Erbgut-Analyse Indiens Kastengesellschaft entstand vor 1900 Jahren

Indiens Gesellschaft ist gespalten, das Kastensystem erlaubt nur wenig Mischung. Erbgutanalysen zeigen nun, dass die Spaltung relativ spät begann.

Erst Wandel, dann Stillstand: Offenbar stoppte das Kastenwesen die Vermischung der Bevölkerungsgruppen in Indien (Archivbild)
REUTERS

Erst Wandel, dann Stillstand: Offenbar stoppte das Kastenwesen die Vermischung der Bevölkerungsgruppen in Indien (Archivbild)


Die heutige Bevölkerungsstruktur Indiens ist vor einigen Jahrtausenden entstanden und blieb seitdem weitgehend unverändert. Das geht aus einer Analyse der Genome verschiedener Volksgruppen des Subkontinents hervor. Die im "American Journal of Human Genetics" veröffentlichte Studie deutet darauf hin, dass das heutige Kastensystem erst recht jungen Datums ist und die damalige Bevölkerungsstruktur quasi einfror.

Für die Studie analysierte das US-indische Team um die Genetikerin Priya Moorjani von der Harvard Medical School in Boston das Erbgut von 73 indischen Bevölkerungsgruppen. Dabei leiteten die Forscher die zeitliche Abfolge des demografischen Wandels von der Struktur des Erbguts ab, die sich von Generation zu Generation verändert.

Die Analyse ergab drei grundlegende Phasen der Geschichte: Bis vor etwa 4200 Jahren, also weit nach Einführung der Landwirtschaft, lebten im Norden des Subkontinents die sogenannten Ancestral North Indians (ANI), die mit den Europäern, Kaukasiern oder den Bewohnern Zentralasiens verwandt sind. Der Süden bildete dagegen die Heimat der Ancestral South Indians (ASI).

Vermischung kommt plötzlich zum Erliegen

Im Laufe der folgenden gut 2000 Jahre vermischten sich beide Gruppen, und zwar selbst in den abgelegensten Regionen, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten. Dieser Prozess stoppte vor etwa 1900 Jahren - vermutlich mit der Einführung des Kastensystems, das Heiraten nur noch innerhalb bestimmter Gruppen vorsah.

"Der auffälligste Aspekt der ANI-ASI-Vermischung ist, wie durchgängig sie war und dass sie fast jeder Gruppe in Indien ihren Stempel aufdrückte", schreiben die Forscher. "Sie beeinflusste nicht nur Gruppen aus traditionell hohen Kasten, sondern auch aus traditionell niedrigen Kasten und von isolierten Stämmen, die in ihrer Geschichte der Vermischung über Tausende Jahre vereint sind."

Das Kastensystem in seiner derzeitigen Form müsse erst relativ spät entstanden sein, folgern die Forscher. Das bestätigt die Rigveda, eine alte hinduistische Schrift. Das Kastensystem werde in deren älteren Teilen nicht erwähnt, sondern nur in Texten, die vermutlich Jahrhunderte später verfasst wurden, schreiben die Forscher.

che/dpa

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