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Hunger in der Welt: Wie zehn Milliarden Menschen satt werden könnten

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Weizen-Ähren: Wachsen bei minimalem Wasserverbrauch Zur Großansicht
REUTERS

Weizen-Ähren: Wachsen bei minimalem Wasserverbrauch

Eine Weltkarte zeigt, wie sich der Hunger in der Welt besiegen ließe, trotz rasanten Bevölkerungswachstums und ohne Schäden für die Umwelt. Auch Deutschland könnte dazu beitragen.

Immer mehr Menschen ernähren, ohne die Umwelt zusätzlich zu belasten - das klingt nach einem unrealistischen Plan. Derzeit hungern etwa eine Milliarde Menschen. Gleichzeitig belastet die Landwirtschaft die Umwelt stark; Nutzpflanzen brauchen Wasser, Dünger und Platz.

Künftig wird sich das Problem noch verschärfen. Laut Hochrechnungen sollen bis spätestens 2050 drei Milliarden mehr Menschen auf der Erde leben als heute, insgesamt 10 Milliarden. Eine von Bonner Wissenschaftlern erstellte Weltkarte zeigt nun, wie man die Weltbevölkerung mit Nahrung versorgen könnte und welche konkreten Maßnahmen in welchen Regionen den größten Zuwachs an Nahrungmitteln bringen würden.

Drei Punkte sind demnach entscheidend: Mehr Nutzpflanzen müssten auf bereits existierenden Äckern gepflanzt werden, die Pflanzen effektiver gedüngt und gezüchtet und die Ernte sinnvoller genutzt werden. "Wir haben die Strategien identifiziert, mit denen wir je nach Region die größtmögliche Wirkung erzielen können", sagt Stefan Siebert von der Universität Bonn.

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3  Bilder
Hunger und Umwelt: Nahrung für Milliarden
Die Forscher hatten Geodaten aus der Landwirtschaft ausgewertet. Etwa die Größe von Feldern und den Ertrag, den Verbrauch von Wasser und Dünger. Ihr Schwerpunkt lag auf den 17 bedeutendsten Nutzpflanzen, die 86 Prozent der aus Saatgut gewonnenen Kalorien liefern. Darunter Reis, Mais, Weizen, Zuckerrohr und Baumwolle.

Hauptschauplatz der ungenutzten Möglichkeiten sind demnach China, Indien, Brasilien, die USA, Indonesien und Pakistan zusammen mit Europa, berichten die Forscher im Fachmagazin "Science". Auch in Deutschland gebe es Potenzial für Verbesserungen. Allerdings würden diese für viele Menschen Opfer bedeuten: Ernten müssten stärker genutzt werden, um aus ihnen direkt Nahrung herzustellen, statt Tiere für die Fleischproduktion zu füttern, schreiben die Forscher. Weltweit umgesetzt ließen sich laut der Studie so vier Milliarden Menschen zusätzlich ernähren.

Die Ergebnisse im Detail:
Science/ AAAS

Mehr Nahrungslieferanten auf existierenden Äckern

Eines der entscheidenden Ziele ist, die Ernteerträge zu erhöhen, etwa durch bessere Anbaumethoden und neue Technologien. In Deutschland ist man hier schon sehr weit: Landwirte erzielten bereits etwa 80 bis 90 Prozent der Erträge, die unter den gegebenen Boden- und Klimaverhältnissen möglich sind, berichtet die Universität Bonn.

Anderswo ist das Potenzial riesig: Hier könnten Bauen durch besseren Anbau zehnmal mehr ernten. Oder anders gesagt: Derzeit bleiben 90 Prozent ihres Erntepotenzials ungenutzt. "Wenn wir diese Lücke auf 50 Prozent schließen, könnten wir rund 850 Millionen Menschen zusätzlich ernähren", erklärt Siebert.

Die Grafik zeigt, in welchen Gegenden der Ertrag noch deutlich gesteigert werden kann. Etwa die Hälfte des Potenzials liegt laut den Berechnungen der Forscher in Afrika, der überwiegende Rest in Asien und Osteuropa. Großversionen der Grafiken finden Sie in der Fotostrecke.

