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04. Februar 2009, 16:29 Uhr

Homo sapiens

Wir revolutionieren unsere Evolution

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Wie sieht der Mensch in tausend Jahren aus - ist er riesig, hat er Kiemen oder ein größeres Gehirn? Forscher prophezeien uns eine einzigartige Entwicklung: Denn inzwischen haben wir selbst die Kontrolle über unsere Evolution übernommen.

1,80 Meter hoch erhebt sich der Zweibeiner mit der muskulösen Statur, der fliehenden Stirn, den dicken Wulsten über den Augen. Er ist nicht mehr Affe, aber auch noch nicht Mensch. Eine Million Jahre später werden richtige Menschen seine versteinerten Knochen ausgraben und ihn Homo erectus nennen - "aufgerichteten" Menschen. Homo erectus war eine Zwischenstation auf dem langen Weg zu uns, dem Homo sapiens, dem "weisen" Mensch.

Babyfuß, Erwachsenenhände: Natürliche Selektion spielt beim Menschen keine Rolle mehr
DDP

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Mehr als eine Million Jahre liegt zwischen Erectus und Sapiens und so groß sind die äußerlichen Unterschiede zwischen ihm und uns gar nicht. Einer jedoch ist wesentlich: Erectus' Gehirn war kleiner als unseres. 800 bis 1300 Kubikzentimeter Hirnvolumen hatte er im Kopf. Wir bringen es auf 1200 bis 1700.

Als "weisen", "modernen" Menschen bezeichnen wir uns selbst und erwecken den Eindruck, als seien wir die Endstation der menschlichen Evolution.

Dabei ist Evolution, die Veränderung von Organismen über die Generationen hinweg, ein fortlaufender und zielloser Prozess. Ein Spiel, das in jeder Generation neu gespielt wird. Und es braucht Zeit. Wer wird in einer Million Jahren die Erde beherrschen? Wird das Hirnwachstum weitergehen? Wird der Mensch der Zukunft im Angesicht steigender Meeresspiegel Kiemen und Flossen statt Lungen und Beine haben? Können solche dramatischen Änderungen in einer Million Jahre überhaupt stattfinden?

"Das Tempo der Evolution wird meistens unterschätzt", sagt Claus Wedekind, Evolutionsbiologe an der Universität Lausanne im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Evolution kann schnell gehen - vorausgesetzt, so Wedekind, es herrschen starke Selektionskräfte, die über längere Zeit ihre Richtung nicht ändern. Außerdem muss die Population groß genug sein, genetisch große Variabilität besitzen. Und die Anzahl der Nachkommen muss hoch sein. Beim Menschen mit seiner geringen Nachkommenschaft dauert Evolution länger als bei Lachsen, die pro Weibchen bis zu 20.000 Eier ablegen.

"Evolution erscheint uns so langsam, weil wir in Knochenfunden nur Momentausschnitte sehen", sagt Wedekind. In der Zeit, die zwischen den Knochenfunden lag, könnten aber Selektionskräfte in viele verschiedene Richtungen gewirkt haben - "mit Ergebnissen, die wir einfach nicht kennen".

"Die Evolution des Menschen ist am Ende"

Wie steht es um starke Selektionskräfte? Steigende Temperaturen und Meeresspiegel kosten Menschenleben. Aber werden sie tatsächlich durch Selektion über viele tausend Generationen hinweg Kiemen-Menschen hervorbringen? Wedekind bezweifelt das: "Die natürliche Selektion ist beim Menschen nicht mehr so wichtig". Technik, Medizin, Zivilisation schützen ihn vor natürlichen Selektionskräften. Der Mensch hat die Spielregeln geändert. Er ist der Umwelt nicht mehr so ausgeliefert wie früher, formt sie nach seinen Bedürfnissen. Wer schwach, krank oder arm ist, hat im großen Spiel der Evolution nicht unweigerlich verloren. Vorausgesetzt, er hat Zugang zu all den technischen und zivilisatorischen Errungenschaften.

