In 4261 Metern Tiefe Russen setzen Fahne am Nordpol

An Bord eines Mini-U-Boots haben drei Russen als erste Menschen den Meeresboden am Nordpol erreicht. In mehr als vier Kilometern Tiefe hinterließen sie eine russische Fahne - Symbol für Moskaus strittigen Anspruch auf Gebiet und Bodenschätze unter dem Polarmeer.


Mir heißt übersetzt Frieden, und Mir-1 lautet der Name des russischen Tauchboots, mit dem ein dreiköpfiges Team heute in der Tiefsee am geografischen Nordpol aufgesetzt ist. Nach übereinstimmenden Medienberichten erreichte das kleine U-Boot den Meeresboden in 4261 Metern Tiefe. Dort habe die Besatzung eine russische Flagge aus Titan in den Meeresgrund gerammt, berichtet die Nachrichtenagentur Itar-Tass. In anderen Berichten war von einer Kapsel aus Titan die Rede, welche die russische Flagge enthalte. Jedenfalls hat die russische Nordpol-Expedition ihr Ziel erreicht - vom nördlichsten Punkt der Erdkugel symbolisch Besitz zu ergreifen.

"Es ist wie das Hissen der Flagge auf dem Mond", sagte Sergej Baljasnikow, der Sprecher des zuständigen Instituts für Arktis- und Antarktisforschung. "Erstmals in der Geschichte erreichen Menschen den Meeresboden unter dem Nordpol."

Expeditionsleiter Artur Tschilingarow meldete schon bald nach Beginn des Tauchgangs seinen Kollegen an Bord des Forschungsschiffs "Akademik Fjodorow", sein U-Boot habe den Meeresgrund erreicht. "Die Landung war sanft, der gelbliche Boden umgibt uns, es sind keine Meeresbewohner zu sehen", zitierte ihn Itar-Tass. Tschilingarow sitzt als Abgeordneter im Moskauer Parlament, der Duma. Der frühere Arktisforscher ist außerdem Präsident der russischen Vereinigung der Polarforscher.

Lomonossow-Rücken: Verbindung zum Kontinental-Schelf?
Marum

Lomonossow-Rücken: Verbindung zum Kontinental-Schelf?

Bis Mitte September sollen die "Akademik Fjodorow" und die Tauchboote Mir-1 und Mir-2 im Nordmeer über dem Pol bleiben und wissenschaftliche Untersuchungen vornehmen. Mit der ehrgeizigen Expedition will Moskau seinen Anspruch auf fast 1,2 Millionen Quadratkilometer Gebiet in der Polarregion stützen - ein Gebiet, das etwa doppelt so groß wie Frankreich ist.

Ziel der Expedition sei es, wissenschaftliche Beweise dafür zu sammeln, dass das Unterwassergebirge am Nordpol mit dem russischen Festland verbunden sei, sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Der Minister selbst nahm nicht an der Expedition teil. Bereits 2001 machte Moskau geltend, dass der Lomonossow-Rücken eine Fortsetzung des russischen Kontinentalschelfs sei. Die Uno wies den Antrag wegen mangelnder Beweise zurück. In zwei Jahren will Russland erneut versuchen, seinen Anspruch durchzusetzen. Wegen der Eisschmelze infolge der globalen Erwärmung rechnen Experten damit, ass die Erschließung der Arktis zunehmend einfacher wird.

Neue Kriegsschiffe, Wettrennen um die Schätze der Arktis

Angesichts eines angekündigten massiven Ausbaus der eigenen Kriegsflotte und des Vorpreschens im Gebietsstreit am Nordpol fürchten Beobachter schon einen Kalten Krieg in der Arktis. Das Gebiet ist vor allem aus wirtschaftlichen Gründen interessant - dort werden Milliarden Tonnen an Öl- und Gasvorkommen vermutet. Die Mir-Tauchfahrt wirft ein Schlaglicht auf die Rivalitäten zwischen Russland, den USA, Kanada und weiteren Anrainerstaaten der Polarregion. Auch EU-Mitglied Dänemark hofft nachweisen zu können, dass der Lomonossow-Rücken eine Fortsetzung Grönlands ist - und damit seines eigenen Territoriums.

Die Tauchboote werden am späten Nachmittag zurückerwartet. Die Mannschaften müssen den Weg zurück an die Öffnung im 1,5 Meter dicken Eis finden, bevor ihre Sauerstoffvorräte zur Neige gehen. Der atombetriebene Eisbrecher "Rossija" hatte in der Nacht ein rund 125 auf 10 Meter großes Loch für die beiden U-Boote geräumt, wie der Fernsehsender RTR berichtete. Das zweite Boot traf laut dem Fernsehsender Westi 24 in 4302 Metern Tiefe auf den Meeresgrund. An Bord von "Mir-2" war auch ein Wissenschaftler aus Schweden.

"Niemand weiß, was da unten ist", hatte Wladimir Grusdew gesagt, einer der drei Insassen der Mir-1. Bevor das Tauchboot zum Nordpol aufbrach, orakelte er gegenüber dem Fernsehsender Channel One: "Was ist, wenn wir dort Atlantis finden?"

stx/AFP/AP/dpa/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.