Archäologie Hundekrieger im Blutrausch

Uralte Mythen berichten von Banden junger Männer, die als "Hundekrieger" plündernd, vergewaltigend und mordend umherzogen. Gab es sie wirklich?

"Am ehesten ähnelten die gefundenen Hunde wohl dem Husky", sagen die Archäologen
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"Am ehesten ähnelten die gefundenen Hunde wohl dem Husky", sagen die Archäologen


Eigentlich gilt der Hund als bester Freund des Menschen - doch das ist er nicht immer. Hat er sich einmal aus der menschlichen Gemeinschaft entfernt und mit anderen wilden Hunden zu einem Rudel zusammengeschlossen, wird er unberechenbar, feindselig und aggressiv.

Dieses Motiv des wilden Hunde- oder auch Wolfsrudels findet sich in den Mythen vieler indoeuropäische Kulturen wieder, etwa bei den Kelten oder den Germanen. Dort steht es als Metapher für kriegerische Banden junger Männer, die losgelöst von gesellschaftlichen Verpflichtungen zwischen Pubertät und jungem Erwachsenenalter plündernd, vergewaltigend und mordend durch die Lande ziehen.

Viele Sagen beschreiben auch ein Initiationsritual für die Aufnahme in diesen Bund: Durch das Verspeisen von Hunde- oder Wolfsfleisch sollen die Männer die Identität der Tiere annehmen. Doch gab es solche Outlaws und ihr blutiges Ritual wirklich?

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In der russischen Steppe hat der Archäologe David Anthony vom Hartwick College im US-Bundesstaat New York jetzt die Reste einer solchen Zeremonie aus der Bronzezeit gefunden.

Die Tierknochen in der Siedlung Krasnosamarskoe, rund 40 Kilometer südöstlich der Stadt Samara, ergaben ein seltsames Bild: Knapp die Hälfte aller gefundenen Knochen aus der Zeit zwischen 1900 und 1700 vor Christus stammte von Hunden oder Wölfen, der Rest zu etwa gleichen Teilen von Rindern, Schafen oder Ziegen. Es waren allesamt Speisereste: Die Tiere wurden nach ihrem Tod über dem Feuer geröstet, das Fleisch von den Knochen getrennt und verspeist - auch das der Hunde.

Nun galten Hunde und Wölfe bei den Menschen der Srubna-Kultur, zu der Krasnosamarskoe gehörte, keineswegs als gängige Speise. In anderen Siedlungen machen ihre Knochen in der Regel weniger als ein Prozent der gefundenen Menge aus. Als Nahrungsmittel in Zeiten der Not dienten die Tiere wohl auch nicht, glauben die Archäologen. Denn satt wurde niemand - die Hunde wurden in Krasnosamarskoe systematisch in kleine Häppchen zerhackt, die meisten davon gerade einmal zwischen drei und sieben Zentimeter im Durchmesser.

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Um das genau zu ergründen, zählten die Forscher die Einzelteile: Beim Hund kamen sie auf durchschnittlich 54 Stücke pro Tier, bei viel größeren Rindern mit etwa 23 Teilen auf nicht einmal die Hälfte, bei Schafen und Ziegen auf 20 Teile und Schweine teilten die Menschen damals sogar nur in acht Bratenstücke pro Tier.

Während alle übrigen Tierrassen das gesamte Jahr hindurch getötet wurden, starben die Hunde und Wölfe in Krasnosamarskoe nur, wenn der Winter kam. Anhand der Schichten der Zahnwurzeln konnte die Biologin Anne Pike-Tay ergründen, dass von 15 untersuchten Hunden vierzehn in der kalten Jahreshälfte ihr Ende fanden: acht im Herbst oder Winter, drei in der Mitte des Winters und drei im Spätwinter oder Anfang Frühling. Nur ein Hund scheint im Spätsommer gestorben zu sein - möglicherweise eines natürlichen Todes.

Starben die anderen für ein Ritual? Viele indoeuropäische Mythen erzählen von jungen Männern, die - manchmal sogar in Hunde- oder Wolfsfelle gekleidet - marodierend durch die Lande ziehen. Luperci oder Suodales heißen sie auf Latein, in Griechenland sind es die Kouroi oder Epheben, die Kelten kennen sie als Fian, die Germanen als Männerbünde oder Jungmannschaften und im Indischen sind sie als Vratyas oder Maruts bekannt.

Straffreiheit bei Diebstahl und sexuellen Übergriffen

Die Jugendlichen müssen den Mythen zufolge für eine Zeit die Gemeinschaft verlassen, ohne Recht auf Land oder Besitz. Dafür genießen die "Hunde" besonderen Rechtsstatus. Germanische, lateinische, iranische, keltische und griechische Gesetzestexte erwähnen explizit, dass Diebstahl, Plünderungen und sexuelle Übergriffe auf fremde Frauen während dieser Zeit straffrei blieben.

Bevor im antiken Sparta männliche Jugendliche dem Bund der Epheben beitreten durften, opferten sie zunächst dem uralten Kriegsgott Enyalios einen Hund. Und besonders anschaulich beschreibt der römische Politiker Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Christus) das Fest der Lupercalia - das "Wolfsfest". Es sei, so Cicero, das älteste römische Ritual überhaupt und stamme aus einer Zeit "lange vor Zivilisation und Recht". Jedes Jahr am 15. Februar opferten die Römer einen Wolf und einen Ziegenbock. Männliche Jugendliche mit adliger Abstammung schmierten sich das Wolfsblut auf die Stirn, rannten nackt umher und schlugen Mädchen, die auf eine baldige Schwangerschaft hofften, mit Hautstreifen der geopferten Ziege.