DPA

Nutzpflanzen effektiver düngen

20 bis 35 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen gehen auf die Landwirtschaft zurück. Ein entscheidender Teil entsteht bei Brandrodungen im Regenwald, Methan wird vor allem durch Wiederkäuer ausgeschieden und entsteht beim Reisanbau, Stickstoffoxid beim Düngen.

Indem weniger gerodet und gezielter gedüngt wird, lassen sich Umweltschäden vermeiden und mehr Menschen ernähren. Gleich fünf Staaten sind hier in der Pflicht:

- Bei den Brandrodungen halten Brasilien und Indonesien den Negativrekord. Ein Drittel des Verlustes von Regenwald zwischen den Jahren 2000 und 2012 gehe auf das Konto Brasiliens, berichtet die Universität Bonn. Indonesien folge mit 17 Prozent auf Platz 2. Da Rodungen den Klimawandel und die Ausbreitung von Wüsten beschleunigen, gelten sie als Gefahr, die weitere Menschen in den Hunger treiben könnte.

- China, Indien und die USA sind laut der Studie die größten Düngerverschwender. Global betrachtet überschritten 60 Prozent der Einsätze mit Stick- und 50 Prozent der Einsätze mit Phosphordüngern den Nährstoffbedarf von Nutzpflanzen. Meist werden Reis, Weizen und Mais überdüngt.

Science/ AAAS/ West et al.

Weniger Wasserverbrauch durch Gentechnik

Die Grafik zeigt, in welchen Regionen der Welt besonders effektiv an den einzelnen Stellschrauben gedreht werden kann. Demnach ließe sich Wasser vor allem in Indien, Pakistan, China und den USA einsparen. Diese Staaten nutzen für ihre Sprinkleranlagen derzeit viel Wasser aus Gegenden, wo die Ressource knapp ist und daher besonders kostbar.

Um Wasser einzusparen, könnten in den Regionen vermehrt Nutzpflanzenarten angebaut werden, die Wasser besonders effektiv nutzen und daher weniger zum Wachsen brauchen, schreiben Siebert und Kollegen. So ließe sich der Wasserbedarf bei der gleichen Anbaumenge um 8 bis 15 Prozent reduzieren.

Insgesamt entfallen gut 70 Prozent des globalen Süßwasserbedarfs auf die Landwirtschaft. Reis und Weizen brauchen unter den untersuchten Sorten zum Wachsen das meiste Wasser. Einen entscheidenden Beitrag, um das zu ändern, könnte eine weitere aktuelle Studie leisten: Im Fachmagazin "Science" haben Forscher den ersten Entwurf des genetischen Bauplans von Brotweizen vorgestellt. Brotweizen ist das dritthäufigste Getreide der Welt nach Mais und Reis und wird auf einer größeren Fläche als jede andere Nutzpflanze angebaut.

Das Brotweizengenom soll als Grundlage dienen, um die Pflanzen noch gezielter genetisch zu verändern. So ließen sich Ertrag, Kornqualität, die Anfälligkeit für Krankheiten und Schädlinge sowie die Empfindlichkeit gegen Trockenheit, Hitze und Kälte steuern und der Wasserbedarf reduzieren. Ziel sei es, eine neue Generation von Weizensorten zu produzieren, die der wachsenden Bevölkerung und veränderten Umwelt gerecht wird, schreiben die Forscher.

Science/ AAAS

Die Ernte sinnvoll nutzen

Die Grafik zeigt, welche Regionen besonders verschwenderisch mit pflanzlichen Kalorien umgehen (rot gefärbt) - entweder, weil sie mit ihnen Tiere ernähren oder Bioenergie produzieren.

Die Menge Kalorien, die die Welt derzeit an Tiere verfüttert, könnte vier Milliarden Menschen versorgen, schreiben Siebert und Kollegen. Vor allem Mais lande in Tiermägen, und das hauptsächlich in den USA, China und Westeuropa - auch in Deutschland. Das Problem: Kein Tier setzt Nahrung hundertprozentig in Fleisch, Milch oder Eier um. Die Produktion einer tierischen Kalorie kostet deshalb mehr Ressourcen als drei pflanzliche Kalorien.

