Indonesien Forscher finden Pompeji des Ostens

In Indonesien haben Forscher die Überreste eines Miniatur-Königreichs entdeckt, das fast 200 Jahre lang verschollen war. Der Vulkan Tambora hatte die Siedlungen bei einem gewaltigen Ausbruch im Jahr 1815 unter Staub und Asche begraben.


Es war die heftigste Vulkanausbruch in der jüngeren Menschheitsgeschichte: Als der Tambora am 10. April 1815 explodierte, verschüttete er das indonesische Königreich Tambora vollständig. Rund 10.000 Menschen starben unmittelbar durch den Ausbruch, rund 80.000 bis 90.000 weitere kamen durch Tsunamis, Hungersnöte und Krankheiten ums Leben.

Haraldur Sigurdsson (l.) bei Ausgrabungen: Reste des Königreichs Tambora entdeckt
AP

Haraldur Sigurdsson (l.) bei Ausgrabungen: Reste des Königreichs Tambora entdeckt

Wissenschaftler um Haraldur Sigurdsson von der University of Rhode Island haben nun erstmals Überreste eines Dorfes des Kleinstaats freigelegt. Unter einer mehr als drei Meter dicken Ascheschicht fanden die Forscher ein Haus mit den Überresten zweier Erwachsener. Auch Bronzeschalen, Keramiktöpfe, Eisenwerkzeug und andere Gegenstände holten die Forscher ans Tageslicht.

Sigurdsson schließt aus der Anzahl an Bronzestücken, dass die Einwohner von Tambora durchaus nicht arm waren. Sie sollen in Südostasien für ihren Honig, ihre Pferde und ihr Sandelholz bekannt gewesen sein. Das Design und die Verzierungen der Gegenstände lassen außerdem auf kulturelle Einflüsse aus Vietnam und Kambodscha schließen.

"Tambora könnte das Pompeji des Ostens sein", meint Sigurdsson. Er vermutet unter der Asche weitere kulturelle Schätze, unter anderem einen hölzernen Palast, den er in einer weiteren Exkursion zu finden hofft. "All die Leute, ihre Häuser und ihre Kultur sind so unter der Asche begraben und erhalten, wie sie im Jahr 1815 waren", sagte der Wissenschaftler.

Spuren der Eruption: Der Ausbruch des Tambora hinterließ am 10. April 1815 einen riesigen Krater
AP

Spuren der Eruption: Der Ausbruch des Tambora hinterließ am 10. April 1815 einen riesigen Krater

Sein Team nutzt Radartechnik, um Formen unter der Asche auszumachen. Mit dieser Methode fanden die Forscher auch das Haus, das auf Stelzen auf einem steinernem Fundament steht. Es befindet sich in einem Dorf rund fünf Kilometer landeinwärts. Die Einwohner wählten diesen Standort, um sich vor Piraten zu schützen, vermutet Sigurdsson.

Der Ausbruch des Tambora hatte globale Auswirkungen: Der Vulkan stieß rund 100 Kubikkilometer Magma, Staub und Asche aus und katapultierte 400 Millionen Tonnen Schwefelgase bis zu 44 Kilometer hoch in die Atmosphäre. Der Donner der Explosion war noch in Entfernungen von mehr als 1000 Kilometern zu hören. Die Asche und Gase ließen die Erdatmosphäre so weit abkühlen, dass es 1816 in Europa und Nordamerika zum sogenannten Jahr ohne Sommer kam. Kälte und Frost vernichteten die Ernten, so dass in vielen Ländern Hungersnöte folgten.

Der Tambora-Ausbruch hatteauch noch eine Folge ganz anderer Art: 1816 trafen sich die Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley sowie dessen Frau Mary Shelley am Genfer See. Wegen des schlechten Wetters verbrachten sie viel Zeit im Haus. Bei einer dieser Zusammenkünfte schlug Byron vor, dass jeder der Anwesenden einer Gruselgeschichte schreibt. Mary Shelley verfasste daraufhin einen Roman, der noch lange fortwirken sollte: Frankenstein.

hda/ddp



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