Homo sapiens: Wir revolutionieren unsere Evolution

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Wie sieht der Mensch in tausend Jahren aus - ist er riesig, hat er Kiemen oder ein größeres Gehirn? Forscher prophezeien uns eine einzigartige Entwicklung: Denn inzwischen haben wir selbst die Kontrolle über unsere Evolution übernommen.

1,80 Meter hoch erhebt sich der Zweibeiner mit der muskulösen Statur, der fliehenden Stirn, den dicken Wulsten über den Augen. Er ist nicht mehr Affe, aber auch noch nicht Mensch. Eine Million Jahre später werden richtige Menschen seine versteinerten Knochen ausgraben und ihn Homo erectus nennen - "aufgerichteten" Menschen. Homo erectus war eine Zwischenstation auf dem langen Weg zu uns, dem Homo sapiens, dem "weisen" Mensch.

Babyfuß, Erwachsenenhände: Natürliche Selektion spielt beim Menschen keine Rolle mehr
DDP

Babyfuß, Erwachsenenhände: Natürliche Selektion spielt beim Menschen keine Rolle mehr

Mehr als eine Million Jahre liegt zwischen Erectus und Sapiens und so groß sind die äußerlichen Unterschiede zwischen ihm und uns gar nicht. Einer jedoch ist wesentlich: Erectus' Gehirn war kleiner als unseres. 800 bis 1300 Kubikzentimeter Hirnvolumen hatte er im Kopf. Wir bringen es auf 1200 bis 1700.

Als "weisen", "modernen" Menschen bezeichnen wir uns selbst und erwecken den Eindruck, als seien wir die Endstation der menschlichen Evolution.

Dabei ist Evolution, die Veränderung von Organismen über die Generationen hinweg, ein fortlaufender und zielloser Prozess. Ein Spiel, das in jeder Generation neu gespielt wird. Und es braucht Zeit. Wer wird in einer Million Jahren die Erde beherrschen? Wird das Hirnwachstum weitergehen? Wird der Mensch der Zukunft im Angesicht steigender Meeresspiegel Kiemen und Flossen statt Lungen und Beine haben? Können solche dramatischen Änderungen in einer Million Jahre überhaupt stattfinden?

"Das Tempo der Evolution wird meistens unterschätzt", sagt Claus Wedekind, Evolutionsbiologe an der Universität Lausanne im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Evolution kann schnell gehen - vorausgesetzt, so Wedekind, es herrschen starke Selektionskräfte, die über längere Zeit ihre Richtung nicht ändern. Außerdem muss die Population groß genug sein, genetisch große Variabilität besitzen. Und die Anzahl der Nachkommen muss hoch sein. Beim Menschen mit seiner geringen Nachkommenschaft dauert Evolution länger als bei Lachsen, die pro Weibchen bis zu 20.000 Eier ablegen.

"Evolution erscheint uns so langsam, weil wir in Knochenfunden nur Momentausschnitte sehen", sagt Wedekind. In der Zeit, die zwischen den Knochenfunden lag, könnten aber Selektionskräfte in viele verschiedene Richtungen gewirkt haben - "mit Ergebnissen, die wir einfach nicht kennen".

"Die Evolution des Menschen ist am Ende"

Wie steht es um starke Selektionskräfte? Steigende Temperaturen und Meeresspiegel kosten Menschenleben. Aber werden sie tatsächlich durch Selektion über viele tausend Generationen hinweg Kiemen-Menschen hervorbringen? Wedekind bezweifelt das: "Die natürliche Selektion ist beim Menschen nicht mehr so wichtig". Technik, Medizin, Zivilisation schützen ihn vor natürlichen Selektionskräften. Der Mensch hat die Spielregeln geändert. Er ist der Umwelt nicht mehr so ausgeliefert wie früher, formt sie nach seinen Bedürfnissen. Wer schwach, krank oder arm ist, hat im großen Spiel der Evolution nicht unweigerlich verloren. Vorausgesetzt, er hat Zugang zu all den technischen und zivilisatorischen Errungenschaften.

"Die Evolution des Menschen ist am Ende", glaubt daher der britische Genetiker Steve Jones. Schwache und Starke seien sich näher als je zuvor - so wie die Menschen generell. Einen Partner finden kann man nicht nur im gleichen Dorf, sondern auch auf einem anderen Kontinent. Die Folge, so Jones, sei die Globalisierung des Genoms: "Homo sapiens wird bald viel einheitlicher sein als jemals zuvor." Das wird sich zum Beispiel an der Hautfarbe zeigen. Der Homo sapiens der Zukunft wird Jones zufolge braunhäutig sein, weil Afrikaner eine viel höhere Fortpflanzungsrate haben als Europäer.

