EU-Forschungsförderung Luxemburg und Zypern profitieren am meisten

Mit "Horizon 2020" will die EU innovative Forschungsprojekte fördern. Mehr als acht Milliarden Euro sind schon bewilligt. Das Geld ist ungleich verteilt, wie die Datenanalyse zeigt.

SPIEGEL ONLINE

Von Pierre-Jean Guéno und


In Summe wirkt "Horizon 2020" gewaltig: Mit fast 80 Milliarden Euro soll das EU-Rahmenprogramm von 2014 bis 2020 die Forschung unterstützen. Acht Milliarden davon sind mittlerweile bewilligt, für einige Tausend Teilnehmer - darunter Universitäten und Institute, aber auch Firmen und öffentliche Einrichtungen.

Welche Vorhaben wie stark gefördert werden, veröffentlicht die EU regelmäßig auf ihrem Open-Data-Portal und auf der CORDIS-Homepage. SPIEGEL ONLINE hat die dort publizierten Datensätze ausgewertet. Die Analyse verrät, wo das Netzwerk von "Horizon 2020" am stärksten ist - und welche Staaten besonders vom Programm profitieren.

Die absoluten Summen je Land sind dabei weniger interessant. Aufschlussreicher ist es, die Fördergelder in Relation zur Größe des Landes oder zu seiner Wirtschaftskraft zu setzen. Unter diesem Blickwinkel fallen vor allem zwei kleine Staaten auf: Luxemburg und Zypern. Vergleicht man die Förderung mit der Einwohnerzahl eines Landes, liegt Luxemburg vorn. Pro Einwohner bekommt es 41 Euro, also mehr als doppelt so viel wie Deutschland (20 Euro) und der EU-weite Durchschnitt (15).

Gemessen an der Wirtschaftskraft bleibt Luxemburg allerdings klar hinter Zypern zurück. Auf der Insel beträgt die bislang bewilligte Förderung 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Jahres 2014. In Deutschland und im EU-Durchschnitt liegt dieses Verhältnis nur bei 0,06 Prozent.

Ebenfalls am Bruttoinlandsprodukt bemisst sich, wie viel jedes Land zu den Eigenmitteln der EU beiträgt. Vergleicht man die Förderung mit diesem Beitrag, liegen erneut Zypern, Estland und Slowenien vorn. Und Großbritannien, das weniger zum EU-Haushalt beiträgt, steht nun deutlich vor Deutschland.

Die heimlichen Gewinner für die erste Phase von "Horizon 2020" heißen also Zypern und Luxemburg sowie Estland, Finnland und Slowenien. Gerade Zypern und Estland können die finanzielle Anschubhilfe offenbar gut gebrauchen. Sie werden von der EU-Kommission im aktuellen Innovation Union Scoreboard-Index nur noch als "moderate Innovatoren" bezeichnet - also als weniger innovativ im Vergleich zum EU-Durchschnitt.

Großbritannien als Strippenzieher im Netzwerk

Die Analyse verrät auch, wer das Sagen hat im Netzwerk der Institute, Unis und Unternehmen, die EU-Forschungsgelder kassieren. Hier fällt erneut Großbritannien auf - als das Land, von dem aus besonders Projekte koordiniert werden. Bei 970 der etwa 4800 bislang bewilligten Forschungsvorhaben wird diese Rolle von Großbritannien aus übernommen. Von Deutschland aus werden dagegen nur rund 580 Projekte gesteuert.

Die Strippenzieher und Schwergewichte von "Horizon 2020" zeigen sich deutlich im interaktiven Netzwerk. Es stellt die bewilligte Förderung und die Beziehungen auf nationaler Ebene dar. Jeder Kreis steht für ein beteiligtes Land, seine Größe richtet sich zunächst nach der Summe der EU-Förderung. Je mehr gemeinsame Projekte es von Teilnehmern aus zwei Staaten gibt, desto stärker sind die Kreise im Netzwerk verbunden.

Ihre Farbe steht dafür, ob die Staaten zur EU (gelb und orange) oder den in "Horizon 2020" assoziierten Ländern (rot) gehören. Drittstaaten finden sich am Rand des Netzwerks (grau). Auch sie können für Projekte mit europäischen Partnern gefördert werden.

Klicken Sie auf einen Kreis, um nur die Beziehungen eines Staates darzustellen. Und wählen Sie aus, wonach sich die Größe der Kreise richten soll - nach der Förderung, den Koordinationen oder der Beteiligung an "Horizon 2020".

Quelle: CORDIS (Stand: 24. August 2015)
Die Schwergewichte im Netzwerk sind - kaum überraschend - die großen EU-Staaten: Nach Deutschland sollen 1,6 Milliarden Euro fließen, nach Großbritannien 1,2 Milliarden Euro. Zusammen mit Frankreich, Spanien, Italien und den Niederlanden erhalten sie fast 75 Prozent der Förderung.

Auch die Position der Staaten in der Grafik ist bedeutsam: Wer besonders gut vernetzt ist, landet in der Mitte - auch kleinere Staaten wie Österreich und die Schweiz. Am Rand hingegen finden sich Staaten wie Singapur, das lediglich mit einem Projekt an "Horizon 2020" beteiligt ist.

