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Verborgene Schätze: Neues Wissen aus alten Vitrinen

Von "National Geographic"-Autor Jeremy Berlin, Fotos von Rosamond Purcell 

Historische Sammlungen: Paradiesfalter und Maulwurfsfelle Fotos
Rosamond Purcell/ NATIONAL GEOGRAPHIC

In den Depots von naturwissenschaftlichen Museen liegen verborgene Schätze. Forscher und Entdecker haben sie einst gesammelt, viele Präparate stammen von mittlerweile ausgestorbenen Arten.

Seit 50 Jahren ist "Walter" jetzt tot. Wie schlafend liegt der Pazifische Riesenkrake, seine zwei Meter langen Arme verschränkt, in einem 40-Liter-Tank gefüllt mit Alkohol. Seine Nachbarn stammen aus dem Atlantik: Es sind Feuerwalzen, deren geheimnisvoll blaugrüne Biolumineszenz längst erloschen ist. Auf einem Regal stehen bunte Korallen und Algen. An Haken baumeln Girlanden aus Polynesischen Baumschnecken. Unter Glas leuchtet das Perlmutt von Muschelschalen aus dem Mississippi. Einst machte die Knopfindustrie damit prächtige Gewinne. Und dann sind da 230 Vitrinen: luftdicht, maßgefertigt, klimatisiert. Aufbewahrungsstätten für zehn Millionen Schneckenhäuser.

Wir sind in Philadelphia, an der Academy of Natural Sciences. Diese Sammlung lagert eine halbe Treppe über zwei anderen, nicht weniger aufregenden Depots. Die Abteilung für Entomologie birgt Schubladen voller goldglänzender Skarabäen und vier Millionen anderer Käfer aus aller Welt. Die paläontologische Sammlung bietet 400 Millionen Jahre alte Fischknochen, Teile von Ichthyosaurus-Skeletten aus England und Zähne eines Amerikanischen Mastodons, das vor 10.000 Jahren ausgestorben ist.

Oft werden Arten erst Jahrzehnte nach ihrem Fund katalogisiert

Es ist ein Potpourri des Lebens und der Evolution, das zahllose Entdecker hier über viele Jahrzehnte zusammengetragen haben. Oft ist es ja so, dass nur die Entdeckung selbst öffentlich gewürdigt wird. Für die Wissenschaft dagegen ist der Fund an sich nur der erste Schritt. Die eigentliche Arbeit folgt dann hier, im Museum, inmitten der sorgsam gehüteten Kollektionen. Hier werden Arten beschrieben, benannt, etikettiert und katalogisiert, oft erst Jahrzehnte nach ihrem Fund. Hier entlocken Biologen alten Pflanzen und Tieren neue Geheimnisse. Hier liefert jedes tote Exemplar anatomische und genetische Daten zum Verständnis des Lebens.

Die Akademie in Philadelphia wurde 1812 von Amateur-Naturforschern gegründet, das Museum ist das älteste Naturhistorische Museum der westlichen Welt und gehört zu den ersten, die für das Recht eintraten, dass jeder Mensch nach Wissen streben dürfe. Ähnliche, nicht weniger beeindruckende Sammlungen gibt es auch in Ihrer Nachbarschaft, ob in Hamburg (Zoologisches Museum), in Berlin (Museum für Naturkunde), in Frankfurt (Senckenberg-Museum) oder Wien (Naturhistorisches Museum).

Gesammelt haben Menschen schon immer. Ist es ein Relikt aus unserer Zeit als Jäger und Sammler? Das Bedürfnis, Ordnung ins Chaos zu bringen? Oder schlicht der Wunsch, etwas zu haben und zu behalten? Für manche, schrieb der Evolutionstheoretiker Stephen Jay Gould, "ist die Sammelleidenschaft eine Ganztagsbeschäftigung, eine Art seliger Wahn". Ein Wahn, ohne den wir weniger wüssten über unsere Vergangenheit. Wobei die ersten Sammlungen eigentlich nicht dem Wissen gewidmet waren.