Isolation - laut Darwin eine Voraussetzung für die Bildung neuer Arten - gibt es für den Menschen heute schon so gut wie nicht mehr und wird es zukünftig wohl auch nicht mehr geben. Zumindest nicht auf der Erde. Aber womöglich auf anderen Planeten? Werden sich Mars-Kolonisten nach einer Million Jahren an die veränderten Bedingungen auf dem Roten Planeten angepasst haben? Werden ihre Lungen so effizient sein, dass sie mit den geringen Mengen an Sauerstoff in der Marsatmosphäre zurecht kommen? Werden sie drei Meter groß werden, weniger Muskeln und kleinere Herzen haben, weil die Schwerkraft des Mars nur etwa ein Drittel der irdischen beträgt? Unwahrscheinlich, meint Wedekind. "Die Menschen werden alle technischen Errungenschaften mit auf den Mars nehmen", glaubt er. Natürliche Selektion wird also auch auf dem Mars kaum eine Rolle spielen.

Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie sagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Nicht die Evolution, sondern die natürliche Selektion ist am Ende." Dabei hatte die in den vergangenen 40.000 Jahren die menschliche Evolution erst so richtig in Fahrt gebracht. Das zeigten Wissenschaftler um John Hawks von der University of Wisconsin und Kollegen im Jahr 2007. Im Fachblatt "Proceedings Of The National Academy Of Sciences" veröffentlichten sie Ergebnisse von Gen-Analysen, die belegen, dass sich in diesen 40 Jahrtausenden sieben Prozent der menschlichen Gene verändert haben.

