Verleihung der Satire-Nobelpreise Wenn der Chef schreit, zerstören Sie einfach eine Voodoo-Puppe

Wie misst man eine Erektion im Schlaf, taugt Speichel als Reinigungsmittel und wie verändert eine Fliege den Geruch von Wein? Forscher haben an der US-Universität Harvard die schrägsten Studien des Jahres gefeiert.

Hanyu Liang (r.) und ihr Team bekamen den Ig-Nobelpreis für Wirtschaft
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Hanyu Liang (r.) und ihr Team bekamen den Ig-Nobelpreis für Wirtschaft

Von Lena Puttfarcken


Die Psycholinguistin Jean Berko Gleason kommt auf die Bühne des Harvard Sanders Theaters, beugt sich zum Mikrofon - und spricht Deutsch. Verwirrung und Gelächter im Saal, war die Zeremonie bisher doch auf Englisch. "Falsche Rede", sagt die Forscherin dann, lacht und hält dann die traditionelle Willkommensrede. "Welcome, welcome", sagt sie auf Englisch - aus mehr Wörtern besteht die Begrüßung dann nicht.

Damit wurde die 28. Verleihung der Ig-Nobelpreise eröffnet, die jährlich von der Organisation Improbable Research ausgerichtet wird. Die Zeremonie fand am Donnerstagabend in der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, in den USA statt. 1100 Zuschauer sahen zu, wie Forschung geehrt wurde, die Menschen "erst zum Lachen und dann zum Nachdenken" bringt.

Der Name Ig-Nobelpreis leitet sich von einem Wortspiel ab: ignoble heißt auf Deutsch unwürdig. Dabei ist die prämierte Forschung an sich seriös, die Forscher arbeiten an Universitäten auf der ganzen Welt. Doch im Gegensatz zu anderen Studien, wirken die Gewinnerstudien auf den ersten Blick schräg bis bizarr.

Wie heilt man ein gebrochenes Herz?

Forscher aus Kanada, China, Singapur und den USA haben etwa herausgefunden, dass es vom Chef terrorisierten Arbeitnehmern hilft, Voodoo-Puppen zu zerstören, die dessen Initialen tragen. "Für die Menschen fühlt sich das an, als würde Gerechtigkeit hergestellt", sagte Forscherin Lindie Hanyu Liang. Sie nutzte die Bühne für einen Dank an ihren ehemaligen Chef - "weil er mich alles darüber gelehrt hat, wie man mit übergriffigen Vorgesetzten umgeht".

US-Forscher fanden zudem heraus, dass Achterbahnfahren helfen kann, Nierensteine über den Harnleiter in die Blase zu befördern.

Der Ig-Nobelpreis wurde dieses Mal in Form eines großen Plastikherzens mit Stethoskop vergeben. Überreicht wurde er wie in jedem Jahr von mehreren echten Nobelpreisträgern.

Thema des Abends war das Herz, zu erkennen an der Trophäe. So wurde eine Herz-Oper in mehreren Akten aufgeführt, in der Kinder von einem Bee-Gees-Song inspiriert werden, ein gebrochenes Herz zu heilen ("How Can You Mend a Broken Heart"). Dafür bauen sie ein Herz, zerstören es anschließend und versuchen, es zu reparieren. Sie scheitern und kommen zu dem Schluss: Hier ist mehr Forschung nötig.

Moderator Abrahams versprach den Gewinnern der Ig-Nobelpreise einen "herzhaften Händedruck", Glückwünsche "von ganzem Herzen" und nutzte jedes Wortspiel aus, das das Wort Herz ermöglichte. Unter den echten Nobelpreisträgern fand sich auch der Ökonom Oliver Hart - wobei sein Nachname genau wie englisch heart, "Herz", ausgesprochen wird.

Übersetzung in die Sprache des Käses

Neben der Preisverleihung gab es Science Slams, Papierflieger-Schlachten und eine mehrsprachige Simultanübersetzung auch in die Sprachen Deutsch, Russisch und die Sprache des Käses. Bei Letzterer reihte der Übersetzer einfach Käsesorten hintereinander.

Nach eineinhalb Stunden waren alle Preise vergeben, alle Akte der Oper gesungen und nur eines fehlte: die traditionelle Abschiedsrede. Wieder kam Jean Berko Gleason auf die Bühne, um die Worte "Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen" zu sagen. Marc Abrahams fügte noch hinzu: "Wenn Sie heute Abend keinen Ig-Nobelpreis gewonnen haben - und vor allem, wenn Sie einen gewonnen haben - mehr Glück im nächsten Jahr!"

Alle zehn Gewinner der 28. Ig-Nobelpreise sind:

Medizin: Wissenschaftler aus den USA fanden heraus, dass Achterbahnfahrten die Passage von Nierensteinen beschleunigen. Das bedeutet, dass die Nierensteine ohne äußere Einwirkung ihren Weg vom Harnleiter in die Harnblase finden. Am effektivsten erwies sich eine Fahrt auf den hinteren Sitzen des Achterbahnwagens.

