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Hirnforschung: Neuronales Netzwerk schafft das Ich 

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Menschen sind sich ihrer selbst bewusst. Wie dieses Ich-Bewusstsein entsteht, versuchen Forscher seit langem zu entschlüsseln. Nun wirft ein besonderer Patient ihre Erkenntnisse durcheinander: Der Mann erkennt sich selbst, obwohl ihm entscheidende Hirnstrukturen fehlen.

Gehirn von Patient R.: Alle drei Hirnregionen, die das Ich-Bewusstsein steuern, sind defekt Zur Großansicht
Department of Neurology / University of Iowa

Gehirn von Patient R.: Alle drei Hirnregionen, die das Ich-Bewusstsein steuern, sind defekt

Hamburg - Patient R. hat ein besonderes Gehirn: Dort, wo bei anderen Menschen das Ich-Bewusstsein verankert ist, befindet sich bei ihm nur Flüssigkeit. Im Jahr 1980 hatte sich der heute 57-Jährige eine schwere Hirnhautentzündung zugezogen. Seitdem kann er nicht mehr allein leben und leidet an Gedächtnisschwund.

Trotzdem erkennt R. sich selbst auf alten Fotos oder im Spiegel. Damit verstößt er gegen vieles, was man bislang über das Ich-Bewusstsein zu wissen glaubte: Statt in drei Gehirnregionen, entsteht das Bewusstsein für das Selbst offenbar in einem diffusen Netzwerk aus Nervenzellen und kann keinem Hirnareal allein zugeordnet werden.

Bislang galten die Inselrinde, der fordere Teil des sogenannten Gyrus Cinguli und der mittlere präfrontale Cortex als Zentrum der Selbstwahrnehmung. Alle drei Bereiche sind im Gehirn von Patient R. stark beschädigt. Dennoch nehme er sein eigenes Verhalten als solches wahr und reflektiere es, ein besonders charakteristisches Merkmal menschlicher Selbstwahrnehmung, berichten Forscher im Fachmagazin "PLos One". Carissa Philippi von der University of Iowa testete das Ich-Bewusstsein des 57-Jährigen. "Im Interview habe ich ihn etwa gebeten, sich zu beschreiben", sagt sie. "Er sagte, er sei wie jeder andere Mensch, nur habe er ein schlechteres Erinnerungsvermögen."

Das Gehirn des Patienten enthält nur noch etwa zehn Prozent der Inselrinde und ein Prozent des vorderen Teils des Gyrus Cinguli. Das übrig gebliebene Gewebe sei mutiert und kaum mehr mit dem restlichen Gehirn verbunden. "Glaubt man älteren Studien, müsste Patient R. ein Zombie sein", sagt David Rudrauf, Mitautor der Studie. Doch der ungewöhnliche Patient verhalte sich normal. Bemerkbar machten sich die Lücken in seinem Gehirn allerdings in der Gedächtnisleistung: Neue Erinnerungen etwa kann er seinem autobiografischen Gedächtnis nicht hinzufügen.

Wo genau sich das Zentrum des Ichs befindet, bleibt unklar

Die Forscher vermuten nun, dass statt der bisher bekannten drei Hirnareale bei der Selbstwahrnehmung Nervenfasern aus ganz unterschiedlichen Teilen des Gehirns beteiligt sind. Unter anderem auch aus dem evolutionär alten Hirnstamm und dem Thalamus, der Informationen filtert, bevor sie ans Bewusstsein weitergegeben werden. "Patient R. zeigt, dass die Entstehung des Ich-Bewusstseins nicht auf einen Bereich des Gehirns beschränkt werden kann", sagt Rudrauf.

Erstmals kamen den Wissenschaftlern im Jahr 2009 Zweifel an der Ich-Bewusstsein-Theorie. Damals stellten sie fest, dass Patient R. seinen eigenen Herzschlag fühlen kann. Auch diese Fähigkeit soll von der Inselrinde und dem vorderen Teil des Gyrus Cinguli gesteuert werden, die dem Patienten fehlen.

"Wir haben hier einen Menschen, dem alle Teile des Gehirns fehlen, die typischerweise für das Ich-Bewusstsein verantwortlich gemacht werden. Trotzdem hat er ein Selbstgefühl", sagt Justin Feinstein, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Neurowissenschaftler fangen offenbar gerade erst an zu verstehen, wie das menschliche Gehirn das Ich-Bewusstsein entstehen lässt."

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