Hungern für die Schönheit Jedes zweite Mädchen tut's

Die Angst vor dem Dickwerden greift auch bei ganz jungen Mädchen um sich: Rund 60 Prozent aller weiblichen Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr haben mindestens einmal eine Diät zur Gewichtsreduzierung gemacht.


Hannover - Das berichtete der Präsident der Ärztekammer Niedersachsen, Heyo Eckel, am Mittwoch auf einer Fachtagung in Hannover. Grund sei das westliche Schlankheitsideal mit seinen manchmal fast wahnhaften Zügen, das auch zur Verbreitung von krankhaften Essstörungen beitrage. Nach Angaben der Experten leiden allein in Deutschland mindestens 220.000 Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren an Magersucht (Anorexie) oder Ess-Brechsucht (Bulimie). Bei rund 16,8 Prozent der Betroffenen verläuft die Krankheit tödlich.

Begünstigend für Essstörungen wirkt nach den Worten von Eckel ein niedriges Selbstwertgefühl. Den Betroffenen fehle in der Regel eine Krankheitseinsicht, so dass die Diagnose oft erst lange Zeit nach dem Ausbruch der Krankheit gestellt werde. Die jährlichen Gesamtkosten für Anorexie und Bulimie in Deutschland wurden auf bis zu 553 Millionen Mark beziffert.

Essstörungen haben meist soziale Ursachen und können am effektivsten psychologisch behandelt werden, wie Burkhard Jäger von der Medizinischen Hochschule Hannover erläuterte. Oft hätten die Betroffenen Vernachlässigung oder sexuellen Missbrauch erleiden müssen. Falls es eine Depression als Begleiterkrankung gebe, könne sie mit Medikamenten therapiert werden.

Männer seien von Essstörungen seltener betroffen, weil sie unter dem Schlankheitsideal nicht so leiden würden. Beim Ballett oder im Hochleistungssport gebe es aber auch magersüchtige Männer.

Die Selbstaushungerung durch Magersucht ist nach Ansicht von Professor Friedhelm Lamprecht aus Hannover ein Produkt der Wohlstandsgesellschaft. Die Krankheit gebe es nicht in der Dritten Welt, sondern nur, wo Nahrung im Überfluss vorhanden sei. Während es Magersucht früher nur in der Oberschicht gegeben habe, sei die Krankheit jetzt in allen Schichten vertreten.



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