"Ig-Nobel-Preis" Männer in Gorilla-Kostümen bleiben unsichtbar

Wer sagt, dass man mit bizarrer Forschung keinen Erfolg haben kann? Studien zu furzenden Fischen, Männern in Gorillakostümen oder der Suizid-Gefahr durch Countrymusik können sogar den Nobelpreis einbringen - zwar nicht den Nobelpreis, dafür aber den "Ig-Nobel Price", der jetzt zum 14. Mal verliehen wurde.

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Gorilla im Kongo: Vorbild für Faschingsverkleidung
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Im 14. Jahr seiner Existenz hat der "Ig-Nobel-Preis" offenbar einen Berühmtheitsgrad erreicht, der Forscher dazu treibt, gezielt auf die Auszeichnung hinzuarbeiten. Wie sonst wäre es zu erklären, dass jemand die physikalische Dynamik des Hula-Hoop erklärt? Ramesh Balasubramaniam von der University of Ottowa und Michael Turvey von der University of Connecticut haben genau das getan - und konnten dafür jetzt den Ig-Nobel-Preis (von ignoble, was so viel heißt wie schmachvoll oder unehrenhaft) für Physik entgegennehmen.

Die Verleihung im Sanders-Theater der amerikanischen Harvard University ist für Wissenschaftler mittlerweile eines der Highlights des Jahres, eine Show, die stets Wochen im Voraus ausverkauft ist. Die "Annals of Improbable Research", eine Art Zentralorgan des Merkwürdigen in der Wissenschaft, vergibt den Preis - und hat schon so manche Koryphäe von internationalem Ruf zu unverhofften Ehren verholfen.

Tatsächlich haben die meisten Preisträger ihre Kuriositäten in Fachorganen publiziert, die sonst eher selten mit humoristischen Beiträgen glänzen. "Die Koordinationsmodi in der multisegmentalen Dynamik des Hula-Hoop" etwa erschien im Fachblatt "Biological Cybernetics".

Formel-1-Rennfahrer Juan Pablo Montoya und  Rubens Barrichello beim Karaoke: Lektion in Sachen Toleranz
DPA

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Steven Stack und James Gundlach von der Wayne State University in Detroit wiederum reichten einen viel beachteten Artikel im Journal "Social Forces" ein: "Der Effekt von Countrymusik auf Selbstmorde". Die beiden Forscher stellten die These auf, Countrymusik treibe ihrer Hörer mit der immerwährenden Thematisierung von Eheproblemen, Alkoholsucht und Entfremdung in den Freitod. Der Lohn der Forschergroßtat: Der Ig-Nobel-Preis für Medizin.

Über die in diesem Jahr preiswürdige Biologie-Entdeckung hatte auch SPIEGEL ONLINE aktuell berichtet: südpazifische Heringe, die sich furzend im Dunkeln verständigen - und sogar über drei Oktaven blähen können. Während die Biologie-Ehrung also beinahe erwartungsgemäß erfolgte, gewann den Friedenspreis in diesem Jahr ein krasser Außenseiter: Daisuke Inoue aus Hyogo (Japan) für die Erfindung des Karaoke. Der Laien-Gesang sei "ein ganz neuer Weg, Menschen beizubringen, einander zu tolerieren", meinte die Jury.

Der Wirtschaftspreis gebührte dem Vatikan - ausgerechnet für seine Sparsamkeit. Mag der Papst noch so pompös Hof halten, sein Kirchenstaat wurde für die höchst ökonomische Idee des Outsourcings von Gebeten geehrt. Die Zentrale in Rom hatte katholischen Kirchen in den USA per E-Mail Geistliche in Indien vermittelt, die anstelle der überlasteten US-Priester Messen für Tote, Kranke und andere Beistandswürdige lasen.

Papst Johannes Paul II: Gebete nach Indien ausgelagert
REUTERS

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Der Chemie-Preis ging ebenfalls an ein Weltunternehmen: Die Coca-Cola-Gesellschaft in Großbritannien bekam die Auszeichnung für die Idee, Leitungswasser in Flaschen zu verkaufen und dies mit einem besonderen Reinigungsprozess zu rechtfertigen - auch wenn das Wässerchen wenig später wegen zu großer Belastung mit Bromverbindungen vom Markt verschwinden musste.

Daniel Simons von der University of Illinois in Urbana-Champaign und Christopher Chabris von der Harvard University gelang im gleichen Jahr der bahnbrechende Beweis, dass Menschen ziemlich viel übersehen können, wenn sie sich sehr auf etwas konzentrieren. Selbst ein Mann im Gorillakostüm konnte, wie die Forscher zeigten, unbemerkt vorbei schleichen.



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