Hydratforscher Im Meer sprudeln spektakuläre Gasquellen

Die Abgründe des Schwarzen Meeres sind nicht nur kalt und dunkel, sie beherbergen auch seltsame Strukturen. Deutsche Meeresforscher sind in 180 Meter Tiefe auf gewaltige Energiespeicher gestoßen.


Bei der Untersuchung gefrorener Erdgasspeicher am Boden des Schwarzen Meeres hat das Forscherteam spektakuläre Gaswolken entdeckt. "In 180 Meter Tiefe haben wir heftige Austritte von Methangas aus meterhohen Carbonat-Schornsteinen beobachtet", sagt Expeditionsleiter Walter Michaelis.

Wolken unter Wasser: "Solche Mengen wurden bisher noch nie gesichtet"
REUTERS

Wolken unter Wasser: "Solche Mengen wurden bisher noch nie gesichtet"

Mit 30 Kollegen aus vier Ländern ist der Forscher von der Universität Hamburg auf dem russischen Forschungsschiff "Professor Logachew" südwestlich der Halbinsel Krim unterwegs. Die Forscher untersuchen unter anderem gefrorene Gasspeicher, so genannte Methanhydrate.

Bei Methanhydraten handelt es sich um feste, eisartige Verbindungen von Wasser und Gas. Sie bilden sich unter hohem Druck und bei niedrigen Temperaturen, vor allem in der Tiefsee und in den sibirischen Permafrostböden.

Die gefrorenen Erdgasspeicher enthalten nach Schätzungen der Forscher weltweit mehr Energie als alle Lagerstätten von Erdöl, Erdgas und Kohle zusammen. Aufgetaut könnten sie eines Tages die derzeitigen Energiequellen ersetzen, zumindest aber ergänzen.

Als Aufsehen erregend stufte Michaelis eine weitere Entdeckung ein: In der Umgebung der Gaswolken befinden sich im sauerstofffreien Wasser mehr als zehn Zentimeter dicke Matten aus Mikroorganismen. Die Lebewesen, die sich von Methangas ernähren, konnten von den Forschern an Bord gebracht werden.

Auf einer Fläche von nur einem Quadratmeter seien über 20 Kilogramm Biomasse gefunden worden. "Solche Mengen wurden bisher noch nie gesichtet", so Michaelis. Die urzeitlichen Organismen, die in Spuren auch im Carbonatgestein zu finden sind, spielten eine wichtige Rolle im Methankreislauf des Meeres.

Die Arbeiten im Untersuchungsgebiet, das etwa so groß wie Niedersachsen ist, hatten erst am vergangenen Wochenende begonnen. Neben einem Greifer mit Fernsehkamera setzen die Forscher auch ein Tauchboot ein, das bis in eine Tiefe von 400 Metern vordringen konnte. Noch bis Ende Juli dauern die Erkundungen von Methanhydraten im Schwarzen Meer. Es ist das erste deutsche Forschungsprojekt in ukrainischen Gewässern seit sechs Jahren.

Auch wenn Methanhydrate, deren Vorkommen auf mehrere Billionen Kubikmeter geschätzt werden, als Energiequelle der Zukunft gelten, an eine Erschließung der Lagerstätten ist zunächst wohl nicht zu denken.

Erst wenn die Förderung von Erdöl und Erdgas auf ein kritischen Maß zurückgegangen sind, könnten die Hydrate ins Spiel kommen - zu groß ist derzeit noch der Aufwand, der für ihre Förderung vonnöten ist.



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