Immunsystem: Frühkindlicher Stress wirkt lange nach

Psychischer Stress, Missbrauch, Unglück: Die Folgen von extremen Belastungen in der frühen Kindheit lassen sich im Immunsystem noch nach Jahren nachweisen. Eine neue Studie kommt zu dem Schluss, dass das spätere Leben entscheidend durch Widrigkeiten in frühen Jahren geprägt werden kann.

Madison - Obwohl sie noch jung waren, hatten viele der kleinen Probanden schon schwere Schicksalsschläge hinter sich. Manche von ihnen mussten schon als Kleinkind Missbrauch über sich ergehen lassen, manche hatten mehrere Jahre in Waisenhäusern in Rumänien, Russland oder China zubringen müssen. Wie US-Forscher nun herausfanden, scheint der Körper für Strapazen dieser Art ein Langzeitgedächtnis zu besitzen.

Schreiendes Baby: Frühkindlicher Stress kann Langzeitfolgen haben
DPA

Schreiendes Baby: Frühkindlicher Stress kann Langzeitfolgen haben

Als die Wissenschaftler um Elizabeth Shirtcliff von der University of Wisconsin die Kinder im Alter zwischen neun und 14 Jahren untersuchten, zeigten diese im Vergleich zu Altersgenossen, die in stabile Verhältnisse hineingeboren worden waren, höhere Werte von Antikörpern gegen ein bestimmtes Herpesvirus. Die Substanz gelte als Anzeiger für eine Belastung des Immunsystems, erklärten die Wissenschaftler.

Die Forscher hatten für ihre Studie insgesamt 34 Kinder untersucht, die in ihrer frühen Kindheit missbraucht worden waren und aus diesem Grund Betreuung oder Beratung in Anspruch genommen hatten. Untersucht wurden außerdem 41 Kinder aus osteuropäischen und chinesischen Waisenhäusern, die jedoch bereits seit einigen Jahren in amerikanischen Adoptivfamilien lebten. Eine Gruppe von 80 weiteren Kindern ohne eine solche belastende und traumatische Vorgeschichte diente zur Kontrolle.

Die Wissenschaftler nahmen bei den Kindern Speichelproben und bestimmten die Konzentration der Antikörper gegen das Herpes-Simplex-Virus 1 (HSV-1). Mit diesem Erreger ist ein Großteil der Bevölkerung infiziert, ohne Symptome zu entwickeln. Das liegt daran, dass das Virus normalerweise vom Immunsystem in Schach gehalten wird. Erst wenn das Immunsystem durch eine weitere Erkrankung oder extremen Stress geschwächt ist, können sich Symptome beispielsweise in Form von Bläschen und offenen Stellen am Mund ausbilden. Ist die Zahl der Antikörper gegen dieses Virus hoch, so deutet dies auf eine Belastung des Immunsystems hin.

Bei den Kindern mit traumatischen Erlebnissen in der frühen Kindheit beobachteten die Forscher auch nach Jahren in stabilen Verhältnissen noch erhöhte Werte bei den Antikörpern. Dies lasse darauf schließen, dass die Prägung, die das Immunsystem durch extremen Stress in den ersten Lebensjahren erhalte, sich auch im späteren Leben noch auswirke, erklären die Wissenschaftler.

Frühere Studien hatten bereits einen anderen Zusammenhang zwischen frühkindlichem Stress und dem Immunsystem herstellen können: Demnach sind Kinder, deren Eltern sich trennen, überdurchschnittlich anfällig für Allergien.

chs/ddp

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