"Die Evolution des Menschen ist am Ende", glaubt daher der britische Genetiker Steve Jones. Schwache und Starke seien sich näher als je zuvor - so wie die Menschen generell. Einen Partner finden kann man nicht nur im gleichen Dorf, sondern auch auf einem anderen Kontinent. Die Folge, so Jones, sei die Globalisierung des Genoms: "Homo sapiens wird bald viel einheitlicher sein als jemals zuvor." Das wird sich zum Beispiel an der Hautfarbe zeigen. Der Homo sapiens der Zukunft wird Jones zufolge braunhäutig sein, weil Afrikaner eine viel höhere Fortpflanzungsrate haben als Europäer.

Isolation - laut Darwin eine Voraussetzung für die Bildung neuer Arten - gibt es für den Menschen heute schon so gut wie nicht mehr und wird es zukünftig wohl auch nicht mehr geben. Zumindest nicht auf der Erde. Aber womöglich auf anderen Planeten? Werden sich Mars-Kolonisten nach einer Million Jahren an die veränderten Bedingungen auf dem Roten Planeten angepasst haben? Werden ihre Lungen so effizient sein, dass sie mit den geringen Mengen an Sauerstoff in der Marsatmosphäre zurecht kommen? Werden sie drei Meter groß werden, weniger Muskeln und kleinere Herzen haben, weil die Schwerkraft des Mars nur etwa ein Drittel der irdischen beträgt? Unwahrscheinlich, meint Wedekind. "Die Menschen werden alle technischen Errungenschaften mit auf den Mars nehmen", glaubt er. Natürliche Selektion wird also auch auf dem Mars kaum eine Rolle spielen.

Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie sagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Nicht die Evolution, sondern die natürliche Selektion ist am Ende." Dabei hatte die in den vergangenen 40.000 Jahren die menschliche Evolution erst so richtig in Fahrt gebracht. Das zeigten Wissenschaftler um John Hawks von der University of Wisconsin und Kollegen im Jahr 2007. Im Fachblatt "Proceedings Of The National Academy Of Sciences" veröffentlichten sie Ergebnisse von Gen-Analysen, die belegen, dass sich in diesen 40 Jahrtausenden sieben Prozent der menschlichen Gene verändert haben.

"Die Gene, die in der jüngeren Vergangenheit des Menschen unter starker Selektion standen, waren allesamt Gene, die entweder mit der Ernährung, Krankheiten oder unserem Aussehen in Verbindung sind", sagt Hublin. "Und die Selektion war ausgelöst durch Umweltveränderungen." Es war die Zeit, in der Homo sapiens Afrika verließ und nach Europa und Asien vordrang. Neue Kontinente, neue Umweltbedingungen und damit neue, starke Selektionskräfte und genetische Drift wirkten auf ihn ein. Die Folge war, dass die Uhr der Evolution schneller tickte.

"Die Verlängerung des Lebens ist das große Thema"

Das Verschwinden der natürlichen Selektion hat Folgen. Denn eigentlich hat sie "einen stabilisierenden Effekt auf das Genom von Populationen", sagt Hublin. "Genetische Abweichler werden ausgemerzt - es sei denn, ihre genetische Variante bietet einen Überlebensvorteil." Wenn dieser stabilisierende Effekt schwindet, nimmt die genetische Bandbreite einer Population zu.

Droht uns also doch kein genetischer Einheitsbrei?

"Eigenschaften, die früher unter starker Selektion standen und verschwunden wären, bleiben erhalten und verfestigen sich", sagt Wedekind. Immer mehr Mutationen sammeln sich im gesamten Genpool der Menschen an. Ohne Selektionskräfte, die früher manche dieser Mutationen gnadenlos herausgefiltert hätten, kommt es zu genetischer Drift, zufälliger Veränderung von Gen-Häufigkeiten im gesamten Genpool. Und sie könnte womöglich den Menschen stärker verändern als er glaubt.

