Impfmüdigkeit Die Masern kehren zurück

Die Masern schienen in Europa schon dem Ende nahe - doch jetzt melden Mediziner einen herben Rückschlag. Nach zunächst beeindruckenden Erfolgen ist die Zahl der Erkrankungen wieder rapide gestiegen.


London - Nach den jüngsten Erfolgen war bereits die Hoffnung gekeimt, die Masern könnten in Europa bald Geschichte sein. Doch jetzt haben Wissenschaftler im Fachblatt "The Lancet" eine ernüchternde Bestandsaufnahme veröffentlicht. Demnach sank die Zahl der Fälle in den Jahren 2006 und 2007 zunächst von 8223 auf 3909, in Deutschland gar von 2307 auf 571. Doch in den ersten neun Monaten des Jahres 2008 verzeichneten die Forscher in Europa wieder einen sprunghaften Anstieg auf 6269 Masernfälle.

Kind bei der Impfung: Comeback für die Masern
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Kind bei der Impfung: Comeback für die Masern

In vielen Ländern seien nicht ausreichend viele Kinder gegen die hoch ansteckende Krankheit geimpft, schreibt das Team um Mark Muscat vom staatlichen dänischen Impfinstitut in Kopenhagen. Die Forscher hatten Daten aus den 27 EU- Ländern sowie Kroatien, Island, Norwegen, der Schweiz und der Türkei ausgewertet. Diese Länder meldeten im Zweijahreszeitraum 2006/07 insgesamt 12.132 Masernfälle. 85 Prozent davon ereigneten sich in Rumänien, Deutschland, Großbritannien, Italien und der Schweiz. Sieben Erkrankungen verliefen tödlich.

Masern werden durch ein hoch ansteckendes Virus verursacht, der Fieber und einen Ausschlag am ganzen Körper auslöst. Die meisten Todesfälle im Zusammenhang treten durch Lungenentzündung, Durchfall und durch die Masern-Enzephalitis, eine Gehirnentzündung, ein. Bei Schwangeren kann eine Maserninfektion zu Früh-, Fehl- oder Totgeburten führen.

Nachlässigkeit beim Impfen

Durch Impfungen im Kleinkindalter kann die Krankheit verhindert werden. Allerdings sind einige Menschen nicht geimpft, etwa weil sie keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung haben - oder weil manche Eltern ihre Kinder aus Überzeugung nicht impfen lassen. Auch in Deutschland ist diese Haltung verbreitet. Im April 2006 etwa kam es in Westdeutschland zu einer Masernepidemie mit Hunderten Infizierten. Experten brachten sie mit der hartnäckigen Weigerung von Eltern in Verbindung, ihre Kinder impfen zu lassen.

Durch die neue Entwicklung erscheint das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Masern in Europa bis 2010 auszurotten, gefährdet. Die WHO empfiehlt eine zweistufige Impfung für mindestens 95 Prozent aller Kinder. In Deutschland lag die Impfquote bei zweijährigen Kindern zwischen 1996 und 2003 jedoch konstant bei nur etwa 70 Prozent. Seitdem hat sich die Impfrate nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts zwar verbessert, sei jedoch für eine Eliminierung der Masern noch längst nicht ausreichend. Auch die Schweiz kam der "Lancet"-Studie zufolge zwischen 1991 und 2000 nur auf eine Quote von etwa 82 Prozent. Finnland erreichte dagegen schon seit 1995 (untersucht bis 2003) konstant mehr als 95 Prozent.

Weltweit starben 2007 nach Angaben der (WHO) 197.000 Menschen an Masern - ein Rückgang um 74 Prozent seit dem Jahr 2000. Anfang der sechziger Jahre gab es noch sechs Millionen Maserntote pro Jahr.

mbe/AFP/dpa



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