Bei den Kelten und in germanischen Mythen kehrten die Hundekrieger mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter in ihre Dörfer zurück - und mussten erst einmal baden. In der isländischen Völsunga-Saga verbrannten sie ihren Wolfspelz. "Die nordischen Berserker werden manchmal als wolfshäutig bezeichnet, ebenso wie irische und indische Krieger", führt Anthony an. "Und die Namen von Königen enthielten oft das Wort Hund oder Wolf."

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Ob derartige Aktivitäten auch in Krasnosamarskoe stattfanden, können die Archäologen nicht aus den Knochen ablesen. Interessant ist aber das Alter der geopferten Hunde und Wölfe. Bei den meisten handelte es sich um ältere Tiere, einige starben erst mit zehn bis zwölf Jahren - allesamt gut gepflegt und gut ernährt. Es könnte sich, mutmaßt Anthony in seiner Studie, um Hunde gehandelt haben, mit denen die Jugendlichen aufgewachsen waren: "Einen alten, vertrauten Hund umzubringen, möglicherweise sogar den eigenen, könnte ein emotional bedeutender erster Tötungsakt im Leben der Jungen gewesen sein, die lernen sollten, zu Kriegern zu werden", schreibt er.

Hunde und Wölfe unterschied Anthony anhand der Größe der Knochen, "auch wenn beide auf genau dieselbe rituelle Art getötet und verzehrt wurden." Mit heutigen Hunderassen sind sie aber genetisch nicht vergleichbar. "Am ehesten ähnelten sie vom Aussehen wohl dem sibirischen Husky oder dem Alaskan Malamute."

Anthony ist überzeugt, dass es noch weitere archäologische Belege für die Initiationsriten der jungen Hunde- und Wolfskrieger gibt. So wurden unlängst in einer spätbronzezeitlichen Siedlung am unteren Don auffällig viele Hundeknochen entdeckt. Eine genaue Auswertung steht allerdings noch aus. Und in dem rund 3000 Jahre alten schwedischen Königsgrab von Kivik lag gar kein König - sondern mehrere Jugendliche zwischen 13 und 15 Jahren. Die Malereien an den Wänden, vermutet Anthony, weisen auch sie als angehende Hundekrieger aus. "Möglicherweise wurden vergleichbare Stätten schon gefunden", argumentiert Anthony. "Sie wurden nur bislang noch nicht entsprechend interpretiert."

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andjessi 27.09.2017
1. Halbstarke in der Steinzeit
Zu anderen Zeiten fuhren sie halt Mofas, hörten Hiphop oder machten Blödsinn bei der JU. Nach einer “Waschung“ und einer Phase der Reinigung wurden die jungen Männer wieder in die Gesellschaft aufgenommen. Nix neues also.
mimas101 28.09.2017
2. Hmm
Als ich den spannenden Artikel gelesen habe fiel mir doch glatt die Sage von Romulus und Remus ein (man weis ja, 2 Buben wurden ausgesetzt (findet man schon in der Bibel übrigens), von einer Wölfin gefunden und gesäugt und plötzlich gründeten sie dann Roma in Bella Italia auf Sieben Hügeln (ich glaube auch die Zahl Sieben ist irgendwas mit heilig)). Haben also vielleicht umherstreunende Hundegourmets (Wölfe waren wohl auch heilig) während ihrer Lehr- und Wanderjahre die Stadt Rom gegründet und im Laufe der Zeit wurde ihnen dann ein Heiligenschein angedichtet, so frei nach dem Motto: Gottheiten machen eher was her als ein paar herumvagabundierende verdreckte Halbstarke die mal so nebenbei ein Weltreich aus der Taufe hoben?!?
Miere 28.09.2017
3. Faszinierend.
Ich weiß leider viel zu wenig über den ganzen Themenkreis. Von irischen und germanischen Hundekriegern und "Werwölfen" hatte ich gehört, aber dass es sowas auch in Griechenland, im Iran und Indien gab ist mir neu. Ein Buch zur Sache, mit den erhaltenen Quellen, Vergleichen dazwischen und den neuen Funden wäre bestimmt spannend.
Pelao 28.09.2017
4. Es ist erst einmal erstaunlich ...
... wie es doch möglich ist, Mythen und Legenden so zu interpretieren dass es einen kulturgeschichtlichen Sinn ergibt. Romulus & Remus und die anderen erwähnten Besipiele, der Wolf im Märchen, der hinter den Großmüttern und Rotkäppchen her ist ... alles ergibt einen Sinn ... (vergleichbare Ansätze gibte es wohl auch zum Rattenfänger aus Hameln) ... Was mich aber weitaus am meißten erstaunt ist, dass die geschlachteten Hunde in der Regel 12 Jahre alt wurden, und das ohne Premium Hundfutter ... das allein zeigt, was der Mensch seinem treuesten Begleiter angetan hat ... Heutige Qualzüchtungen sind nach 7-10 Jahren verschlissen und mit 12 Jahren ist kaum ein Hund noch wohlgenährt sondern im vollsten Abbau begriffen ...
herjemine 28.09.2017
5. Ja was barbarisches muss her!
...die Hunde wurden ende Herbst, anfang Winter getötet. Und zwar die Alten. Nun haben unsere Vorfahren hiermit vielleicht auch ihre Jungmannen ein wenig "firmen" wollen. Vor allem ging es ihnen aber darum, alte, in ihren Lebensumständen unnütze Mitesser welche den Winter ohnehin nicht überleben würden, von dengemeinsamen Vorräten fernzuhalten. Und wenn man(n) dann noch ein wenig Protein zu sich nehmen kann, warum nicht? Auch Hundeflöhe beissen Menschen wenn kein leckerer Hund zur Verfügung steht. Also: wissenschaft auf unterstem Niveau um Fördergelder einzustreichen.
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