Archäologie Wo Hunnen und Römer voneinander lernten

Im fünften Jahrhundert waren Hunnen und Römer keine Freunde. Doch auf dem Gebiet des heutigen Ungarn scheinen sie zumindest zeitweise friedlich zusammengelebt zu haben.

Hunnen-Schädel
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Hunnen-Schädel


Die Hunnen gelten als marodierende Reiterhorden, die den Untergang des Römischen Reichs einleiteten. Nun berichten Archäologen aber, dass Hunnen und Bauern in der Grenzprovinz Pannonien, dem Gebiet des heutigen Ungarn, anscheinend friedlich zusammenlebten und voneinander profitierten - zumindest für eine gewisse Zeit.

Untersuchungen von Friedhöfen zeigen, dass zumindest einige Siedler ein nomadisches Hirtenleben übernahmen und umgekehrt manche Hunnen sesshafte Bauern wurden.

"Das 5. Jahrhundert war entlang der nördlichen und östlichen Grenze des Römischen Reichs eine Phase weitreichender Veränderungen", schreibt das Team um Susanne Hakenbeck von der englischen University of Cambridge im Fachblatt "Plos One" . Zeitgenössische Quellen berichten von kriegerischen Reiterhorden, die Siedlungen entlang der Donau angriffen und mitunter bis in das Gebiet des heutigen Frankreich einfielen.

Vor allem Getreide, Gemüse und Hülsenfrüchte

Um die Beziehungen zwischen den Hunnen und den einheimischen Bauern zu klären, untersuchten die Forscher fünf Friedhöfe in Pannonien und Umgebung aus dem 5. Jahrhundert. Dabei analysierten sie die Zähne und Knochen auf eingelagerte Isotope von Kohlenstoff, Stickstoff, Strontium und Sauerstoff. Dies verglichen sie als Referenz mit Gräbern aus dem damals bäuerlich geprägten Mitteldeutschland und dem nomadischen Zentralasien.

Das Verhältnis der Isotope gibt Aufschluss über die Ernährung, woraus die Forscher dann die Lebensweise ableiteten. "Einfach ausgedrückt können wir untersuchen, ob Hirten Bauern wurden und ob Hunnen sesshafte Bewohner Pannoniens wurden", schreiben sie.

Demnach bestand die Ernährung der Bauern hauptsächlich aus Getreide, Gemüse und Hülsenfrüchten. Fleisch stand eher selten auf dem Speiseplan. Im Gegensatz dazu aßen die nomadischen Hunnen viel Fleisch, gelegentlich Fisch und große Mengen Hirse.

Nomaden wurden Bauern, Bauern wurden Nomaden

Auf sämtlichen Friedhöfen fanden die Forscher Beispiele für eine bäuerliche wie auch für eine nomadische Lebensweise. Vor allem aber fanden sie Hinweise darauf, dass Menschen ihre Ernährung plötzlich umstellten - und zwar in beide Richtungen. "Der Wandel der Wirtschaft zeigt eine Lebensweise, die wir für diese Zeit nirgendwo sonst in Europa finden", so Hakenbeck. Die Hunnen brachten demnach eine neue Lebensweise in die Region, die von manchen Menschen - zumindest teilweise - übernommen wurde. Umgekehrt fanden demnach manche Hirten Gefallen am bäuerlichen Leben.

Weitere Resultate stützen diese Interpretation: Die auf den Friedhöfen gefundenen Menschen hatten eine sehr unterschiedliche Herkunft - und zwar unabhängig davon, ob die Gräber noch auf dem Gebiet des Römischen Reiches lagen oder außerhalb davon. Die Strontium-Analysen zeigen, dass 30 bis 50 Prozent der Menschen nicht aus jener Gegend stammten, in der sie beigesetzt waren.

Überraschend ähnliche Grabbauten

In den Grabbauten schlug sich das nicht nieder. Die Gräber waren überraschend ähnlich. Das galt auch für jene Bestatteten, die die für Hunnen typische künstliche Schädeldeformation hatten - durch Bandagieren des Hinterkopfs in der Kindheit wurde der Hinterschädel verlängert.

"Während sich schriftliche Berichte aus dem letzten Jahrhundert des Römischen Reiches auf Aufruhr und Gewalt konzentrieren, deuten unsere Daten an, dass die Menschen in den Grenzgebieten zu einem gewissen Grad zusammenlebten und kooperierten", sagt Hakenbeck.

"Der Zustrom nomadischer Gruppen ins östliche Mitteleuropa im 5. Jahrhundert mag enormen politischen Aufruhr und Gewaltepisoden verursacht haben", schreibt das Team. "Aber Isotopen-Belege zeigen, dass die Menschen Strategien fanden dies abzumildern und dass sie möglicherweise sogar von den Veränderungen profitierten, indem sie ihre Wirtschaftsweise änderten."

wbr/Walter Willems, dpa

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