Astrologie Warum so viele Menschen an Horoskope glauben

Die Sterne stehen hoch im Kurs, gerade zum Jahreswechsel. Die Zahl derer, die an Horoskope glauben, nimmt eher zu als ab. Dafür gibt es psychologische Gründe - und vielleicht politische.

Steinbock-Sternzeichen
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Steinbock-Sternzeichen

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Eins vorab, auch wenn es an dieser Stelle zunächst verwirrend anmuten mag: Ja, Sterne und Planeten beeinflussen unser aller Schicksal.

Allerdings auf gleichzeitig komplexere und viel simplere Weise, als Astrologen uns das glauben machen wollen: Wäre die Mechanik des Universums, die des Sonnensystems nicht genau so, wie sie nun einmal ist, gäbe es uns nicht. Und wenn die Sonne eines Tages Lust auf Veränderung hat und sich in einen roten Riesenstern verwandelt, wird dies das Schicksal der dann auf der Erde lebenden Wesen aufs Grundsätzlichste beeinflussen.

Wenn in diesen Tagen aber wieder "die Sterne" konsultiert werden bei Fragen wie "Wird 2017 genauso mies?" oder "Wird er seine Frau mir zuliebe endlich verlassen?", gilt das Gleiche wie in den vergangenen Jahrtausenden: Was da behauptet wird, ist bestenfalls Literatur, oft harmlose Unterhaltung, schlimmstenfalls - selten - gefährlicher Blödsinn. In Japan zum Beispiel sollen ungünstige Horoskope schon mindestens einmal zu stark erhöhten Abtreibungsquoten geführt haben.

Zur Illustration ein paar simple Fakten. Wer dieser Tage seinen Geburtstag feiert, hat das Tierkreiszeichen Steinbock. Dieses Tierkreiszeichen enthält, je nach dem verwendeten System, etwa 26 bis 30 Sterne. Sein Hauptstern Delta Capricorni ist ungefähr 39 Lichtjahre von uns entfernt und damit der erdnächste unter ihnen. Der am weitesten entfernte Punkt der Konstellation ist Tau Capricorni, eigentlich eine Ansammlung von mindestens zwei, möglicherweise sogar drei Sternen. Tau Capricorni ist etwa 1140 Lichtjahre weit weg.

Fleißig und gewissenhaft: David Bowie, Lemmy Kilmister

Das Sternbild Steinbock als geschlossene, für das Schicksal einzelner Menschen bedeutungstragende Einheit zu betrachten, ist in etwa so, als suche man sich von Frankfurt aus Punkte in Bad Nauheim, Oslo, Stockholm und an 23 anderen Orten irgendwo dazwischen und erkläre diese dann zu einer "Konstellation", deren Gesamtheit irgendetwas mit der Persönlichkeit und Zukunft von in einem bestimmten Zeitraum geborenen Frankfurtern zu tun hat. Natürlich hinkt dieser Vergleich, denn erstens ist die "Konstellation" Steinbock räumlich noch ungleich komplexer, und zweitens bewegen sich alle ihre Bestandteile in Wahrheit immerzu.

Dennoch gibt es Menschen - Abermillionen von Menschen -, die glauben, dass "Steinböcke" beispielsweise "fleißig, geduldig und realistisch" sind. Was schon wieder lustig ist, wenn man weiß, dass zum Beispiel Lemmy Kilmister, David Bowie und Janis Joplin Steinböcke waren.

Trotzdem ist dieser Aberglaube, vertraut man Statistiken, in jüngerer Zeit eher wieder populärer geworden. Ein knappes Viertel der Deutschen - mehr Frauen als Männer übrigens - glauben diversen Umfragen zufolge, dass "die Sterne unser Leben beeinflussen". Hardcore-astrologiegläubig sind allerdings nur zwei Prozent.

In den USA ist es noch schlimmer: Dort sinkt die Zahl derer, die Astrologie für "vollkommen unwissenschaftlich" halten, offenbar. 2010 waren es noch 66 Prozent, 2012 nur noch knapp über die Hälfte der Bevölkerung. Die Vernunft hat auch hier keinen leichten Stand.

Das Horoskop des Serienmörders - klar, passt!