"Die Gene, die in der jüngeren Vergangenheit des Menschen unter starker Selektion standen, waren allesamt Gene, die entweder mit der Ernährung, Krankheiten oder unserem Aussehen in Verbindung sind", sagt Hublin. "Und die Selektion war ausgelöst durch Umweltveränderungen." Es war die Zeit, in der Homo sapiens Afrika verließ und nach Europa und Asien vordrang. Neue Kontinente, neue Umweltbedingungen und damit neue, starke Selektionskräfte und genetische Drift wirkten auf ihn ein. Die Folge war, dass die Uhr der Evolution schneller tickte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
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1. Mal sehen
quaf-,- 04.02.2009
Der Mensch in tausend Jahren wird wohl etwas größer sein als heute und es wird wohl weniger hellhäutige Menschen geben . Das sich das Gehirn vergrößert halte ich für nicht sehr wahrscheinlich , warum sollte es ? Wir benutzen doch heute erst einen kleinen Teil des Gehirns , erst mal muss der Rest aktiviert werden .
2. Zukunft
imagine 04.02.2009
Der Mensch der Zukunft, so es überhaupt ein Exemplar jedes Geschlechts bis dahin schaffen sollte, wird mangels Schutzhülle des Planeten eine Ganzkörper-Schutzhülle benötigen anstatt der Haut. Filter vor Lufteinlässen, akustik- und Optiksysytemen gegen Nuklearstrahlung. Und natürlich kann auch ein wenig Optimismus nicht schaden...
3. kann niemand sagen
nvf 04.02.2009
Das kann doch heute niemand sagen. In sog. 3 Welt Ländern findet meiner Meinung anch noch natürliche Selektion statt. Solange es nicht genug zu essen und viele Krankheiten gibt werden doch mit Sicherheit die "bevorzugt", die am besten damit klarkommen. Soviel dazu. Bekommen wir die Ernährung und alles sonstige in den Griff werden wir sicher größer, da genug/mehr Futter vorhanden ist. Bomben wir uns mit nem Atomkrieg ins Mittelalter/die Steinzeit zurück wird's wieder anders aussehen. Die Breite Masse wird sich eh nie sowas wie Selektion von Embryonen u.a. leisten können. Demnach betrifft dies nur eine winzige Minderheit in unserem globalen Genpool, dürfte also relativ egal sein, zumal man davon ausgehen kann, dass sich betreffende Schicht nicht ohne die auskommt, die sich es nicht leisten können. Von daher ist es zwar interessant sich sowas auszudenken und drüber zu grübeln, aber wirklich bringen tut es nichts, von daher wayne!
4. Mal überlegen, grübel
SpieFo 04.02.2009
Also, wie erfolgreich ist der "Homo Sapiens" bisher? Er ist in weitem Masse anpassungsfähig, als einzige Spezies ist er in der Lage, alle Klimazonen gleichermassen zu besiedeln und darin zu überleben. Auch kann er eine Vielzahl von Nahrungsmitteln verwerten; er ist nicht spezialisiert. Und er kann sich die Natur großräumig seinen Erfordernissen anpassen, sei es durch Ackerbau und Viehzucht, sei es besonders durch seine einzigartige Fähigkeit, Mineralien umzuwandeln und neu zu gestalten. Das Alles durch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Sprache und Schrift. Das alles nützt ihm nichts, denn die gegenwärtige Variante ist leider zu dumm, weit in die Zukunft planen und die Folgen ihres Tuns abschätzen zu können. Dies Fähigkeit unterlag bisher keinem Evolutionsdruck, da die Ressourcen des Planeten noch zum Überleben und Wachstum dieser Art ausreichten. In welcher Form der Homo "Sapiens" die nicht zu leugnende Erderwärmung, den Schwund der Ressourcen(Agrarflächen, Mineralien, vulgo seiner Lebensgrundlagen) und das noch unverminderte Bevölkerungswachstum überleben wird, werden die nächsten Generationen entscheiden. [Anmerkung: Wie gewaltig hat sich die Welt seit 1910 oder seit 1810 verändert! Das sind gerade mal 4-8 Generationen!) Ich meinte vor 40 Jahren, daß nur die Indianer im Amzonas die Katastrophe überleben würden. Das ist ein Trugschluss: Ich ahnte nicht, wie schnell Regenwälder zu Palmölplantagen und der Amazonas zu Sojafeldern umgewandelt werden können, wie sehr die Suche nach Rohstoffen auch nicht vor der Lunge des Planeten Halt machen wird oder wie schnell der Klimawandel selbst einem so gewaltigen Ökosystem den Garaus machen kann(Rem.: Dürreperioden). Mit Gentechnik können wir die Evolution "revolutionieren", aber allen Revolutionären war immer ein baldiges, evolutionär geradezu blitzartiges Ende beschieden. Wie lange dauerte die Französosche Revolution, die Russische Lenins oder die Chinesische Mao Tse Tungs?
5. Selektionsvorstellung ist Quatsch
Bernd Paysan 04.02.2009
Zitat von nvfDas kann doch heute niemand sagen. In sog. 3 Welt Ländern findet meiner Meinung anch noch natürliche Selektion statt. Solange es nicht genug zu essen und viele Krankheiten gibt werden doch mit Sicherheit die "bevorzugt", die am besten damit klarkommen. Soviel dazu.
Es gibt überall Selektion. Aber die Selektion in der 3. Welt ist eine andere wie bei uns. In Afrika sterben zur Zeit ganze Völker weg, bis wohl nur noch die übrig sind, die gegen AIDS immun sind, oder sich nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen. Mit der Vermehrungsrate hat das alles recht wenig zu tun - die passt der Mensch an die Gegebenheiten an - sind sie schlecht, viele Nachkommen, weil da wohl die meisten wieder wegsterben, sind sie gut, wenige Nachkommen, um die Resourcen nicht aufzubrauchen (mit einer Wachstumsperiode für den Übergang). Der Großteil der Selektion kommt aber nicht von der Anzahl der Kinder, sondern davon, wer sich tatsächlich vermehrt, und wie oft, wie erfolgreich, und wie gut sich dann diese Nachfahren wieder vermehren (eben sexuelle Selektion). Da kann man jetzt noch gar nichts für oder gegen helle Haut sagen - gerade in vielen Ländern mit vorherrschend dunkler Haut ist die sehr populär, und kann sich durch sexuelle Selektion dann auch potentiell schnell durchsetzen (binnen Jahrhunderten). Wer mag, vergleiche die US-Population ehemals schwarzer Sklaven mit den Hautfarben in den Herkunftsländern, und wird erstaunt sein, was für ein krasser Unterschied das ist - und da haben sich vor 200-150 Jahren nur ein paar Sklavenhalter eingekreuzt. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten, nämlich z.B. die Aufspaltung in mehrere Arten. Wenn es einen hohen Druck auf Schönheit in bestimmten Bevölkerungsgruppen gibt, dann kann es ja sein, dass die Hässlichen dort keinen Anklang finden, sich aber untereinander durchaus vermehren. Binnen weniger Generationen können die Geschmäcker dann so verschieden sein, dass eine effektive Fortpflanzungsschranke besteht (dazu ist der Mensch schon allein mit farbigen Punkten auf der Stirn fähig - siehe Kastenzeichen in Indien). Sollte die Fortpflanzungsschranke über einige tausend Generationen erhalten bleiben, kann sich dadurch eine Aufspaltung in mehrere Arten bewirken. Ich würde jedenfalls sagen, dass die Selektion in einem Land wie Deutschland, in dem zur Zeit ca. 40% der Bevölkerung gar keine Kinder mehr haben, durchaus tough ist, und was auch immer dabei herauskommt: Es wird eine eindeutige Richtung haben. Die andere Sache ist die des Gen-Designs. Ich gehe ziemlich fest davon aus, dass es uns Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte gelingt, Nachkommen "nach Wunsch" mit besseren Eigenschaften auszustatten. Das bringt die Evolution auf eine ganz neue Ebene, es ist nach der sexuellen Revolution (Vergrößerung der möglichen Eigenschaften von Nachkommen durch Permutation) ein neuer qualitativer Sprung: Genveränderung durch intelligentes Design.
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