Als Carl von Linné bahnte der so Geadelte im Geist der Aufklärung den Weg für ordnungsgemäßes wissenschaftliches Sammeln, aber auch den Übergang vom privaten zum öffentlichen Sammeln. Naturforscher begannen, die Funde mit Sorgfalt zu präparieren, nicht ohne anfangs Konservierungstechniken einzusetzen, die mehr schadeten als nützten: Schlangen wurden mit Stroh ausgestopft, Muscheln gekocht und in Sägemehl paniert. Manche Methoden waren gefährlich. "Das ist eine sehr arsenige Arbeit", schrieb 1848 der Ornithologe John Cassin. "Ich habe etwa die Hälfte der [Eulen-]Sammlung beschriftet ... und bekam ein Lungenödem, heftigsten Kopfschmerz und Fieber."

"Man braucht echte und digitale Sammlungen"

Heute agieren Sammler schonender - für sich und ihre Objekte. Sie durchleuchten Tiere und Pflanzen mit Röntgenstrahlen und im Tomografen, ohne sie zu beschädigen. Temperatur und Feuchtigkeit werden konstant gehalten. "18 bis 21 Grad und 40 Prozent relative Luftfeuchtigkeit sind für naturhistorische Sammlungen ideal", erklärt der Vogelexperte Christopher Milensky. Er arbeitet an der Smithsonian Institution, der in den USA zahlreiche Museen und Forschungseinrichtungen angehören.

Heute werden immer mehr Objekte gescannt und im Computer digital gespeichert. Ein Ersatz für das Original können virtuelle Pflanzen und Tiere aber nicht sein. "Man braucht beides: echte und digitale Sammlungen", sagt der Paläontologe Ted Daeschler. "Ein digitales Exemplar ist nur eine Art Foto. Nur das Original ist die reale Ausprägung dieses bestimmten Organismus zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort." Robert McCracken Peck von der Academy of Natural Sciences drückt es so aus: "Hätten wir hier nicht 18 Millionen Objekte, sondern 18 Millionen Bilder, würde das wohl kaum jemanden interessieren."

Ein letztes Argument für den Wert von Sammlungen nennt Kirk Johnson: "Viele Präparate stammen von Arten, die ausgestorben sind. Aber wir haben ihre DNA - und werden so zu Hüter des Wissens über unseren Planeten."

Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe Januar 2014, www.nationalgeographic.de


Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/expeditionen

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1. Grrr
quark@mailinator.com 05.01.2014
Zitat von sysopRosamond Purcell/ NATIONAL GEOGRAPHICIn den Depots von naturwissenschaftlichen Museen liegen verborgene Schätze. Forscher und Entdecker haben sie einst gesammelt, viele Präparate stammen von mittlerweile ausgestorbenen Arten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/in-den-depots-von-museen-liegen-verborgene-schaetze-a-939896.html
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, oder was ? Abgesehen davon - ja, alles, was nicht wirtschaftlich verwertbar ist, wird hintenangestellt und geht immer mehr vor sie Hunde, seit der Staat kein Geld mehr hat. Leider. Aber das Vorenthalten von Dingen, für welche das Volk eigentlich schon bezahlt hat zieht sich wie ein roter Faden durch viele Bereiche. Z.B. muß man bezahlen um Forschungsergebnisse lesen zu dürfen, etc. ... In unserer Stadt wurden Museen aus interessanten Immobilien im Innenstadtbereich verdrängt und sind schon jahrelang nicht mehr sichtbar, weil die Ersatzimmobilien nicht den baulichen Anforderungen an öffentliche Gebäude entsprechen. Eines der früheren Ausstellungsgebäude wurde für viel Geld umgebaut und dient den Stadtoberen nun als Repräsentations- und Sitzungsgebäude ... Nicht, daß sie nicht vorher auch schon zwei größere Rathäuser etc. gehabt hätten ... Was soll man da noch schreiben ?
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