Eine historische Studie, 1985 in "Nature" publiziert, hat zweifelsfrei und unter aktiver Mitwirkung von Astrologen gezeigt, dass Astrologen - entgegen ihren eigenen Vorhersagen - anhand des Geburtsdatums keinerlei über den Zufall hinausgehende valide Aussagen über die Persönlichkeit einer Testperson machen können. Obwohl der Autor Shawn Carlson alle Wünsche von Astrologen hinsichtlich des Studiendesigns und der Auswertung umgesetzt hatte. Natürlich gibt es trotzdem Astrologen, die die Resultate bis heute anzweifeln.

Umgekehrt sind Testpersonen nicht in der Lage, aus einer Reihe von astrologischen Persönlichkeitsprofilen das für sie erstellte herauszufinden. Besonders anschaulich zeigte das der französische Psychologe und Astrologe Michel Gauquelin in den späten Sechzigerjahren: Er schickte an 150 Versuchspersonen ein angeblich persönliches Horoskop und fragte sie, wie sehr der Text auf sie persönlich zutreffe. Über 90 Prozent fanden sich darin wieder. Tatsächlich handelte es sich bei dem Text um ein echtes, von einem Astrologen erstelltes Horoskop - aber das zum Geburtsdatum des französischen Serienmörders Marcel Petiot.

Astrologie und totalitäre Systeme

Damit sind wir beim Kern des Glaubens an Astrologie: Die Vorhersagen und Aussagen, die da gemacht werden, sind so vage, dass sie sich fast immer halbwegs richtig anfühlen. Und wir Menschen glauben, wenn er nicht zu fies ist, nahezu jeden Blödsinn, den man uns über uns selbst erzählt. Für dieses Faktum gibt es sogar einen wissenschaftlichen Namen: "Barnum-Effekt", benannt nach, kein Witz, dem berühmten Zirkusdirektor.

Den schönsten experimentellen Beleg für den Effekt lieferte der US-Psychologe Bertram Forer schon im Jahr 1948. Er legte Studenten das angebliche Ergebnis eines Persönlichkeitstests vor, den sie zuvor ausgefüllt hatten, und ließ sie auf einer Skala von eins für "gar nicht" bis fünf für "sehr gut" beurteilen, wie gut das Ergebnis sie selbst beschreibe. Die Studenten vergaben im Durchschnitt mehr als 4,2 Punkte. Tatsächlich hatten alle Versuchspersonen das gleiche "Testergebnis" gelesen. Forer hatte es aus Versatzstücken komponiert, die er einem Zeitschriften-Horoskop entnommen hatte.

Man kann das alles harmlos und irrelevant finden, schließlich lesen die meisten Menschen Horoskope vermutlich eher zu ihrer Unterhaltung, als um ihr Leben danach auszurichten. Mindestens ärgerlich sind allerdings Artikel wie "Die beste Homöopathie für Euer Sternzeichen", die bis heute in namhaften deutschen Zeitschriften erscheinen.

Man kann die ungebrochene Popularität der Sterndeuterei aber auch, wie der verlässlich finstere Theodor W. Adorno, als Zeichen für die gefährliche Verführbarkeit der Menschen lesen. In einem erstmals 1957 - auf Englisch - erschienenen Aufsatz namens "The Stars Down to Earth" nahm Adorno die Texte der Astrologie-Kolumne der "Los Angeles Times" auseinander - und kam zu dem Schluss, dass Astrologie einiges mit totalitären Staaten gemeinsam habe. Beide behaupteten, "für alles einen Schlüssel zu besitzen, alle Antworten zu kennen, beide reduzieren das Komplexe auf einfache und mechanische Folgerungen und räumen alles beiseite, das seltsam und unbekannt ist, während sie gleichzeitig rein gar nichts erklären." Das kommt uns heute doch wieder erschreckend bekannt vor.

Die Menschen täten sich schwer damit, so der Adorno der Fünfzigerjahre, ihre umfassende Abhängigkeit von "menschengemachten Bedingungen" zu akzeptieren, weil sie sonst "Verantwortung übernehmen müssten, die heute extrem schwer zu übernehmen ist".

