Homöopathie und Fußball EM-Profis setzen auf sanfte Medizin

Fußballern sind auch alternative Heilmittel recht, um möglichst schnell wieder auf die millionenschweren Beine zu kommen. Eine Umfrage unter Bundesliga-Ärzten ergab, dass 92 Prozent von ihnen Spieler homöopathisch behandeln - darunter auch Stars aus dem deutschen EM-Team.

Von Dennis Meyer


Miroslav Klose betritt den Rasen stets zuerst mit dem rechten Fuß, Mario Gomez entleert seine Blase immer am Becken links außen und Michael Ballack schwört auf die Rückennummer 13. Doch nicht nur der Aberglaube ist im Fußball weit verbreitet, sondern auch der Glaube an die Kraft der Homöopathie. Von 26 Mannschaftsärzten der Erst- und Zweitligavereine, die an einer Umfrage teilgenommen hatten, gaben 24 an, ihren kickenden Patienten Homöopathika zu verabreichen.

Die Umfrage führte der Sportmediziner Peter Billigmann durch, Leiter des Koblenzer Instituts für Leistungsdiagnostik und Sporttraumatologie, im Auftrag von Heel, einer der weltweit größten Hersteller homöopathischer Präparate. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nannte Billigmann, selbst Mannschaftsarzt beim Zweitligisten TuS Koblenz, mehrere Gründe für das Ergebnis der Umfrage: "Die Behandlungserfolge können sich sehen lassen, Homöopathika haben praktisch keine Nebenwirkungen und auch beim Thema Doping sind wir auf der sicheren Seite." Demnach bestehe beim Einsatz sogenannter Komplexhomöopathika, die mehrere homöopathische Wirkstoffe kombinieren, keinerlei Gefahr, gegen die Anti-Doping-Vorschriften zu verstoßen.

Spitzname "Druide"

Die meisten Kollegen Billigmanns (92 Prozent) greifen bei der Behandlung von Verletzungen allerdings zunächst auf konventionelle Arzneimittel, wie Ibuprofen oder Diclofenac, zurück. Der Einsatz von Komplexhomöopathika folgt auf diesem Anwendungsgebiet mit 76 Prozent. Insgesamt verwenden jedoch 92 Prozent der Mannschaftsärzte bei der Behandlung der Profis - unter anderem bei Infektionen und zur Regeneration - homöopathische Medikamente.

Billigmanns Erhebung scheint einen Trend im Leistungssport zu bestätigen: Immer öfter vertrauen Bundesliga-Profis auf alternative Behandlungen. Auch umstrittenen Ansätze wie Bioresonanz, Osteopathie, Elektroakupunktur oder Selbstheilungsmanagement werden immer populärer. Wenn Verletzungen Prämienzahlungen und Karriere gefährden, drängt es die Spieler zu den rätselhaftesten Heilmethoden.

Der Remscheider "Karrierecoach" Holger Fischer hat schon etlichen Sportlern wieder auf die Beine geholfen. Zu seinen Patienten, die Fischer Klienten nennt, gehören unter anderem die Nationalspieler Patrick Owomoyela und Jan Schlaudraff. Nach Auskunft seiner Patienten hat Fischer die Gabe, Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Sogar Oliver Schmidtlein, Physiotherapeut der DFB-Elf, ist von Fischers Fähigkeiten überzeugt. Zwar könne er den Ansatz der Selbstheilung nicht nachvollziehen, doch Fischers Behandlung führe zu einer "deutlichen Beschleunigung der Rehabilitation".

Als einer der experimentierfreudigsten Vertreter seiner Zunft gilt Dieter Trzolek, Physiotherapeut bei Bayer Leverkusen. Seine außergewöhnlichen Behandlungsmethoden bescherten ihm unter den Spielern den Spitznamen "Druide". Trzolek benutzt bei Muskelverletzungen schon einmal Murmeltierfett und lässt die gesamte Mannschaft zum kollektiven Entschlacken antreten. Auch Kohlsuppe und Kirschsaft finden in Trzoleks Apotheke Platz.

"Ist noch ausbaufähig"

Andere Kollegen schwören auf "Kinesio-Tapes", acrylbeschichtete Baumwollstreifen. Auf die Haut geklebt, sollen sie Nervenbahnen stimulieren und vor allem nach Muskelverletzungen die Rehabilitation unterstützen. Nationalverteidiger Marcell Jansen lief schon häufiger mit den in Japan entwickelten Klebestreifen am Oberschenkel auf.

Überhaupt scheint die fernöstliche Medizin immer beliebter zu werden. In der von Billigmann durchgeführten Erhebung gaben 60 Prozent der Vereinsärzte an, Akupunktur zu verwenden. Die chinesische Kunst der Nadelstiche steht bei vielen Spielern hoch im Kurs.

Der DFB hat für die Vorbereitung auf die Europameisterschaft gar einen eigenen Yogalehrer engagiert. Der promovierte Psychologe Patrick Broome trainierte schon Stars wie Sting und Madonna. Nun soll er dem EM-Kader Beweglichkeit und Entspannung lehren. Nur wenige Spieler würden seine Yogastunden gänzlich ablehnen, so Broome. Dennoch gebe es noch Entwicklungspotential: Gerade in Deutschland würden viele Yoga als einen Sport für ältere Damen betrachten.

Auch Dieter Billigmann sieht trotz Umfrage-Ergebnissen die Entwicklung hin zu mehr homöopathischen Behandlungen noch nicht am Ende: "Der präventive Bereich, vor allem die positive Beeinflussung des Immunsystems ist noch ausbaufähig."

Nach den zuletzt enttäuschenden Europameisterschaften 2000 und 2004 trifft dies auch auf die Leistung der DFB-Auswahl zu. Bleibt zu hoffen, dass sich der Einfallsreichtum der medizinischen Abteilung nicht nur positiv auf die Gesundheit, sondern auch auf den Spielwitz der Fußballer auswirkt.



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