Hügelstadt Cahokia Amerikas mysteriöse Megacity

Es war die größte Stadt Nordamerikas: Vor 800 Jahren stand mitten in der Prärie des Mississippi-Gebiets eine pulsierende Metropole. Ihre Bewohner lebten auf künstlichen Hügeln, waren versierte Astronomen - und opferten junge Frauen zu Dutzenden. Woher kamen die Menschen von Cahokia?

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Wer um das Jahr 1200 den Oberlauf des Mississippi hinunterfuhr, sah zunächst tagelang nur Gras. Der Himmel mit seinen Wolkenformationen bot dem Auge mehr Abwechslung als das Land mit seiner Eintönigkeit bis zum Horizont. Doch dann tauchte in der Ferne eine Wölbung auf. Zunächst mehr ein Flimmern in der Luft als eine fassbare Form. Dann kamen die Menschen. Erst nur ein paar, in Kanus auf dem Fluss oder zu Fuß am Ufer, beladen mit Waren.

Als die Erhebung immer größer wurde und sich als eine Ansammlung von Hügel herausstellte, waren auch Frauen und spielende Kinder am Flussufer zu sehen - und hinter ihnen eine pulsierende Großstadt. Schiffer und Händler schrien sich Preise zu, Kanus legten an und ab, Träger brachten Waren zum Ufer und trugen auf dem Rückweg Ladung den Hügel hinauf. So in etwa könnte es einst in Cahokia ausgesehen haben, der einstmals größten Stadt auf dem nordamerikanischen Kontinent.

Zu einer Zeit, als in Europa noch nicht einmal die Großeltern von Christoph Columbus geboren waren und Kreuzzügler auf Jerusalem marschierten, lebten in der amerikanischen Megacity mehr Menschen als im damaligen London. Vorsichtige Schätzungen gehen von 10.000 bis 20.000 Einwohnern aus, wagemutige reden gar von 40.000. "Nur wer die Leute waren, wissen wir nicht", sagt Bill Iseminger, seit fast 30 Jahren Ausgräber in Cahokia. Den Namen bekam die Stadt, die im heutigen US-Bundesstaat Illinois liegt, von einem unbedeutenden Unterstamm der Illini, der allerdings erst im 16. Jahrhundert aus dem Osten an den Mississippi zog.

120 künstliche Hügel

Die Mississippians, wie die Ausgräber die Bewohner von Cahokia behelfsmäßig nennen, haben 120 künstliche Hügel in der Stadt errichtet. Der größte von ihnen, Monk's Mound, ist heute immer noch 30 Meter hoch und besitzt eine Grundfläche von 300 mal 240 Metern. Wie viel davon in den vergangenen 800 Jahren bereits der Erosion zum Opfer gefallen ist, weiß niemand. Manche nennen den Hügel jedenfalls die größte Pyramide der Welt.

Der Monk's Mound entstand nicht über Nacht. 300 Jahre lang, zwischen 900 und 1200, trugen die Einwohner von Cahokia Erde in Körben heran und bauten den Hügel Schicht um Schicht auf. Insgesamt müssen es rund 14 Millionen volle Körbe gewesen sein. Auf der Plattform an der Spitze stand eine prächtige Residenz, die vom gesamten Stadtgebiet aus sichtbar war. Vielleicht lebte dort ein Herrscher, vielleicht ein Priester. Jedenfalls nicht die französischen Mönche, von denen der Hügel seinen Namen bekam. Die nämlich kamen erst im frühen 19. Jahrhundert in die Stadt.

Ebenso geheimnisvoll wie seine Entstehung ist das Fundament, auf dem Monk's Mound errichtet wurde. Bei Arbeiten für ein Entwässerungssystem im Jahr 1998 stieß der Bohrer plötzlich auf Stein. Doch das war kein gewachsener Fels, es waren Brocken von Kalk- oder Sandstein. Solches Gestein aber kommt im gesamten Stadtgebiet nicht natürlich vor, sondern erst mindestens 13 Kilometer westlich, auf der anderen Seite des Flusses. Dazu kommt, dass die Mississippians keine großen Freunde von Steinen waren. Ihre Häuser bauten sie aus Holz und Lehm. Selbst in Gebieten, wo ihnen Steine zur Verfügung gestanden hätten, nutzten sie diese nicht als Baumaterial. Warum also machten sie sich die Mühe, Steine von weit her zu schleppen, um dann eine Erdpyramide darüber zu bauen?



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