"Vielleicht", so Adorno , "projizieren sie ihre Abhängigkeit deshalb so gerne auf etwas anderes, sei es eine Verschwörung von Wall-Street-Bankern oder eine Konstellation von Sternen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 328 Beiträge
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Seite 1
chico 76 01.01.2017
1. Psychologische oder
politische Gründe für Astrologiegläubige? Möglicherweise neurologische Ursachen werden nicht in Betracht gezogen? Scheint nötig, zumindest bei jenen, die dafür Geld ausgeben oder ihr Leben danach ausrichten.
Höhlenbewohner 01.01.2017
2. Die Leute, die an Horoskope GLAUBEN, haben nichts verstanden.
Sagt ein Weitgereister: "Die Engländer haben eine andere Mentalität als die Italiener, die Briten sind nüchterner als die Römer, letztere sind gefühlsbetonter", so brauchen wir das nicht zu glauben, wir wissen, das ist eine Erfahrung, die ziemlich unbestritten ist. Was aber keinesfalls eine Aussage über den Einzelfall bedeutet. Es gibt auch feurige Engländer und kühle Italiener. Aber im Durchschnitt ist da etwas Wahres dran. Nun meint der Trottel, der sein ganzes Leben in seinem Dorf herumgesessen hat: "Das ist doch alles Aberglauben, die Leute sind überall gleich!" ´Nein, sind sie eben nicht: Fischgeborene sind im Durchschnitt anders als Löwegeborene, das ist genauso eine Erfahrung wie die mit den Nationaleigenschaften. Wer's nicht glauben will, soll hinfahren und sie kennenlernen!
hevopi 01.01.2017
3. Ich kann mir einfach nicht vorstellen,
dass ein Mensch, der ein wenig über unser Universum aufgeklärt ist, wirklich "Horoskopen" glaubt. Aber die Fantasie ist ja grenzenlos und wenn dann damit auch noch Geld verdient, Klasse.
HannesWurscht 01.01.2017
4. Präzession -> bis 20. Januar Geborene sind Schütze
Wäre schön diese "Problematik" auch noch in den Artikel hineinzunehmen. Denn seit der Erfindung der Astrologie haben sich die Sternzeichen durch die Erdrotation verschoben, so das wir fast schon ein ganzes Sternzeichen weiter sind als angenommen. Natürlich haben Astrologen für dieses Problem auch wieder komplexe und mindestens ebenso komplex absurde Erklärungen warum dies dennoch stimmt. Die geografische Lage und Orientierung der Erde habe demnach nichts mit den Sternzeichen zu tun - was wiederum andere Fragen aufwirft. Und letztlich sollte man allen bewusst machen, dass es eigentlich 13 Sternzeichen gibt. Das 13. wurde jedoch von der Astrologie einfach unterschlagen.
ed_tom_bell 01.01.2017
5. Back to the roots - zurück auf die Bäume
Wenn es stimmt, dass Astrologie eine wieder wachsende Anhängerschaft hat, würde sich damit ein Kreis schließen. Postfaktisches und Präfaktisches würde zusammen finden. Wer glaubt, das diese aus der menschlichen Perspektive ins All projizierten Bilder Macht über uns hätten, glaubt sicher so manches. Er mag Picasso für einen anmaßenden Farbkleckser halten, aber in dem unförmigen Klumpen vom Silvester-Bleigießen evidente Vorzeichen erblicken. Er mag auch glauben, dass die Erde in Wahrheit eine Scheibe ist, sich aber dennoch nicht wundern, dass seine Nachbarn von der Karibik-Kreuzfahrt wieder heimkehren. Er wird möglicherweise auch "die da oben" verfluchen, dass sie uns mit Chemtrails vergiften, aber nicht stutzen, wenn er im Winter selbst welche ausatmet und damit seine Nachbarn vergiftet. Aber da hilft Mundwasser. Er glaubt vielleicht auch an UFOs, ja Reichsflugscheiben, rassische Privilegien, Illuminaten, reptiloide Weltherrscher aus dem All und Donald Trumps Unbestechlichkeit. Wie dem auch sein mag, wenn er irgendwann dann doch mal seinen Kopf aus dem Sand oder noch lichtloseren Regionen ziehen sollte, wird die Wirklichkeit immer noch da sein. Und sie wird ihn umso härter treffen.
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