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Hormonthese: Das Geheimnis des männlichen Witzes

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Testosteron macht witzig - diesen Schluss zieht ein britischer Forscher aus der Beobachtung von Passanten in einer englischen Kleinstadt. Humor hängt demnach eng mit Aggressionen zusammen - und mit der Kanalisierung ins Verbale.

Die Liste männlicher Spaßvögel ist lang: Harald Schmidt, Helge Schneider, Ingo Appelt, Kurt Krömer, Heinz Strunk, Otto Waalkes, Heinz Ehrhardt, Karl Valentin, Dieter Hallervorden, Dieter Nuhr, Olaf Schubert und so weiter. Aber gibt es eigentlich Frauen, die witzig sind? Oder die es zumindest versuchen? Mehr als Anke Engelke, Cordula Stratmann, der Denglisch-Queen Gayle Tufts und der Amerikanerin Sarah Silverman fallen einem auf Anhieb kaum ein.

Für Sam Shuster, Professor im Ruhestand von der ostenglischen University of East Anglia, ist das kein Zufall. Humor ist nach Shusters Meinung nämlich eine Sache der Hormone, genauer gesagt eine Frage des Testosteronspiegels. Der ist bekanntlich bei jungen Männern am höchsten. Und so lautet die These des Mediziners denn auch, dass diese mehr Witze reißen, als es Frauen tun.

Shuster begründet seine These auf ungewöhnliche Weise: mit seinen Erfahrungen als Einradfahrer. Shuster fuhr fast ein Jahr lang mit dem Einrad durch die Stadt Newcastle upon Tyne und wunderte sich immer wieder über die teils heftigen Reaktionen, die er erntete. Bei mehr als 400 Passanten notierte er sich Gesichtsausdruck oder das, was sie ihm hinterherriefen. Nun hat er seine Erlebnisse im renommierten "British Medical Journal" zusammengefasst und zugleich die These aufgestellt, wo der Humor eigentlich herkommt.

90 Prozent aller Personen reagierten mit Gesten, etwa indem sie ihn anstarrten. Fast die Hälfte habe ihn auch angesprochen, berichtet er, mehr Männer als Frauen. Bei dem, was gesagt wurde, habe es einen enormen Unterschied zwischen den Geschlechtern gegeben. 95 Prozent der erwachsenen Frauen lobten oder ermutigten ihn, oder drückten ihre Sorge aus, er könne hinfallen. Nur 25 Prozent der verbal reagierenden Männer äußerten sich ebenso, 75 Prozent machten hingegen spöttische, höhnische oder herabsetzende Bemerkungen.

Die häufig vorhersehbaren Kommentare der Männer, etwa "Na, ein Rad verloren?", hätten ihn verblüfft, sagte Shuster. Von Frauen bekam er hingegen Sätze zu hören wie "Das sieht so einfach aus" oder "Fantastisch". Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis zwölf reagierten noch gleich - nämlich mit Neugier -, im Alter von 11 bis 13 versuchten manche Jungen sogar, ihn vom Einrad zu holen.

Mit zunehmendem Teenager-Alter seien die Reaktionen dann wieder stärker verbal geworden, die männlichen Passanten machten sich über ihn lustig. Männer im Erwachsenenalter hätten dann einfach nur noch witzige Bemerkungen gemacht, mit denen sie ihre versteckten Aggressionen kaschierten, erklärte Shuster. Den auffälligen Geschlechterunterschied erklärt er mit männlichen Hormonen wie Testosteron.

Besonders interessant für die Evolution des Humors sei die Beobachtung, dass ursprünglich aggressive Absichten in eine verbale Äußerung kanalisiert würden und mitunter als feinsinniger Witz endeten. Aus dem Faustschlag ist quasi ein Scherz geworden. Sprachlich ist das sogar naheliegend: Ein Witz muss sitzen genauso wie der Schlag eines Boxers. Punch line hießt die Pointe auf Englisch - und to punch heißt nichts anderes als schlagen.

"Auf den aggressiven Anteil im Witz hat schon Freud hingewiesen", sagte Alfred Messerli von der Universität Zürich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es gibt Witze über Ausländer oder Behinderte - da wird das aggressive Moment deutlich." Humor habe den Aspekt der Zerstörung des anderen in sich. "Man möchte den Gegner sozial vernichten", sagte der Witzforscher.

Dass Humor aber eine rein männliche Domäne ist, bezweifelt Messerli: "Es gibt sicher Geschlechterunterschiede, aber es wäre absurd, der Frau den Humor abzusprechen." Der Schweizer Forscher hat selbst jahrelang Grundschüler in Zürich beobachtet und befragt. Unter anderem interessierte er sich für Reime, mit denen andere Kinder oder die Lehrer verballhornt werden. "Die ganz bösen Reime kamen von Jungs", sagt Messerli. Er wisse aber nicht, ob die Mädchen nicht auch solche Sprüche nutzten und sich nur nicht getraut hätten, sie ihm zu sagen.

Die Aussage, dass Witze eigentlich von Aggressionen herrührten, sei jedenfalls nicht neu. Messerli findet das auf jeden Fall gut: "Das ist schon eine Kulturleistung, dass wir nicht drauflosschlagen, sondern sprachlich reagieren."

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