Verleihung in Harvard Spaß-Nobelpreis fürs Kaffeebecher balancieren

Einige Erkenntnisse von Forschern sind, nun ja, kurios. Bei der Verleihung des Ig-Nobelpreises wurden jetzt Arbeiten ausgezeichnet, die sich mit dem Transport von Kaffeebechern oder großen Ohren bei Senioren befassen.

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Didgeridoo spielen hilft gegen Schnarchen und das Geheimnis, den Kaffee nicht zu verschütten liegt darin, rückwärts zu laufen. Für solche Erkenntnisse bekommen Forscher den Ig-Nobelpreis. In der Nacht wurden in Boston zehn Spaßpreise für wissenschaftliche Veröffentlichungen, die "erst zum Lachen und dann zum Denken anregen", verliehen.

Die Ig-Nobelpreise ("ignoble" heißt auf Deutsch "unwürdig") wurden bereits zum 27. Mal an seriöse, wenn auch kuriose Forschungen vergeben - und sind längst Kult. Die undotierten Auszeichnungen sollen "das Ungewöhnliche feiern und das Fantasievolle ehren".

So wie Jiwon Hans Erkenntnis über verschütteten Kaffee, für den er den Preis in der Kategorie Fluide Dynamik gewann. "Ich hatte zu viel Zeit und habe ein Physik-Forschungspapier darüber geschrieben", sagte er auf der Bühne des Sanders-Theaters der US-Eliteuniversität Harvard in Boston.

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Spaß-Nobelpreis 2017: Didgeridoos und flüssige Katzen

So ist er dem Geheimnis auf die Spur gekommen: Den Becher von oben festhalten, geradeaus schauen und rückwärts laufen. "Aber ist das praktisch? Überhaupt nicht! Also ist der Deckel erfunden worden. Aber ich habe verstanden: Bei Forschung geht es nicht darum, wie alt man ist oder wie klug - sondern darum wie viel Kaffee man trinkt. Und mit ausreichend Kaffee und etwas Pech landet man dann in Boston."

Gewinner aus fünf Kontinenten

Die schrille Preisgala mit mehr als 1000 Zuschauern ist stets lange im Voraus ausverkauft. Zwischendurch fliegen bei der anderthalbstündigen Preisverleihung, zu der auch echte Nobelpreisträger anreisen, Papierflieger durch die Luft, es gibt Sketche und bizarre Kurz-Opern.

Die Trophäe war in diesem Jahr der Plastikkopf einer Schaufensterpuppe mit einem darauf gesteckten Fragezeichen. Die Gewinner stammen aus fünf Kontinenten, Deutsche waren diesmal allerdings, anders als in den vergangenen Jahren, nicht dabei.

Im vergangenen Jahr hatte VW noch einen Preis in Chemie bekommen - für "die Lösung des Problems des übermäßigen Ausstoßes von Autoabgasen, indem automatisch elektromechanisch weniger Abgase produziert werden, wenn die Autos getestet werden". Der Gewinner verzichtete allerdings darauf, den Preis entgegenzunehmen.

Die Gewinner der weiteren Kategorien

In diesem Jahr waren auch nicht alle Preisträger angereist, einige ließen sich aber zumindest per Video zuschalten. Das sind die Gewinner der einzelnen Kategorien:

Frieden: Forscher aus der Schweiz, Kanada, den USA und den Niederlanden hatten entdeckt, dass das regelmäßige Spielen eines Didgeridoos bei der Behandlung von Schlafbeschwerden und Schnarchen helfen kann. Die Gewinner kamen Didgeridoo-spielend auf die Bühne, um sich für die "große Ehre" zu bedanken.

Preis 2016: Juckt es links, kratz dich rechts

Forscher Alex Suarez hatte die lindernde Wirkung des Spielens des australischen Instruments bei sich selbst festgestellt. Eine spezielle Atemtechnik sei der Grund. In einer Studie stellten die Forscher fest, dass diese auch anderen Menschen gegen Schnarchen und Schlafprobleme half.

