Boston - Manchmal muss man im Namen der Forschung leiden. David Darby weiß das. Der Australier war Teil eines Wissenschaftlerteams um den Neurologen Peter Snyder, das herausfinden wollte, wie starker Harndrang die menschliche Entscheidungsfähigkeit beeinflusst. Also trank Darby - und trank und trank. Und er verbot sich den Gang zur Toilette, drei Stunden lang. Er hielt es damit länger aus als all seine Kollegen.
Jetzt sind die Forscher dafür mit dem Ig-Nobelpreis für eine der skurrilsten Forschungsarbeiten des Jahres geehrt worden. Denn die Toiletten-Tortur hatte durchaus einen wissenschaftlichen Hintergrund - insbesondere wenn man Wissenschaft so versteht, dass sie manchmal eben auch empirische Bestätigung für Dinge liefert, die man sich so oder so ähnlich auch schon vorher gedacht hat. Oder Dinge, die vollkommen sinnlos erscheinen.
Snyders Team wollte herausfinden, welche Folgen eine zum Bersten gefüllte Blase außer der drängenden Pein sonst noch hat. Dabei stellten die Wissenschaftler fest: Wer sehr dringend aufs Klo muss, kann sich nicht mehr so gut konzentrieren. Die Aufmerksamkeitsspanne sowie die Entscheidungsfähigkeit, so lautete das Fazit der publizierten Studie im Fachjournal "Neurourology and Urodynamics", seien bei voller Blase ähnlich stark herabsetzt wie bei einem niedrigen Alkoholspiegel im Blut oder bei 24 Stunden Schlafentzug.
"Wenn die Menschen einen Punkt erreichen, an dem sie es vor lauter Schmerzen nicht mehr aushalten können, dann ist das, wie betrunken zu sein", sagt Snyder, der an der Brown University in Rhode Island arbeitet.
Die Ig-Nobelpreise werden von der Elite-Universität Harvard alljährlich in mehreren Kategorien vor den "richtigen" Nobelpreisen verliehen und von echten Nobelpreisträgern überreicht. Die Veranstaltung hat längst Kultcharakter und ist für die Wissenschaftler eine große Sause. Skurrile Künstlerauftritte sind ebenso Programm wie das Umherwerfen von Papierflugzeugen. Ebenso eine beliebte Besonderheit: Die Preisträger haben nur 60 Sekunden Zeit, um ihre Dankeshymnen auszusprechen. Wer es nicht rechtzeitig schafft, wird ausgebuht.
Warnung mit Wasabi-Note
Schämen tut sich längst keiner mehr, der mit dem Ig-Nobelpreis geehrt wird. Im Gegenteil. Zwar handelt es sich bei den Erkenntnissen eben nicht gerade um Nobelpreis-verdächtige Ergebnisse. Und doch steckt immer der besondere Clou hinter den wissenschaftlichen Errungenschaften. Wie etwa auch in der Erfindung eines japanischen Teams, das einen Feueralarm entwickelt hat - der nach Wasabi riecht.
Den Geruchsfeueralarm haben die Forscher schon zum Patent angemeldet. Darin steckt wahrlich Tüftelarbeit: Die Wissenschaftler mussten herausfinden, in welcher Konzentration das Wasabi-Aerosol ausströmen muss, damit es schlafende Menschen aufweckt. "Der Geruch ist hilfreich als Feueralarm für taube Menschen, die mit konventionellen Methoden wie Geräuschen, Vibrationen oder Blitzlicht nicht zu wecken sind", sagen die Forscher. Dabei hatten sie als möglichen Geruchs-Wecker nicht nur die scharfe Wurzel im Sinn: Mehr als 1000 Aromastoffe testeten sie dafür - darunter auch beispielsweise den von faulen Eiern.
Auch der Bürgermeister der litauischen Hauptstadt Vilnius, Arturas Zuokas, konnte sich über einen Ig-Nobelpreis freuen, in der Kategorie Frieden: Zuokas wurde für seinen ruppigen Umgang mit Parksündern ausgezeichnet, nachdem er die Autos öffentlichkeitswirksam mit einem Panzer überfahren hatte. "Ich fand einfach, dass es Zeit war, den Rücksichtslosen, die keinen Respekt vor den Rechten anderer haben, eine Lektion zu erteilen", sagte er. Inzwischen sei die Stadt zu den konventionellen "und langweiligen" Methoden wie Strafzetteln und Abschleppen zurückgegangen. Er warnte jedoch, sein Panzer stehe immer noch bereit.
Preisträger Karl Teigen erforschte, warum die Menschen seufzen und gewann damit den Preis in der Kategorie Psychologie. Praktische Anwendungsmöglichkeiten für seine Forschung sieht er nicht - und verkörpert damit wohl am besten den Geist der Ig-Nobel-Preise. Ausgezeichnet wurden auch der vergebliche Versuch, Schildkröten zum Gähnen zu bringen und ein Experiment zur Frage, warum Hammerwerfern nicht schwindlig wird.
Ebenso skurril mutet das Experiment des Biologen-Teams um Darryl Gwynne und David Rentz aus Australien, Kanada und den USA an: Sie interessierten sich für das Paarungsverhalten einer bestimmten australischen Käferart. Offenbar haben die Insekten bei der Suche nach dem passenden Partner hin und wieder Probleme - sie verwechseln Weibchen gerne mal mit einer Bierflasche. Ihre Arbeit veröffentlichten sie in einem Fachmagazin: "Australian Journal of Entomology". Titel ihrer Studie: "Käfer auf der Flasche: Warum männliche Prachtkäfer Flaschen für Weibchen halten."
chs/cib/dapd
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