"Irma" und Florida Katastrophe mit Ansage

Immer mehr Menschen - und immer mehr Geld, das in Häusern, Jachten und Infrastruktur steckt: Florida ist in den vergangenen Jahren anfälliger für teure Sturmschäden geworden. Jetzt kommt "Irma".

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Die Warnung des obersten Katastrophenschützers war eindrücklich. "Irma", so erklärte Brock Long am Freitag werde die USA "verwüsten" - "entweder Florida oder einige der Bundesstaaten im Südosten". Long leitet die Katastrophenschutzbehörde Fema, die derzeit nur noch wenig Zeit für die letzten Vorbereitungen hat, bevor der Hurrikan ab dem Wochenende seine zerstörerische Kraft über Amerikas Territorium beweisen wird - mit Windgeschwindigkeiten von 250 km/h, Stand Freitagnachmittag.

Teile von Florida könnten tagelang ohne Strom auskommen müssen, Hunderttausende Menschen auf Notunterkünfte angewiesen sein, so Longs düstere Prognose. Erste Stürme dürften am Samstag kommen, das Zentrum des Wirbelsturms dann wohl am Sonntag.

Nun könnte man vermuten, dass man sich auskennt mit Wind in Florida. Was man aussitzen kann, sitzt man aus - und wenn nicht, weisen überall präsente blau-weiße Schilder auf Evakuierungsrouten und Schutzräume hin. Aktuell sind aber Hunderttausende vor "Irma" auf der Flucht. Viele Straßen sind verstopft. Die Behörden haben sich nur deswegen vorerst dagegen entschieden, alle Autobahnfahrstreifen für den Verkehr nach Norden zu nutzen, weil sie bis zur letzten Minute Versorgungsgüter und Sprit nach Süden bringen wollen. Zum Teil fahren die Tankwagen mit Eskorte der Florida Highway Patrol.

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Wenn die Menschen im Bundesstaat an einen verheerenden Sturm denken, dann ist oft vom Hurrikan "Andrew" die Rede. Der hatte vor ziemlich genau 25 Jahren 65 Menschenleben gefordert. Rund 63.000 Häuser wurden damals zerstört, der Schaden lag bei 50 Milliarden Dollar, wenn man den heutigen Geldwert ansetzt.

Nun dürfte "Irma", so schätzen Experten, womöglich noch deutlich höhere Schäden anrichten - und dabei spielt es noch nicht einmal eine so große Rolle, wo genau der Sturm im Detail entlangziehen wird. Der Rückversicherer Swiss Re hat kürzlich ausgerechnet: Wenn "Andrew" heute auf demselben Pfad zöge wie 1992, würden die Schäden bei 100 Milliarden Euro liegen. Und dieser Sturm hatte einen deutlich geringeren Durchmesser als "Irma". Oder um es mit dem Meteorologen Bryan Norcross auszurücken: Der herannahende Hurrikan hat "ein komplett anderes Level".

Gerade der Süden Floridas hat in den vergangenen Jahren einen massiven Bauboom erlebt. Die Landschaft wird vielerorts immer mehr zersiedelt, sechs Millionen Einwohner - so viel wie insgesamt in der Metropolregion Miami leben - sind seit Anfang der Neunzigerjahre dazugekommen - oft Rentner auf der Suche nach einem milden Winterquartier.

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Warum tun sie das, wo doch immer wieder Stürme Verwüstung über Florida gebracht haben? "Menschen vergessen schnell", sagt Megan Linkin von Swiss Re. "In den Zwanzigern, Dreißigern und Vierzigern ist Miami ein Ort gewesen, der oft von Hurrikans heimgesucht wurde." Nur in der Phase des größten Baubooms habe es wenige Wirbelstürme gegeben - und diese Phase gehe nun wohl zu Ende.

Einerseits sind Floridas Bauvorschriften nach "Andrew" verschärft worden - gefordert sind etwa bruchsichere Fenster oder Fensterläden sowie besondere Sicherungen, damit Dachmaterial nicht herumfliegen kann. Von einem "schlauen und durchdachten Ansatz", spricht Linkins Kollege Nikhil da Victoria Lobo.

Andererseits stehen da einfach deutlich mehr Häuser wo früher keine standen. Und 70 Prozent der Bausubstanz stammten aus der Zeit vor der Verabschiedung der neuen Regeln, erklärt Shahid Hamid von der Florida International University, wo in einem riesigen Windkanal die Stabilität verschiedener Bauten bis zu Windgeschwindigkeiten von 250 km/h getestet wird.

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Hurrikan "Irma": Florida in Gefahr

Und der Run auf die vermeintlich attraktiven Küstenregionen dürfte sich weiter fortsetzen. Nach einer Schätzung des Congressional Budget Office leben aktuell 1,2 Millionen Amerikaner in Gebieten am Meer, die dem Risiko "substanzieller Schäden" durch Hurrikans ausgesetzt sind. Bis zum Jahr 2075 werden es vermutlich zehn Millionen sein.

"Viele Menschen in Florida sind unzureichend gegen Überschwemmungsschäden versichert", Klimaexperte Ernst Rauch vom Rückversicherer Munich Re. Bei Versicherungen gegen Stürme liegen die Quoten dagegen hoch. Bei Policen gegen Überschwemmungen habe es dagegen zuletzt noch einmal einen deutliche Rückgang gegeben, zitiert die Nachrichtenagentur AP aus Zahlen der Katastrophenschutzbehörde Fema. Die Quote in den Küstengebieten Floridas liege bei 42 Prozent.

Teuerster Sturm in der US-Geschichte?

Sturm und Wasser - "Irma" wird beides bringen. Doch wenn man weiß, dass nur ein Drittel der Häuser Schutz vor Wasser hat, wird das auch gesamtwirtschaftlich zu einem Problem. Irgendwer muss die Rechnung am Ende bezahlen. Und Hurrikanforscher Brian McNoldy von der University of Miami befürchtet, dass "Irma" leicht zum teuersten Sturm in der US-Geschichte werden könnte.

Und noch ein Problem stellt sich: In Florida sind immer größere Werte konzentriert - in den Häusern, den Jachthäfen, der Freizeitinfrastruktur. "Das Wachstum exponierter Werte liegt deutlich über dem Bevölkerungswachstum", sagt Rauch. "Das bedeutet, dass die Verwundbarkeit sinken muss, sonst steigt das Gesamtrisiko für Schäden."

Wie aber lässt sich die Verwundbarkeit langfristig senken, wenn doch in den vergangenen Jahren genau das Gegenteil passiert ist? Wenn Hochhaus um Hochhaus gebaut wurde in Regionen, die auch schon bald mit den Folgen steigender Meeresspiegel zu kämpfen haben werden? "Man muss sich Gedanken darüber machen, was hier gesellschaftlich erwünscht ist", formuliert es Versicherungsmann Rauch bewusst vorsichtig.

Und Swiss-Re-Manager da Victoria Lobo sagt, man müsse "Entwicklung und Risiko ausbalancieren." Einfach dürfte das kaum werden - zumal wenn Entscheidungsträger wie Präsident Donald Trump Anwesen direkt am Ozean haben, auf die sie auch in Zukunft kaum verzichten wollen werden.



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