Den Forschern ist klar, dass sie an diesem Punkt auf Gegenwehr stoßen: Die meisten Menschen möchten nicht auf Fleisch verzichten. Aus Tierfutter Nahrung für den Menschen zu machen, könne aber die Funktion eines Sicherheitsnetzes einnehmen, wenn die Nahrung durch extremes Wetter oder Pflanzenplagen knapp werde, so Siebert und Kollegen.

Die zweite große Chance, die wachsende Bevölkerung zu ernähren, sehen die Forscher im Bereich weggeworfener Lebensmittel. Ein Drittel bis die Hälfte der Nahrungsmittel weltweit landet im Müll. Vor allem bei tierischen Produkten gehen dadurch wertvolle Kalorien verloren: Landet ein Kilo Rindfleisch in der Tonne, entspricht das der Energiemenge, die in 24 Kilogramm Weizen steckt.

Allein der Nahrungsmittelmüll aus den USA, China und Indien könne 400 Millionen Menschen satt werden lassen, schreiben Siebert und Kollegen. Die Müllmenge dieser Staaten haben die Forscher bis ins Detail untersucht. Demnach reicht die in den einzelnen Staaten weggeworfene Kalorienmenge pro Person von weniger als drei Kilokalorien in Indien bis zu 290 Kilokalorien in den USA.

Mit Material von dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 138 Beiträge
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1. Höhere Erträge
Christian Weiss 17.07.2014
bedeutet aber auch eine Abkehr vom bei den Deutschen so verklärten "Bio" hin zu Gentechnik. Gerade "Bio" ist wegen des Nährstoffkreislaufes auf die Kooperation mit Viehwirtschaft angewiesen.
2. Fleischkonsum
Stefan B. 17.07.2014
Wieviel Liter Wasser und wieviel Kilo Getreide braucht man für ein Kilogramm Fleisch? Würde man das direkt verzehren statt so ineffizient verfüttern, wären allen geholfen.
3. Schwachsinn !
aschu0959 17.07.2014
Da wird mal wieder das Pferd vom Schwanz aufgezäumt: Das Problem besteht nicht in der mangelnden Nutzung der Böden oder dem Ertrag der Pflanzen. Das Problem ist die Zahl der Menschen auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen !
4. falsche Annahme, gefährliche Sichtweise
mebschmw 17.07.2014
Nett gerechnet. Nur leider wurde dabei etwas Entscheidendes übersehen: Immer die knappste Recource limitiert den Erfolg. Und das ist in der mittel- und langfristigen Betrachtung Phosphor. Ohne Phosphor im Dünger wächst nicht einmal soviel, dass wir die heutige Menschheit ernähren könnten. Und Phosphor steht leider nicht mehr lange in ausreichender Menge und Konzentration zur Verfügung. Nicht mehr ist die Lösung von mehr, sondern weniger. Geburtenkontrolle ist humaner als verhungern lassen! Die Menschheit darf nicht mehr wachsen. Wir sind jetzt schon untragbar für diesen Planeten. Und wir haben nur diesen einen!
5. optimistisch
sustainopreneur 17.07.2014
ich halte mich an eine weisheit von ghandi 'für jeden ist genug da, nur nicht für jedermanns gier'... wenn wir als gemeinschaften dies mehr berücksichtigen, bin ich ebenfalls optimistisch. danke für den positiven artikel. und man weiß inzwischen auch, dass es weltweit schon mehr überernährte als unterernährte menschen gibt und dass so viele lebensmittel vergeudet werden, wegwerfen aus überfluss in industrieländern, verderben aufgrund mangelnder aufbewahrung/logistik/etc. (zb in indien) dazu kommt noch der in vielen ländern überbordende (bereits ungesunde) fleischkonsum. ich glaube, dass sogar mit viel nachhaltigeren produktionsmethoden praktisch alle menschen zugang zu ausreichender ernährung erhalten können. ein gutes ziel für alle, wie ich finde (verringert zb auch migrationsströme). daneben sollte man vielen menschen auch noch mehr die möglichkeit der verhütung näherbringen. ist gleich mehr freiheit, über die eigene reproduktion zu entscheiden. das scheitert mM nach vor allem an überholten religiösen vorstellungen. wünschen wir uns viel kraft für veränderungen.
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