Wirtschaft: Wissenschaftler aus Australien und den USA erhielten einen Preis für ihre Untersuchung der Frage, wie sich der Kontakt mit lebenden Krokodilen auf den Wunsch von Menschen nach Glücksspielen auswirkt.

Physik: Forscher aus Frankreich, Singapur und den USA analysierten, ob Katzen sich gleichzeitig im festen und im flüssigen Zustand befinden können - und wurden dafür ausgezeichnet.

Biologie: Wissenschaftler aus Japan, Brasilien und der Schweiz wurden für die Entdeckung eines weiblichen Penis und einer männlichen Vagina bei einem Höhlen-Insekt geehrt. Zum Dank schickten sie ein Video von sich in einer Höhle. "Wir können leider nicht bei der Preisverleihung sein, denn wir müssen ja weiter Höhlen erforschen."

Ernährung: Forscher aus Brasilien, Kanada und Spanien wiesen erstmals menschliches Blut in der Ernährung der Fledermausart Kammzahnvampir nach - und bekamen dafür einen Ig-Nobelpreis. Auch sie bedankten sich per Video, mit Plastik-Vampirzähnen im Mund.

Medizin: Wissenschaftler aus Frankreich und den USA erhielten die Auszeichnung für ihre mithilfe von Gehirn-Scan-Technologien durchgeführten Untersuchungen der Frage, in welchem Ausmaß manche Menschen sich vor Käse ekeln.

Erkenntnisvermögen: Dass viele identische Zwillinge sich selbst visuell nicht voneinander unterscheiden können, wiesen Forscher aus Italien, Spanien und Großbritannien nach und bekamen dafür einen Preis.

Geburtshilfe: Wissenschaftler aus Spanien zeigten, dass Babys eher auf Musik reagieren, wenn diese elektromechanisch in der Vagina der Mutter gespielt wird, als wenn sie auf dem Bauch der Mutter gespielt wird.

Anatomie: "Haben sie je in einem Bus gesessen und bemerkt, dass der alte Mann, der ihnen gegenüber sitzt, sehr große Ohren hat?", fragte der britische Wissenschaftler James Heathcote das Publikum. Er hatte das bemerkt - und maß bei 206 Patienten nach. "Und es stimmt. Die Ohren wachsen rund zwei Millimeter pro Jahrzehnt. Macht mit dieser Information, was ihr wollt."

Moderator Marc Abrahams, Herausgeber der "Annals of Improbable Research", einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu kurioser Forschung, beendete die Gala schließlich mit seinen traditionellen Abschlussworten: "Wenn Sie dieses Jahr keinen Ig-Nobelpreis gewonnen haben - und besonders dann, wenn Sie einen gewonnen haben: mehr Glück im nächsten Jahr!"

Christina Horsten, dpa/brt

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
default_user 15.09.2017
1.
Das mit den Ohren ist aber nicht neu, oder?
bafibo 15.09.2017
2. Identische Zwillinge?
Die Tücken der wörtlichen Übersetzung: Das sind auf Deutsch "eineiige" Zwillinge, nicht "identische".
cobaea 15.09.2017
3. Fragen und keine Antworten
Es wäre jetzt noch nett gewesen, zu erfahren, WIE sich denn nun der Krokodil-Kontakt aufs Glücksspiel auswirkt. Werden die Spieler nach dem glücklich überstandenen "Kuscheln mit Krokodilen" wagemutiger beim Glücksspiel ("kann ja nur besser werden") oder werden sie vorsichtiger ("kann ja nicht immer alles gut gehen")? Auch die Frage nach der Katze im flüssigen und festen Aggregatzustand bleibt hier unbeantwortet und ich will's doch nicht an meiner Katze ausprobieren...
soundwaves 15.09.2017
4. Literatur
Normalerweise können Sie die Fachartikel zu den Gewinnern auf der offiziellen Website von IG finden. Unter den Gewinnern wird dieses meist verlinkt.
Kuckuck rufts 15.09.2017
5.
Zitat von default_userDas mit den Ohren ist aber nicht neu, oder?
Nein, neu ist das nicht. Und auch schon besser wissenschaftlich untersucht und erklrärt worden: siehe den Beitrag von Nibbig in Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Band 29, 2008!
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