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Es ist also kein Land so stark an "Horizon 2020" beteiligt wie Deutschland, mit rund 1100 Einrichtungen und 2790 einzelnen Projektteilnahmen. Und kein Land hat im Netzwerk so viele Verbindungen zu anderen Staaten. An jedem vierten Projekt arbeitet mindestens ein Partner aus Deutschland mit.

Welche Einrichtungen und Unternehmen in Deutschland an "Horizon 2020" beteiligt sind, zeigt die interaktive Karte. Fahren Sie über die Kreise oder klicken Sie diese an (Tablet), um mehr über die Förderung und die Zahl der koordinierten Projekte zu erfahren.

Die Teilnehmer in Deutschland
Auf der Karte treten regionale Schwerpunkte deutlich hervor, etwa rund um München, Berlin und das Ruhrgebiet. Vor allem München ist keine Überraschung, hier haben zwei Schwergewichte der Forschung in Deutschland ihren Sitz: die Max-Planck- und die Fraunhofer-Gesellschaft.

An Einrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft gehen innerhalb von "Horizon 2020" fast 350 Millionen Euro, davon allein 283 Millionen für das Projekt "Eurofusion" im Rahmen des Euratom-Programms. Insgesamt 53 Projekte werden von der Max-Planck-Gesellschaft aus gesteuert. Mehr Koordinationen übernehmen lediglich vier Einrichtungen in Europa.

Der Fraunhofer-Gesellschaft wurden bislang mit rund 98 Millionen Euro zwar weniger Fördermittel zugesagt, dafür ist sie besser vernetzt als alle anderen eingetragenen Teilnehmer in Europa. Mit mehr als 1580 Partnern arbeiten Fraunhofer-Institute in geförderten Projekten zusammen.

Solarforschung am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg
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Solarforschung am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg

Für die europäische Wissenschaft ist das Förderprogramm sehr wichtig, in Deutschland gehört "Horizon 2020" zu den größten Finanzierungsquellen im Bereich Forschung und Innovation - neben der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Innerhalb Deutschlands haben Forschungseinrichtungen und Hochschulen rund 70 Prozent der Förderung eingeworben. Unternehmen sind zwar in kleinerem Umfang, aber dafür häufiger in Projekte eingebunden. Auf sie entfallen mehr als 60 Prozent der Teilnahmen, wie der grafische Vergleich zeigt.

Unternehmen nutzen "Horizon 2020" als Anschubhilfe: "'Für uns stellt das Programm eine gute Möglichkeit dar, neue Dinge zu entwickeln", sagt Frank Frauenhoffer, Gründer und Leiter von Amorph Systems aus Stuttgart. Die IT-Firma gehört zu den 16 Partnern des Projekts SYMBIO-TIC. Über 48 Monate wird die EU es mit rund 6,5 Millionen Euro fördern.

Ziel des Projekts ist es, Produktionsvorgänge in der Industrie zu optimieren, an denen Menschen und Roboter beteiligt sind. Amorph Systems wird dafür die Steuerungssoftware entwickeln und rund 265.000 der Förderung bekommen, muss aber auch eigene Mittel in das Projekt stecken. Bei Hochschulen und gemeinnützigen Einrichtungen ist dieser Eigenanteil generell geringer.

Roboter am Fließband bei Volkswagen in Wolfsburg
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Roboter am Fließband bei Volkswagen in Wolfsburg

Als die EU-Kommission "Horizon 2020" präsentierte, betonte sie auch das Verfahren - am Programm teilzunehmen sollte besonders einfach sein. Diese Verbesserung sieht auch der Robotikexperte Frauenhoffer: "Früher war der bürokratische Aufwand deutlich größer." Aber für den Unternehmer dürfte auch das Projekt selbst gern kürzer sein: "48 Monate sind für ein kleines oder mittelständisches Unternehmen und für den Markt ein sehr langer Zeitraum. Vielleicht werden wir unsere Ziele früher erreichen."

In seiner Firma beschäftigen sich insgesamt vier Mitarbeiter mit SYMBIO-TIC, einen davon konnte Frauenhoffer zusätzlich einstellen. Die Förderung hilft somit dabei, den Bereich Forschung und Entwicklung im Unternehmen zu stärken und ihn international weiter zu vernetzen. So funktioniert im Detail, was "Horizon 2020" grundsätzlich vorantreiben soll: Wissenschaft, Technologie und grenzübergreifende Zusammenarbeit.

So verteilt sich die "Horizon 2020"-Förderung in Europa

Das "Horizon 2020"-Netzwerk

Das Netzwerk aller "Horizon 2020"-Teilnehmer aus Deutschland: Die höchste Förderung bekommt bislang die Max-Planck-Gesellschaft (Kreisgröße), die meisten Kooperationen verzeichnet die Fraunhofer-Gesellschaft (blaue Vernetzungen).

Das globale Netzwerk mit allen "Horizon 2020"-Teilnehmern: Die beiden Schwergewichte der Forschungslandschaft in Deutschland positionieren sich auch im Zentrum des weltweiten Vergleichs.

Die Geografie des Förderprogramms "Horizon 2020": Der größte Teil der Förderung wurde Einrichtungen in Europa zugesagt, beteiligt sind aber auch einige assoziierte Länder und Drittstaaten.

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