Anthropologie: Schwedische Forscher beobachteten Schimpansen in einem Zoo und entdeckten: Die Schimpansen ahmten die Zoobesucher nach - und umgekehrt. Beide Spezies imitierten etwa zehn Prozent der Bewegungen der anderen Spezies.

Biologie: Eine einzige Fruchtfliege kann ein Glas Wein ruinieren - vorausgesetzt, sie ist weiblich. Das fand ein internationales Forscherteam heraus, zu dem auch ein Deutscher gehörte. Weibliche Fruchtfliegen produzieren einen Geruchsstoff, den Menschen schon in kleinsten Mengen wahrnehmen. Fallen sie in ein Glas Wein, konnten die Versuchspersonen - Weintester aus Baden - das erkennen. Getestet wurde übrigens mit Pinot Blanc aus Freiburg.

Chemie: Wissenschaftler aus Portugal haben untersucht, wie gut sich menschlicher Speichel eignet, um dreckige Oberflächen zu säubern.

Medizinstudium: Ein japanischer Wissenschaftler hat erforscht, ob er eine Darmspiegelung bei sich selbst durchführen kann. Das Ergebnis: Ja. Der Wissenschaftler setzte sich dafür auf einen Stuhl vor einen Spiegel und verwendete ein kleines, flexibles Koloskop (das Gerät, mit dem die Darmspiegelung durchgeführt wird).

Literatur: Nur wenige Menschen lesen die Bedienungsanleitung von komplizierten Geräten, fanden australische Forscher heraus. Zudem kennen die meisten nicht alle Funktionen dieser Geräte - die Forscher sehen da einen Zusammenhang. Besonders selten greifen junge und gebildete Menschen zur Anleitung.

Ernährung: Ein britischer Forscher hat berechnet, dass eine kannibalistische Ernährung für Menschen deutlich kalorienärmer ist als die meisten anderen fleischbasierten Ernährungen. Das könnte die Sicht auf Kannibalismus in der Altsteinzeit verändern, als noch Gefahr bestand, zu wenig Kalorien aufzunehmen.

Frieden: Spanische Wissenschaftler haben untersucht, wie oft Autofahrer schreien und fluchen, mit welcher Motivation sie das tun und welche Auswirkungen es auf sie hat.

Fortpflanzungsmedizin: Drei Forscher aus den USA haben eine Methode entwickelt, um einfacher zu untersuchen, ob Impotenz-Patienten nächtliche Erektionen haben - mithilfe von Briefmarken. Eine Erektion bei Nacht kann bei Impotenz darauf hindeuten, dass das Problem psychisch bedingt ist und keine organische Ursache hat.

Wirtschaft: Wenn Angestellte von ihrem Chef schlecht behandelt werden, beispielsweise beschämt oder angeschrien, können sie das Bedürfnis entwickeln, sich zu rächen. US-Forscher haben herausgefunden, dass es ihnen helfen kann, eine Voodoo-Puppe mit den Initialen des Chefs zu zerstören.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes stand, Nierensteine würden ihren Weg von der Harnröhre in die Blase finden. Gemeint war der Harnleiter. Wir haben das korrigiert.

insgesamt 4 Beiträge
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Freier.Buerger 14.09.2018
1. Fortpflanzung, Wirtschaft, Fachkräftemangel...
Neue Studie gefordert: vielleicht hilft das Einstechen auf die Voodoo-Puppe mit den Initialen des Chefs auch bei Erektionsproblemen.
fletcherfahrer 14.09.2018
2. Kontraproduktiv!
"Medizin: Wissenschaftler aus den USA fanden heraus, dass Achterbahnfahrten die Passage von Nierensteinen beschleunigen. Das bedeutet, dass die Nierensteine ohne äußere Einwirkung ihren Weg von der Harnröhre in die Harnblase finden. Am effektivsten erwies sich eine Fahrt auf den hinteren Sitzen des Achterbahnwagens." Gottseidank sind es "Wissenschaftler" (?) und keine Urologen. Warum sollte ein Nierenstein von der Harnröhre zurück in die Blase befördert werden? Es ist wohl der Harnleiter zwischen Niere und Blase gemeint. Ist ein Unterschied wie Chlorophyll und Chloroform.
freigeistiger 14.09.2018
3. Vermeintliche Satire ist nich immer Satire
Oft ist es Nichtverstehen. Der Effekt bei der Voodoo-Puppe kann eintreten wer dass einzeln macht zum Stressabbau. Angesammelter Stress ohne Ausgleich kann zu Burn Out und zu Depressionen führen. Benutzen Mehrere zusammen die Voodoo-Puppe entsteht ein atmosphärischer Druck auf den Chef durch die veränderte Einstellung und das unbewusste veränderte Verhalten der Mitarbeiter ihm gegenüber. Voodoo ist eine Form des Mobbing.
Fantastic 16.09.2018
4.
Mit Speichel läßt sich Dreck entfernen. Für diese Erkenntnis gibt es einen Preis? Das wußte schon meine Großtante. Die hat immer in ein Taschentuch gespuckt und mir das Gesicht abgewischt. Ekelhaft! Manche Erkenntnisse sollten verboten werden.
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