiefers und seiner Zähne, die man mit Hilfe radioaktiver Zerfallsraten datiert habe.

War Adam Marokkaner?

Was lässt sich aus all dem schließen? Zumindest, dass sich der Mensch lang vor seiner Eroberung der Erde weit über den afrikanischen Kontinent verbreitet habe. Und das, meint Jean-Jacques Hublin, der am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht, deute darauf hin, dass die Geschichte der Menschwerdung deutlich komplexer verlaufen sei als bisher gedacht: Gerade Nordafrika sei als mögliches Herkunftsgebiet des Menschen bisher "vernachlässigt" worden. Kam der Sapiens also aus dem Maghreb?

Das wissen auch Chris Stringer und Julia Galway-Witham nicht, die von "Nature" um eine Einordnung der Studien gebeten wurden. Sie sehen aber durchaus Erkenntnisfortschritte:

  • Die fossilen Befunde zur Menschwerdung seien notorisch lückenhaft. Jebel Irhoud fülle da eine Lücke: Bisher habe es kaum Funde gegeben, die moderne Menschen mit archaischen Eigenschaften dokumentierten;
  • Die zeitliche Bestimmung korrespondiere mit unseren Erwartungen aus der Genanalyse: Unsere DNA zeige, dass sich Homo sapiens vor rund 500.000 Jahren von den anderen bekannten Menschenarten abzuspalten begann. Bisher gab es dafür keine fossilen Belege;
  • Die bisherige Deutung der Jebel-Irhoud-Funde als "afrikanische Neandertaler" sei nicht schlüssig gewesen. Schon 1968 habe man dort den Kiefer eines Kindes gefunden, dessen Bezahnung deutlich moderner wirkte;
  • Die vor Ort gefundenen Werkzeuge ähnelten denen ähnlichen Alters aus anderen Teilen Afrikas, was Sapiens mit einer Kulturstufe assoziiert, in deren Kontext er bisher nicht gesehen wurde;
  • Klimamodelle deuteten an, dass die Sahara vor mehr als 300.000 Jahren durchquerbar gewesen sein könnte: Eine Migration früher Menschen über ganz Afrika läge also im Bereich des Möglichen.

Die externen, an der Studie nicht beteiligten Experten werfen allerdings auch die Frage auf, ob das "zarte Gesicht" des Homo sapiens nicht auch das Erbe eines archaischeren Vorläufers sein könnte.

Dann wäre es auch denkbar, dass dieser Entwicklungstrend zu zarteren Gesichtszügen an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Arten der Gattung Homo auftrat - und nicht zwangsläufig nur bei Sapiens. Umstrittene, auf 260.000 Jahre taxierte Funde in Südafrika könnten dann genauso wie die Funde in Marokko analoge Entwicklungen sein, die auf dem Erbe eines zartgesichtigen Vorfahren beruhten. Für die vermuteten transafrikanischen Wanderungsbewegungen fehlten jedenfalls noch Belege.

Ihr Fazit: "Hublin und Kollegen deuten an, dass die klaren Unterschiede zwischen modernen und archaischen Menschen verwischen werden, je dichter der fossile Befund wird. Da haben sie womöglich recht. Ihre Beweise deuten aber auch darauf hin, dass es bis vor 300.000 Jahren eine weit längere Gleichzeitigkeit von archaischen und modernen Menschen überall in Afrika gegeben hat."

Klar scheint damit zumindest eines: Die Menschheitsgeschichte war auf jeden Fall komplexer als bisher gedacht.

Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Denisova-Mensch (50.000 Jahre)
In der Denisova-Höhle in Russland wurden Anfang des Jahrtausends ein Fingerknochen, ein Zahn und ein Zehenknochen gefunden, die offenbar zu keiner bislang bekannten Art gehören. Diese lebte zu Zeiten des Homo neanderthalensis und des Homo sapiens. Noch wurde der Art kein eigener Name verliehen.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo naledi (Alter unbekannt)
In der Rising-Star-Höhle in Südafrika entdeckten Forscher über 1500 Fossilien, die sie 15 Individuen zuordneten. Sie gehören zu einer bislang unbekannten Art, dem Homo naledi. Dessen Alter ist noch unbekannt und damit auch seine Einordnung in den Stammbaum der Menschheit. Die Fundstelle bei Johannesburg könnte die älteste Grabstätte der Geschichte sein.
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Tevje 08.06.2017
1. Wir Marokkaner?
In einer Zeit, in der die Strasse von Gibraltar im Vergleich zu heute allenfalls ein schmales Rinnsal war, dürften beiderseits dieser Strasse Menschen gelebt haben, denn Boot fahren war auch damals schon bekannt - siehe die Besiedlung Amerikas von Asien aus, in mindestens 3 größeren Schüben, die mit den Kalt- und Warmzeiten einhergingen. In Spanien wurden neuere anthropologische Funde gemacht, und zwar in Höhlensystemen entlang des Mittelmeers, die derzeit noch unter Wasser liegen, damals aber über dem Strand. Man wohnte halt auch damals gern mit Meeresblick. Weitere Höhlensysteme werden gefunden werden und die bestehenden, nach Eröffnung von Landzugängen, weiter erforscht werden. In den beiden kommenden Jahrzehnten dürften dort -und in Frankreich sowie entlang der Adria- weitere Funde gemacht werden, die die Entstehungsgeschichte der Menschheit weiter offen legen werden.
muekno 08.06.2017
2. Komplexer als geacht
kling mehr als Plausibel
OhMyGosh 08.06.2017
3. Nee, nich?
Jetzt wundert es mich aber gar nicht mehr, dass es mich immer wieder im Urlaub nach Nordafrika, speziell Marokko, gezogen hat... und ich dachte immer, ich sei aus Niedersachsen. Kannste mal sehen! *smiling*
gekreuzigt 08.06.2017
4.
Irrelevante vermeintliche Erkenntnisse, die in einigen Jahren vermutlich schon überholt sein werden. Die sog. Wiege der Menschheit war offenbar mit Rädern ausgestattet, damit sie umhergeschoben werden konnte. Warten wir ab, wo sie demnächst steht.
mborevi 08.06.2017
5. ch verstehe nicht, wieso ...
... manche Anthropologen Probleme haben mit weiten Wanderungen früher Menschen. Da sie wohl vom Sammeln und der Jagt lebten ist das Wandern eher eine Voraussetzung als eine Ausnahme. In tausend Jahren Afrika zu durchwandern, vielleicht sogar mehrmals, liegt doch nahe. Das wären durchschnittlich 7 bis 8 km pro Jahr.
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