Beispiel Zähne: In der Steinzeit waren ihr Zustand ein echtes Killer-Kriterium. Wer nicht mehr kauen konnte, der verhungerte. Heute löst ein Gang zum Zahnarzt das Problem. Zur Not behilft man sich mit dritten Zähnen. Niemand muss mehr deswegen verhungern, er muss allenfalls Nachteile in Sachen sexueller Selektion in Kauf nehmen. Die Folge davon ist aber auch, dass sich Gene für schlechte Zähne verbreiten und ansammeln, und irgendwann Gene für gute Zähne vielleicht ganz verschwinden.

Das muss nicht negativ sein. Denn: "Ein Gen hat immer mehrere Wirkungen", sagt Hublin. "Wir kennen ein Gen, das die Haardicke beeinflusst und auch Auswirkungen auf das Schwitzen und die Zähne hat." Warum wurde es selektiert? Vielleicht aufgrund seiner positiven Eigenschaften auf den Wärmehaushalt des Körpers - und nicht wegen seines Einflusses auf die Zähne. "Ein vermeintlich schlechtes oder neutrales Gen kann also auch positive Auswirkungen haben, die man gar nicht erwartet." Sammeln sich immer mehr Gen-Varianten an, hat das Folgen: "Durch genetische Drift entstehen neue Phänotypen", sagt Wedekind.

"Zum ersten Mal hat eine Spezies Kontrolle über ihr Genom"

Und selbst wenn der Mensch aufgrund der Globalisierung sein Erbgut immer stärker durchmischt und angleicht - Wedekind glaubt, dass "wir auch in einer Million Jahren noch eine sexuelle Selektion haben werden". Sprich: Auch wenn dann möglicherweise in Norwegen die Menschen genauso aussehen werden wie in Nepal - nicht jeder wird jedem automatisch gefallen und mit jedem Nachkommen zeugen wollen. Der sexuelle Selektionsdruck führt letztlich auch zum Drang des Menschen nach immerwährender Jugend und Schönheit. Mit den bekannten Folgen: Heute haben wir plastische Chirurgie, morgen vielleicht Gesichter auf Bestellung. Und in einer Million Jahren womöglich gar keine Alterung mehr.

Und dahin geht die Reise, glauben Wedekind und Hublin. Der künftig größte Evolutionsfaktor in der Entwicklung des Menschen wird der Mensch selbst sein, glauben sie. "Es ist das erste Mal, dass eine Spezies Kontrolle über ihr eigenes Erbgut erlangt hat", sagt Hublin. "Das ist ein sehr starker Einfluss auf die Evolution."

Das muss gar nicht mal durch ausgefeilte Gentechnik sein. "Wir haben immer mehr Kaiserschnitt-Geburten. Früher wären Geburten für Frauen mit einem kleinen Becken höchst risikoreich gewesen", sagt Hublin. Und erst kürzlich wurde in Großbritannien bei einer künstlichen Befruchtung ein Baby ohne ein Brustkrebs-Risikogen gezielt ausgewählt und geboren. "Der Mensch hat die natürliche Selektion durch künstliche ersetzt", meint Hublin - und diese hat gerade erst begonnen: "Die Genetik ist einhundert Jahre alt. Wir stehen noch ganz am Anfang."

Auch Claus Wedekind sieht den Menschen als größten Evolutionsfaktor: "Wenn er wieder eine neue Form von Eugenik zulässt, dann wird er den größten Einfluss auf seine eigene Entwicklung haben." Aber Wedekind bleibt Optimist: "Ich halte das für sehr unwahrscheinlich." So weit werde der Mensch aus ethischen Gründen nicht gehen.

Was wird das Ziel der menschlich gesteuerten Evolution sein? "Die Verlängerung des Lebens ist das große Thema", glaubt Hublin. "Daran wird der Mensch arbeiten. Aber es wird Nebeneffekte geben."

Steve Jones glaubt, dass es soweit gar nicht kommen wird - weil der Mensch sich selbst ein Ende setzen wird. "In einer Million Jahren, ja schon in tausend wird der Mensch wieder Kohlenstoff sein", lautet seine Prognose. "Weil er dumm ist. Und auch Gentechnik wird ihm nicht helfen."

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