Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Hypnose im OP-Saal: In Trance unters Messer

Von Ute Eberle

Während ihr die Haut vom Gesicht gezogen wird, wandelt die Patientin in Gedanken durch einen Blumengarten. An der Universitätsklinik von Lüttich ist Hypnose eine Alternative zur Vollnarkose, ein wirksames Verfahren – wenn man dafür empfänglich ist.

Mitten in der Operation öffnet die Patientin plötzlich die Augen. Da ist Jean Fissette, der Chirurg, bereits eine gute Stunde an ihrem Gesicht zugange. Er hat die Haut von der rechten Schläfe bis zum Ohr aufgeschnitten und sie bis zur Nase abgezogen, sodass das rohe Fleisch der Wangen bloßlag. Dann hat er sie straffgezogen und mit sorgfältigen Stichen wieder festgenäht. Blut sickerte in die blonden Locken der Frau und tropfte von dort auf Fissettes Schuhe. Es hat auch seine behandschuhten Hände bereits gründlich verschmiert, dabei ist die Schönheitsoperation erst halb vorbei – die linke Seite muss noch geliftet werden.

Als die Patientin die Augen öffnet, verharrt Fissette. Maske und Haube verdecken den größten Teil seiner Mimik, sie lassen nur ein paar faltenumkränzte Augen frei. Aus diesen blickt er die Patientin prüfend an. Er sagt keinen Ton.

Bei einer normalen Operation wären die offenen Augen eine Katastrophe – ein Zeichen dafür, dass der Cocktail aus Betäubungsmitteln zu niedrig dosiert war und die Patientin vorzeitig aus der Narkose gedriftet ist. Doch das hier ist keine normale Operation. Zwar hängt die Patientin an einem Tropf, aber sie ist nicht narkotisiert. Sondern hypnotisiert.

Sie liegt in einem modernen Universitätskrankenhaus in der belgischen Stadt Lüttich und wird von Ärzten betreut, für die Vollnarkosen Routine sind – auch bei Eingriffen wie dem ihren. Dennoch hat sie sich dagegen entschieden. Stattdessen verlässt sie sich auf die Methode von Heilern im antiken Babylon, von Schamanen und Medizinmännern. Eine Methode, bei der selbst Experten bis heute streiten, wie sie funktioniert – und ob sie überhaupt funktionieren kann.

Auf Kopfhöhe der Patientin steht ein CD-Spieler, aus dem sanfte Musik und Vogelgezwitscher plätschern. Daneben sitzt Marie Elisabeth Faymonville, die Narkoseärztin, die an diesem Morgen das Hypnotisieren übernommen hat. Die Professorin hat kastanienbraune Locken, trägt eine golden eingefasste Brille und strahlt die unerschütterliche Souveränität einer erfahrenen Lehrerin aus. Sie hält die Hand der blonden Patientin und versichert ihr immer wieder mit beruhigender Stimme: "Sie liegen ganz entspannt, Sie fühlen sich ganz wohl", während sie gleichzeitig ein scharfes Auge auf die Monitore hält, die piepend und grün flickernd Herzschlag, Atemfrequenz und Puls der Operierten vermelden.

"Bitte schließen Sie die Augen wieder", sagt Faymonville nun. Die Frau auf dem Operationstisch gehorcht. Der Chirurg hebt wieder das Skalpell.

Seit 14 Jahren setzen Faymonville und ihre Kollegen immer wieder Hypnose ein, um Patienten, die das möchten, eine Vollnarkose zu ersparen, bisher schon rund 5100 Mal. Damit verzichten sie durchschnittlich siebenmal pro Woche darauf, einen Menschen mit sinnesraubenden Medikamenten voll zu pumpen und versetzen ihn stattdessen in einen Trancezustand, in dem er von seiner Umwelt – den Messern, den Nadeln, dem zertrennten Gewebe – nichts mitbekommt. Während die Patienten tschilpenden Vögeln oder rauschenden Wellen lauschen, brechen die Mediziner mit Hammer und Meißel Nasen und setzen sie formschön wieder zusammen; sie schneiden Brüste auf und schälen Tumore heraus, schnippeln an Schilddrüsen und entfernen Gebärmütter. "Die Langzeitwirkungen von Vollnarkosen sind ja noch gar nicht gut erforscht", sagt Faymonville. "Wenn man sie vermeiden kann, sollte man das tun."

In Deutschland und anderswo wird Hypnose auch zunehmend angewandt, um Rheuma- und Migränepein zu lindern, Angstpatienten beim Zahnarzt zu entspannen, Verbrennungsopfern den Verbandswechsel zu erleichtern, posttraumatischen Stress zu therapieren, werdenden Müttern eine medikamentenfreie Geburt zu ermöglichen, Schlafprobleme zu kurieren, Stress zu bewältigen sowie um Rauchentzug und Diäten zu unterstützen. Die Deutsche Gesellschaft für Hypnose – ein Verband, der sich 1982 mit 24 Mitgliedern gründete – wuchs in den vergangenen Jahren auf rund 700 Angehörige, unter ihnen Kinderärzte, Internisten und Gynäkologen.

  • 1. Teil: In Trance unters Messer
  • 2. Teil
Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Hypnose im OP: In Trance unterm Messer

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: